„Interne Kritik nützt nicht viel“

von Pascal Schwyn

Das Vorurteil, wonach Journalisten wenig kritikfähig sind, hält sich nach wie vor hartnäckig. Dass man aber selbst im informellen Rahmen mit Kritik geizt, bestätigen Gespräche mit Print- und TV-Journalisten.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Das Sprichwort trifft auch auf die journalistische Berufskultur zu. Nur selten kritisieren sich Journalisten öffentlich gegenseitig. Wie sieht es aber mit interner Kritik aus? Bei der Blattkritik, beim Gegenlesen oder auch beim Feierabendbier? Es ist leider eine Tatsache, dass man sich auch im geschützten Rahmen mit kritischen Worten zurückhält. Vielfach ist Kritik oder vor allem Kritikfähigkeit ein menschliches Problem. Manche Journalisten sind offenbar zu eitel.

Festgefahrene Abläufe
„Die Kritikfähigkeit sinkt mit jedem Jahr in diesem Beruf“, ist sich Hans Christoph Steinemann, dienstältester Sportredaktor der Schaffhauser Nachrichten, sicher. Und er selbst ist der beste Beweis dafür. Denn ihm gegenüber sitzt der 29-jährige Matthias Dubach, der sagt, er sei offen für jede Form von Kritik. Die Qualität des Produktes zähle und nicht, ob er dafür noch die eine oder andere Textpassage ändern müsse, erklärt Dubach. Steinemann gesteht ein, dass man mit zunehmendem Alter und der erworbenen Erfahrung stagniere und den eigenen Weg als den einzig richtigen erachte. Der Zeitdruck und die Tatsache, dass sich jüngere Redaktoren oft nicht trauen ihre älteren Kollegen zu kritisieren, tragen weiter dazu bei, intensive Gespräche über geschriebene Artikel zu verhindern.

Willkürliche Blattkritik
Die Blattkritik wird bei den Schaffhauser Nachrichten bei der Redaktionssitzung am Morgen durchgeführt. Allerdings nicht täglich, sondern nur wenn Zeit (und Lust) vorhanden ist. Dieses Instrument von interner Kritik ist zu wenig effektiv und nachhaltig. Um dies zu verbessern, könnte die Kritik in schriftlicher Form an alle Mitarbeitenden versandt werden. Dabei spielt die Sachlichkeit eine wichtige Rolle. Die Sportredaktion bespricht sich jeden Tag mit der Sportchefin und Blattmacherin. Diese Gespräche seien sehr wichtig für einen organisierten Ablauf in der Redaktion, sagt Steinemann.

Kaum Feedback für freie Mitarbeiter
Etwas weniger organisiert wird mit den freien Mitarbeitern umgegangen. Zu Beginn erhalten diese noch vereinzelte Feedbacks, danach hören sie allerdings selten etwas von ihrem Arbeitgeber. Obwohl die geschriebenen Artikel nicht immer über alle Zweifel erhaben sind. Dies liege vor allem daran, dass man Angst habe, jemanden zu vergraulen, erklärt Matthias Dubach. „Wir sind eben auf die freien Mitarbeiter angewiesen“, meint auch Steinemann und fügt an, dass oft die Zeit fehle, ein schriftliches Feedback zu geben.

Nicht viel anders beim Privat-TV
Doch nicht nur bei kleinen Regionalzeitungen, auch beim Privatfernsehen bestehen Verbesserungsmöglichkeiten bei der internen Kritik. Beat Signer, Sportkommentator beim Teleclub, erlebte zu Beginn seines Engagements zwar noch eine intensive Feedbackkultur. Mit der Zeit habe sich das aber gelegt. Wenigstens rufe ihn Teleclub-Sportchef Adrian Fetscherin nach jedem Spiel an und frage, wie es gelaufen sei. „Das schätze ich extrem und ist nicht selbstverständlich“, entgegnet Signer. Allerdings sei dies eher eine Selbstreflexion über das Geleistete und weniger ein Feedback. Als Instrument der internen Kritik erhalten die freien Mitarbeiter bei Teleclub alle zwei Monate Rundmails mit Informationen und Verbesserungsvorschlägen. Signer hält dies für eine wenig effektive Form der Kritik. „Eigentlich nützt interne Kritik so nicht viel“, bilanziert er. Als Optimierung beim Teleclub könnte ein Ressortchef dienen, der die gegebenen Richtlinien überprüfen könnte.

Zeit und Kritikfähigkeit bilden die grössten Hürden für eine interne Kritik, die effektiv und nachhaltig sein sollte. Dabei ist die Kritik ein Instrument, dass für die Qualität des journalistischen Produkts eminent wäre.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

8 Gedanken zu „„Interne Kritik nützt nicht viel“

  1. Ronnie Grob

    Das Problem ist doch vielmehr, dass es kaum jüngere Kollegen gibt, die überhaupt Kritik üben könnten. Und jene, die es gibt, sind sehr besorgt, niemanden zu vergraulen. Und man kann es ihnen nicht verdenken – bedingungslose Anpassung ist wohl der einzige Weg nach oben im Schweizer Journalismus heute.

