„Medienkritik ist Chefsache“

von Lea Klauser

Unter ständigem Aktualisierungsdruck wird es zunehmend schwierig, journalistische Qualitätsansprüche zu erfüllen. Dieses Problem kennt auch Hansi Voigt, Chefredaktor von 20 Minuten Online, der grössten Newsplattform der Schweiz. Wir sprachen mit ihm über Onlinemedien, die Rolle der Blattkritik bei ständiger Aktualisierung und die Medienkritik in der Schweiz.

Hansi Voigt, wie sieht eine Blattkritik bei 20min.ch aus?

Eine Blattkritik im Onlinebereich ist eine knifflige Sache, weil sie immer nur eine Momentaufnahme sein kann. Wir haben deshalb keine institutionalisierte Blattkritik bei der die ganze Website ausgedruckt und besprochen wird oder ähnliches. Wir kritisieren laufend. Die Tagesverantwortlichen aus der Chefredaktion bauen Feedbacks ins morgendliche Themenprotokoll ein. Aber alle Mitarbeiter nutzen das „Mail-an-alle“ mit Screenshoots von Faux-Pas und gesammelten Stilblüten als Erziehungsmassnahme.

Wo liegt der Schwerpunkt dieser latenten Blattkritik?

Die Gegenleser schauen vor allem auf den Inhalt, erst dann kommt der Korrektor.
Wegen der Geschwindigkeit können wir aber nicht alles vor der Veröffentlichung auf Orthografie korrigieren. Sonst schaffen wir einen gigantischen Flaschenhals. Bei der Rechtsschreibung haben wir auch deshalb durchaus Verbesserungspotential.

20min.ch hat den Anspruch immer aktuell zu sein, 18 Stunden am Tag ist die Redaktion besetzt und auch nachts wird sie mit Meldungen aktualisiert. Leidet darunter nicht die Recherche ?

Wichtig ist, dass man nicht jedes Thema im gleichen Tempo behandelt.  Wenn wir eine Agenturmeldung, die kein grosses Potenzial verspricht, in drei Minuten online schalten können, tun wir das auch. Dadurch gewinnen wir die Zeit für einen anderen Artikel, an dem einer einen Tag lang sitzt oder für ein Thema, das jemand eine Woche lang begleitet.. Wir leiden also nicht unter dem 18 Stunden Tag, höchstens, wenn wir keine Prioritäten setzen.

Kritisieren Sie, beziehungsweise 20min.ch, andere Medien?

Ja, ab und zu mache ich das. Wir erlauben uns schon Kritik bei anderen Medien, ich bin mir aber bewusst, im Glashaus zu sitzen. Ich finde es auch in Ordnung, dass wir unter Beschuss kommen, solange die Fairness gewahrt bleibt. Das führt zu guten Auseinandersetzungen.

Ist Medienkritik Chefsache?

Es muss auf jeden Fall ein pointierter, kompetenter Autor sein. Wenn das ein Chef ist, umso besser. Es sollte jedenfalls kein Schnellschuss sein, oder Wadenbeisserei unter Kollegen.

Wie sehen Sie die Rolle der Medienkritik in der Schweiz?

Ich empfinde, dass wenig institutionalisierte Medienkritik stattfindet. Was wir da zurzeit als Qualitätskritik erleben, ist leider oft nicht auf der Höhe der Zeit und von bedenklichem Stammtischniveau. Das ist schade, denn ich schätze den Qualitätsdiskurs sehr und ich würde mir eine wachere Medienkritik in der Schweiz wünschen.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

4 Gedanken zu „„Medienkritik ist Chefsache“

  1. Vinzenz Wyss

    Eine funktionale „Sendungskritik“ im Bereich des Onlinejournalismus ist sicherlich anspruchsvoller als etwa eine Blattkritik, bei der das Redaktionsteam die letzte Printausgabe zeitgleich durchblättert. Trotzdem: Die Möglichkeit der ständigen Aktualisierung bedeutet ja nicht gleichzeitig, dass man vor einer institutionalisierten Selbstkritik absehen muss. Auch die User der Onlineangebote sind ja nicht einfach rund um die Uhr dabei, die Angebote zu nutzen. Es gibt Rezeptionsmuster und Spitzenzeiten der Nutzung. Das kennt übrigens auch der Radiojournalismus. So schaffen es auch manche Radiosender trotz ständiger Aktualisierung im Programm, täglich eine Feedbackrunde zu organisieren, bei der grundsätzliche Regeln am konkreten Beispiel kurz besprochen werden. Das ist professionell und ermöglicht eine qualitätsorientierte Selbststeuerung der Redaktion.

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  2. Ronnie Grob

    Schöne, neue Website! Da scheinen auch interessante neue Inhalte heranzuwachsen…

    Als spontane Inputs:

    – Wer nur flüchtig auf die Hauptseite blickt, könnte annehmen, dass es nach den wenigen Zeilen gar nicht weiter geht – vielleicht kann man das noch besser kennzeichnen?
    – Die URL der Unterseiten verweist auf citrin.ch – wird das noch behoben?
    – Kann man auch über Folgekommentare per E-Mail informiert werden? (Es gibt dazu ein WordPress-Plugin)

    Ansonsten hab ich den RSS-Feed abonniert und bin gespannt auf die zukünftigen Inhalten. Guten Start wünsch ich!

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  3. Annina Striebel

    Es ist fraglich ob die „Mail-an-alle“-Blattkritik mit Screenshots von Stilblüten motivierend ist für die jeweils betroffenen Journalisten. Mit Screenshots ist noch keine konstruktive Kritik geübt worden. Dieses „Mail-an-alle“ bewirkt vor allem eines: Es stellt den einzelnen Journalisten bloss, ohne zu hinterfragen, wie es zu der Stilblüte oder zum Faux-Pas kommen konnte. Der Journalist hat so keine Möglichkeit den Fehler zu verbessern, ehe er thematisiert wird.

    Man erkennt im Interview gut, dass Voigt nicht direkt darauf eingeht, ob die Recherche leidet, wenn man 18 Stunden pro Tag publiziert. Ein konkretes „Ja“ oder „Nein“ ist nicht zu vernehmen. Dies legt den Verdacht nahe, dass es im Rahmen des Möglichen liegt, dass die Recherche leidet, auch wenn sich die Redaktion für gewisse Themen mehr Zeit lässt. Denn es kann riskant sein eine „Agenturmeldung, die kein grosses Potential verspricht“ in drei Minuten online zu schalten – sie könnte sich als fehlerhafte Meldung entpuppen.

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  4. Pingback: Grenzen und Möglichkeiten | Medienkritik Schweiz

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