Richtig? Falsch?

von Annina Striebel

Mit Fact Checking lassen sich Recherchefehler aufspüren und vor der Veröffentlichung korrigieren. In der Schweiz meinen die meisten Medien auf die institutionalisierte Überprüfung der Korrektheit von Fakten und der Zuverlässigkeit von Quellen verzichten zu können. Ein Märchen, wie jenes von der falschen Nasa-Astronautin wäre mit Fact Checking möglicherweise früher als solches erkannt worden.

Da Journalistinnen und Journalisten oft nicht genügend Zeit haben, die nötige Vorsicht bei der Prüfung von Fakten walten zu lassen, gibt es die Funktion des Fact Checkers. Fact Checker sind dazu da, sicher zu stellen, dass nichts Unwahres verbreitet wird. Allerdings gibt es nur wenige Medien, die sich eine Abteilung mit Faktenprüfern leisten können und wollen. Der „Spiegel“ ist dabei eine prominenten Ausnahme: Beim Hamburger Nachrichtenmagazin arbeiten rund 80 Fact Checker, die 2008 in einer einzigen Ausgabe 1153 Fehler entdeckt haben und deren Veröffentlichung verhindern konnten. Das zeigt, dass die Funktion der Faktenprüfer nötiger denn je wäre. Nicht zuletzt, weil heute viele journalistische Recherchen bei Google anfangen und enden und so unüberprüftes Material aus dem Internet für bare Münze genommen wird. Eine Vielzahl der Medien produziert zudem unter grossem Zeitdruck.

Trotzdem hält es Bertram Weiss, Kommunikationswissenschaftler und Wissenschaftsjournalist, der Untersuchungen zu Fact Checking bei deutschen Medien durchgeführt hat, für möglich, dass Fakten überprüft werden vor der Publikation. Man müsse elementare Fragen an einen Beitrag richten, um seine Richtigkeit zu überprüfen. Essentiell sei es „zu wissen, ob die Quelle belastbar ist, ob die präsentierten Fakten richtig sind und ob sie auch für einem selbst plausibel sind.“ Plausibel sollten die Fakten im Sinne von nachvollziehbar und glaubwürdig sein.

Im besten Fall aufmerksame Korrektorate
In der Schweiz sind Weiss keine Redaktionen bekannt, die ausdrücklich Fact Checker beschäftigen, um die Richtigkeit ihrer Textinhalte zu überprüfen. Es gibt in der Schweiz zwar Korrektorate, die mehr als die Orthographie überprüfen, aber Fact Checking ist nicht institutionalisiert. Vinzenz Wyss, Professor am Institut für Angewandte Medienwissenschaften in Winterthur, stellt fest, dass in der Schweiz vornehmlich öffentliche Medien Geld ausgeben für Gegenrecherche und Beitragsabnahme. Bei Tageszeitungen und privaten TV- und Radiosendern stellt Wyss in diesem Punkt ein starkes Defizit fest.

Redaktionen sollten darüber nachdenken, ob sie nicht Stellen für Fact Checker schaffen wollen. Es zeigt sich immer wieder, dass es riskant sein kann, nicht genauer zu überprüfen, woher die Informationen stammen, die veröffentlicht werden. Im Fall der falschen Nasa-Astronautin, der durch die Schweizer Medien ging, hätte eine frühzeitige Faktenüberprüfung sehr schnell dem Hype um die umtriebige Physiklehrerin einen Riegel schieben können.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Richtig? Falsch?

  1. J. Zimmermann

    Stephen Glass, Claude Bühler, Lorenz Wolffers und nicht zuletzt Tom Kummer – alle haben sie ihre journalistischen Berichterstattungen grösstenteils frei erfunden. Stephen Glass ging dabei gar so weit, dass er Firmen erfand und deren Existenz mit selbst gemachten Webseiten zu belegen versuchte. Früher oder später flogen sie alle auf und leben nun als Filmikonen („Shattered Glass“, „Bad Boy Kummer“) weiter.

    Mit Hilfe von Fact Checkern, die vor allem im amerikanischen Journalismus verbreitet sind, hätten diese Fälschungen viel früher aufgedeckt werden können.

    Die Beilage «Journalisten Werkstatt» des Schweizer Journalisten (Ausgabe 6/7) befasst sich ausschliesslich mit diesem Thema und bietet mitunter praktische Tipps für Journalisten, deren Arbeit nicht von Fact Checkern nachgeprüft wird.

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