Mit einem Augenzwinkern

von Helena Gunsch

Wie sinnvoll und wirksam ist externe rückblickende Medienkritik? An der Herzbergtagung stellten Eliane Bucher und Matthes Fleck ihre Tätigkeit als „Merker“ des St. Galler Tagblatts vor.

Im Jahr 1998 führte Gottlieb F. Höpli, damaliger Chefredaktor des St. Galler Tagblatts, den „Merker“ ein, als unabhängige externe Medienkritik-Instanz zur Qualitätssicherung beim Ostschweizer „Quasi-Monopolisten“. Die Merker halten der Tagblatt-Redaktion in ihrer monatlich erscheinenden humoristischen Kolumne vor allem bezüglich Sprache und Stil, Grafiken und Abbildungen sowie der Themenauswahl und der Schwerpunktsetzung in der Berichterstattung den Spiegel vor.

Bloss nicht zu ernst
Seit 2009 haben Eliane Bucher und Matthes Fleck von der Universität St. Gallen (HSG) die Merker-Funktion inne. Matthes Fleck hat BWL und Publizistik studiert, Eliane Bucher ist Doktorandin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement. „Keiner der bisherigen neun Merker war totaler Medienlaie“, betont Fleck.
Die Kolumnen basieren auf täglichem Zeitungsstudium, bei dem „Auffälligkeiten gesammelt“ und Ende des Monats in den jeweils drei bis fünf Themenblöcken einer Kolumne aufgegriffen werden. Laut Fleck ist es „eine Gratwanderung zwischen humoristisch kritisieren und jemanden blossstellen“. Deshalb soll ihre Kritik nicht verbissen, sondern mit einem Augenzwinkern daherkommen (Beispiel einer Nachrichtenüberschrift: „Lehrling in Bus und Frau attackiert“. Bucher und Fleck fragen sich und die Leser, was der Autor damit wohl ausdrücken wollte).

Redaktion auf Trab halten
Im Frühjahr 2009 trat Höpli als Chefredaktor zurück, seitdem betreut sein Nachfolger Philipp Landmark die Merker. „Die Idee, Profis das Blatt aus Lesersicht beurteilen zu lassen, ist originell und in der Schweizer Medienlandschaft ein Unikum“, sagt er. Die Inputs seien „erfrischend direkt und verhindern, dass die Redaktion bequem wird“.
Die Kolumne wird wie von Bucher und Fleck verfasst abgedruckt, die Chefredaktion greift nicht ein. Dennoch sei die Zusammenarbeit gut, sie merkten, dass Kritikpunkte aufgenommen und verbessert würden, sagt Eliane Bucher. Klar sei es nicht immer einfach, denn obwohl sie Namen und Kürzel der Journalisten nicht publik machten, käme es vor, dass sich die Betroffenen angegriffen fühlten. „Niemand wird gern öffentlich kritisiert.“

Fast alles bedacht
Nebst der Qualitätssicherung haben die Merker-Kolumnen für Philipp Landmark eine weitere wichtige Funktion. Sie zeigten auf, dass das Tagblatt die Stärke habe, zu öffentlich geäusserter Kritik zu stehen. „Es macht uns stolz, dass wir uns das leisten können.“ Zwei Fragen aber sind noch offen: Wo bleibt die systempolitische Medienkritik? Oder besteht etwa gar keine Notwendigkeit, auch die Quasi-Monopolstellung des Tagblatts in der Ostschweiz durch Externe näher zu beleuchten?

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

2 Gedanken zu „Mit einem Augenzwinkern

  1. Philippe Wenger

    Die Kritik wie jene beim Beispiel (Lehrling in Bus und Frau attackiert) ist ja ganz gut für die betroffenen Journalisten. Insofern sollte diese Kritik auch immer wieder an den Mann oder die Frau gebracht werden. Gerne auch von redaktions- und branchenenxternen Leuten, die ein anderes Auge für stilistische Feinheiten (oder Grobheiten) haben können. Dass dafür eine Seite in der Zeitung angeboten wird, ist aber meiner Meinung nach kaum geeignet die Qualität des Blattes nachhaltig zu steigern, sondern dient zwei anderen Punkten:
    1. Eine witzige, stilvolle Unterhaltung
    2. Imagepolitur für das Tagblatt („Wer sich auf eigenem Terrain kritisieren lässt, muss ja gut sein“).

    Die Kritik kann aber nicht zu einer wesentlichen Qualitätsverbesserung führen. Die Merker-Redaktion sieht nämlich nicht hinter die Produktionsabläufe. Diese Abläufe bilden das Gerüst für eine Story und die Merker könnten so ausserdem aufdecken, wie die Auswahlverfahren ablaufen.
    So bleibt es bestenfalls Oberflächenkosmetik.

    Die Merker-Redaktion sollte also – so denn sie als ernsthafte Instanz der Selbst-Kritik betrachtet wird – finanziell aufgestockt werden, damit Nachrecherchen und vertiefte Denkarbeit möglich wird. Damit würde eine Kritik auch hintergründiger werden und die Redaktion tatsächlich dazu anhalten, auch in der Produktion sauber zu arbeiten. Ob sie dadurch allerdings ihr gutes Verhältnis zur Redaktion halten können ist eine andere Frage. Aber braucht eine externe, unabhängige und kritische Kontrollinstanz denn ein betont gutes Verhältnis zu ihren Schäfchen?

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  2. Pingback: Die humorvollen Merker von St. Gallen | Medienkritik Schweiz

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