Die Kunst der Kritik

von Stephan Eisler

Fakten und Argumente statt Emotionen: Was die Kritik vom Feedback unterscheidet, erklärte Werner Geiger, Sprechausbildner von Schweizer Radio DRS, an der Herzberg-Tagung.

Feedback sei eine wertende Äusserung des Hörers über das Gehörte, weiss Werner Geiger aus seiner Erfahrung als Sprechausbildner bei Radio DRS. Solche Äusserungen zwingen den Adressaten aber nicht dazu, das Gesagte ernst zu nehmen. Mit der Kritik hingegen müsse sich der Adressat auseinandersetzen. Die Kritik an sich müsse frei von Wertungen sein. „Wenn ich Kritik übe“, sagt Geiger, „dann setzt das einen Auftrag der Redaktion voraus. Kritik soll die Abweichungen von dem aufzeigen, was die Redaktion eigentlich gewünscht hätte“. So wird auch beim Schweizer Radio DRS nach klar formulierten Sendeprofilen gearbeitet. Die Kritik setzt dann ein, wenn Profile verletzt wurden.

Schwierige praktische Umsetzung
Besondere Probleme beim Radio sind die Wirkung der Stimmlage und der Sprechart. Genau wie das Alter, Geschlecht oder das Sprechmuster eines Moderators lösen sie beim Zuhörer emotionale Reaktionen – also Feedback – aus. Denn die gesprochene Nachricht wird durch all die genannten Faktoren beeinflusst und wirkt anders als der reine Text. Geiger verdeutlicht dies mit einem Beispiel: Ein Wetterbericht wird von zwei verschiedenen Personen gelesen, einem Mann und einer Frau. Er spricht schnell, hektisch und laut. Sie spricht langsam, stark betonend und stöhnend. So wirkt der erste Bericht wie ein Sportkommentar, während der zweite wie eine Erotikwerbung anmutet. Diese Beispiele waren inszeniert und bewusst übertrieben. Sie verdeutlichten aber den Effekt sprachlicher Fehlleistungen auf den Hörer: Der Kontext ändert sich und die Nachricht wird dadurch anders gewertet. Laut Geiger brauche es darum eine stete Qualitätskontrolle und zielgerichtete Kritik.
Geiger merkte an, dass man in der Praxis zwar viele Feedbackregeln kenne und dass versucht werde, zwischen Feedback und Kritik eine Trennlinie zu ziehen. Doch beide überlappen sich oft. „Wenn wir Kritik üben, können wir uns noch so an Feedbackregeln halten, wir beginnen dabei alle irgendwann zu werten“, erklärt Geiger. Ist eine Kritik mit Emotionen geladen, verkommt sie zur reinen Rückmeldung, also zum Feedback.

Beispielhaftes Vorgehen
Feedback ist zusammenfassend eine wertende Reaktion vom Adressaten, während Kritik einen klaren Auftrag und Richtlinien voraussetzt, um Emotionalität auszuschliessen und Qualität zu gewährleisten. Das Feedback sollte bestenfalls als Anstoss gesehen werden, konstruktive Kritik zu üben. Für Geiger steht die Sachlichkeit im Vordergrund: „Ich gebe nicht Anweisungen für Emotionen, ich gebe technische Anweisungen. Das ist Kritik“. Ein Vorgehen, an dem sich jede Redaktion ein Beispiel nehmen kann, egal ob Radio, Print oder Online. Bleibt nur eine Frage: Warum stecken viele Redaktionen immer noch im Feedback fest und gehen nicht endlich zur Kritik über?

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Die Kunst der Kritik

  1. Helena

    Die Unterteilung von konstruktiven Rückmeldungen in „Kritik = technische Anweisungen“ und „Feedback = emotionsgeladene Meinung“ mag ein bisschen problematisch sein. Jede Person, die beim Radio als Moderator arbeitet, ist sich bewusst, dass seine oder ihre Stimme, der Dialekt und nicht zuletzt auch das Thema einen massgeblichen Einfluss darauf haben, wie ein Hörer das Gesprochene wahrnimmt und darauf reagiert. Darum ist es gar nicht möglich, nur rein auf technischer Ebene Rückmeldungen zu geben. Natürlich ist der Versuch der Trennung zwischen Kritik und Feedback, wie es Werner Geiger propagiert, nicht per se zum Scheitern verurteilt, aber sollte Herr Geiger vielleicht mehr Vertrauen in seine Moderatoren bezüglich deren Know How der Materie (wie spreche ich? wie will ich das Gesagte transportieren? wie erreiche ich die Hörer?) haben. Egal wie und wofür jemand eine Rückmeldung erhält, ohne die persönliche Einschätzung des Rückmelders hat doch jede noch so gut gemeinte Kritik eine „ja dann mach ichs halt-Attitüde“, mit einer subjektiven Färbung dagegen kann sich der Empfänger eher sicher sein, dass sich der Kritiker nicht nur mit dem „wie“ sondern auch mit dem „was (möchte ich transportieren)“ befasst hat. Deshalb: ist eine auf nüchterne Art kommunizierte Meinung wirklich in jedem Fall erstrebenswerter als ein Feedback mit Emotionen?

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