    Bei den meisten Schweizer Zeitungen und Zeitschriften arbeiten Journalisten ab 35 oder 40. Neue Talente, neue Gesichter sucht man, das Schweizer Fernsehen und einige wenige andere, die dafür sorgen, dass frisches Blut nachkommt, mal ausgeschlossen.

    War der Inbegriff des Journalists früher der junge, neugierige Reporter Mitte 20, ist der Inbegriff des Journalists heute der der Journalist Mitte 40 oder Mitte 50, mit einem von Papier übersäten Schreibtisch, einer überquellenden Inbox und unzähligen Meetings.

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      1. Matthias Dubach

        Talente gibt es schon – aber gerade bei den grossen Zeitungen immer weniger Leute, welche diese erkennen könnten.

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  2. Vinzenz Wyss

    Auch da kann ein Blick in die Medienwissenschaft nicht schaden, die zwar die hier thematisierten Erkenntnis zur mangelnden internen Kritikkultur insgesamt bestätigt, aber eben doch grosse medientypische Unterschiede feststellt.

    So ist die Kritikkultur innerhalb der SRG Redaktionen sehr atrak ausgeprägt. Nicht nur Pflicht, sondern auch klar feststellbare Praxis. Auch bei den Schweizer Privatradios und TV-Sendern hat sich mit der Intervention durch den Regulator seit der letzten hier verlinkten Studie sehr viel getan:

    http://www.bakom.admin.ch/themen/radio_tv/00509/01188/01811/index.html?lang=de

    Schade, dass es ohne systemfremden Druck offenbar nicht so klappen will.

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  3. Alexandra Kunz

    Sind wir mal ehrlich, auch wenn die Blattkritik in schriftlicher Form verschickt wird, wird dies die Effektivität und Nachhaltigkeit nicht steigern. Die Journalisten haben schlicht zu wenig Zeit sich mit der Kritik auseinanderzusetzen oder interessieren sich nur bedingt dafür, weil Sätze wie „schöner Aufmacher mit gutem Foto“ nicht weiterhelfen. Die Blattkritik wird nur noch gemacht, damit man hinter den innerredaktionellen Infrastrukturen der Qualitätssicherung ein Häckchen machen kann. Von einer effektiven Form Kritik zu üben, ist die Blattkritik inzwischen weit entfernt.

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  4. Salzmann Claudia

    Die neuen Gesichter sucht man vergebens, weil sie nämlich nie in der Redaktion auftauchen. Die neuen Gesichter sind ja meist einfach Freie. Der Glückliche unter ihnen besitzt einen schriftlichen Vertrag, weniger Glückliche müssen Ende Monat die geschriebenen Zeilen nachzählen, um den bezahlten Lohn zu kontrollieren. Äusserst beliebt sind neue Gesichter für Wochenend- und Abendeinsätze, auch da agieren sie völlig unsichtbar. Sichtbar wird erst das Mail in der Inbox mit dem geschriebenen Artikel. Die abgegebenen Artikel werden oft einfach umgeschrieben und Feedbacks sind in der gestressten Medienwelt sowieso Mangelware: http://www.nzz.ch/magazin/campus/studenten-blogs/einwegkommunikation_in_die_redaktionen_1.8017015.html.

    Wir neuen Gesichter lesen höchstens Artikel von Studienkollegen gegen, da man in der Redaktion gar nie physisch anwesend ist und so auch keine Gelegenheit hat, erfahrenen Kollegen ein Feedback zu geben. Nicht, dass ich das unbedingt wollte.

    Doch ich wage zu behaupten, dass ein Kommunikations- oder Journalismus-Absolvent durchaus in der Lage für konstruktive Kritik ist. Uns wird eingebläut, dass uns nur Kritikfähigkeit weiterbringen kann. Wir haben während dem Studium geübt und diese Kritik untereinander war nicht gerade zuckersüss!

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  5. Aline Wüst

    Jeder rühmt sich Goethe und Schiller gelesen zu haben und doch kann kaum einer den Inhalt der Werke wiedergeben. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Blattkritik: Jede Zeitung praktiziert stolz diese „interne Qualitätssicherung“ aber was drin steht oder was über die Ausgabe des vergangenen Tages gesagt wird, ist binnen Sekunden wieder vergessen. Weil: Die Fehler eben schon passiert sind und die aktuelle Ausgabe ja für die Journalisten schon heute Schnee von gestern ist.
    Meiner Meinung nach müsste viel früher angesetzt werden, sodass die Fehler eben erst gar nicht passieren. Wenn es genau so wichtig wäre die Artikel der Kollegin aufmerksam gegenzulesen, wie den eigenen Artikel fertigzustellen, würde sich die Blattkritik bald erübrigen. Aber das ist wohl ein anderes Problem in den Redaktionen: Die Angst jemanden in seinem Stolz zu verletzen. Ich wage zu behaupten, dass ein bisschen weniger Ego und Einzelkampf vielen nicht schaden würde. Denn was zählt ist das Endprodukt. In dem Sinn: Alle für EINE – nämlich die heutige Ausgabe.

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