„Journalisten sind heute wie Büroangestellte“

Interview mit Mario Cortesi von Maria-Anna Wieland

Mario Cortesi gilt als einer der der härtesten und erfolgreichsten Journalisten-Lehrer der Schweiz. Aus seiner „Schule“, dem Bieler Medienbüro Cortesi, gingen zahlreiche grosse Namen des Schweizer Journalismus hervor. Umso überraschender, dass er bei seiner Zeitung, dem zweisprachigen Wochenblatt BielBienne die Blattkritik abgeschafft hat. Wie Cortesi die Qualität trotzdem sichern will, erklärt der 70-Jährige im Gespräch.

Medienmacher Mario Cortesi, Bild: zvg

Medienkritik Schweiz MKCH: Bewährtes und gängigstes Mittel zur Qualitätssicherung ist die Blattkritik. Warum haben Sie diese bei BielBienne abgeschafft?
Mario Cortesi: Einige Mitarbeiter waren frustriert und ertrugen es nicht, wenn sie an den Sitzungen stark angegriffen wurden. Dann kam der eine oder andere einfach nicht mehr, organisierte sich so, dass er zur gleichen Zeit Interviewtermine hatte. Es waren nicht etwa Praktikanten oder Volontäre die aufbegehrten, sondern gestandene Journalisten, die meinten sie wissen es besser. Dies führte zu Reibereien und das Ganze fiel leider auseinander.

MKCH: Hat sich das Blatt verändert, seit es die Kritik nicht mehr gibt?
Cortesi: Nein. Es wird ja immer noch kritisiert. Ich weise Redaktoren immer wieder auf Fehler hin und sage warum man einen Artikel anders hätte machen können. Ich spreche mit den Journalisten, wenn ich etwas nicht gut finde, aber auch wenn mir etwas gefällt. Ich bin immer der erste, der sich über Fehler aufregt.

MKCH: Wie kann eine Redaktion das Niveau der Zeitung beibehalten, wenn nicht im Plenum diskutiert wird?
Cortesi: Die wöchentlichen Planungssitzungen sind sehr wichtig. Es wird besprochen, welche Artikel in die nächsten Ausgaben kommen. Dabei ist es elementar, dass die Journalisten erzählen, wie sie gedenken ihre Artikel zu schreiben, sodass das diskutiert werden kann. Leider muss ich sagen, dass diese Kultur verloren gegangen ist.

MKCH: Warum?
Cortesi: Früher wurden die einzelnen Artikel zusammen besprochen. Jeder brachte Ideen ein und half den anderen. Junge Journalisten haben nicht mehr das Feuer und die Berufung, die Journalisten früher hatten. Sie sind weniger kritisch, haben oft gar keine eigene Meinung, schreiben einfach Artikel indem sie je eine Seite zu Wort kommen lassen und fertig. Es ist nur noch Produktproduktion und Darstellung. Und es sind nicht nur die Nachwuchsjournalisten, sondern auch die gestandenen der älteren Generation. Früher musste man nächtelang schreiben. Das Büro war überfüllt von zerknülltem Papier aus der Schreibmaschine. Heute mit den Computern geht alles einfacher und man denkt, dass auch Artikel einfacher zu schreiben sind, aber dem ist nicht so. Es herrscht ein „laisser traîner“ , ein Schleifenlassen.

MKCH: Wie kann man das ändern?
Cortesi: Es ist schwierig, weil die bedeutenden Journalisten langsam aussterben. Es müsste mehr im Plenum diskutiert werden. Vor allem bevor oder während ein Artikel entsteht, so dass man einander unterstützen und helfen kann.

MKCH: Welche anderen Möglichkeiten zur Qualitätssicherung nehmen Sie für BielBienne in Anspruch?
Cortesi: Es funktioniert nur, wenn man den Journalisten richtige Vorgaben macht und immer wieder mit Ihnen spricht, ihnen sagt, dass man mehrere Quellen haben muss. Qualität heisst auch guter Stil. Man sollte sich die Artikel gegenseitig vorlesen, korrigieren und redigieren. Bei Unterhaltungsthemen ist die Qualität weniger wichtig als bei politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftskritischen. Artikel zu brisanten Themen will ich meist auch persönlich gegenlesen. Ein BielBienne-Artikel wird vor der Veröffentlichung von mindestens sechs Paar Augen gelesen. Pro Sprache ein Journalist, Chefredaktor, und Lektor.

MKCH: Wie geht es bei BielBienne mit der Kritik weiter?
Cortesi: Wir werden die Mitarbeiter bald fragen was sie denken und möchten. Es wäre beispielsweise möglich, dass einmal monatlich ein externer, gestandener Journalist oder Medienkritiker vorbeikommt um über die Zeitung zu referieren.

MKCH: Wie selbstkritisch ist BielBienne?
Cortesi: Wenn Fehler geschehen, müssen sie korrigiert werden. Artikel müssten aber immer so gut sein, dass nichts richtiggestellt werden muss. Es gibt aber -leider zu Recht- immer wieder Angriffe auf uns, weil etwas Falsches in der Zeitung steht. BielBienne sind Leserbriefe sehr wichtig, das ist Kritik von aussen. Man darf nichts unterdrücken, auch wenn es unangenehm ist. Das ist ein Steckenpferd unserer Zeitung. Sie wurde unter anderem deshalb gegründet, weil die damalige Tagespresse nur Leser zu Wort kommen liess, die den Redaktoren gut gesinnt waren. Wir drucken darum alle ab, auch solche die Unwahrheiten oder Unschönes über uns beinhalten.

[callout title=Eine starke Medienmarke] Mario Cortesi gründete vor 45 Jahren mit drei weiteren Journalisten das Medienbüro Cortesi. Das Unternehmen ist national in Textproduktion, Film, TV, und Grafik und tätig. Seit 1978 erscheint die grösste Zeitung der Region (Biel, Grenchen, Seeland, Berner Jura), das BielBienne, wöchentlich gratis und zweisprachig mit einer Auflage von 107‘870. [/callout]

MKCH: Aus dem Büro Cortesi sind schon viele gute, prominente Journalisten herausgekommen und haben Karriere gemacht. Sie sind bekannt für die harte und hoch qualitative Schulung. Wie lehren Sie ihren Schäfchen Qualitätssicherung?
Cortesi: Die Qualität beim Nachwuchs ist nicht mehr wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Journalisten arbeiteten diskussionslos 24 Stunden täglich, sieben Tage pro Woche. Heute fragt ein neuer Journalist bei Antritt der Stelle zuerst nach dem Lohn und den Ferien. Damals hörte ich „kann ich schreiben, kann ich kritisch schreiben und wie viel?“. Der Druck auf die Journalisten wurde abgebaut. Sie sind heute Büroangestellte, die ihre 42-Stunden-Woche abarbeiten. Und genau so wurde auch der Druck auf die Qualität abgebaut. Es ist fast undenkbar, dass ein Artikel zurückgegeben wird weil er nicht gut genug ist, die Zeit reicht nicht und es würde einen Aufstand geben. So ist es schwierig Qualität zu lehren.

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Über Matthias Giger

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Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

3 Gedanken zu „„Journalisten sind heute wie Büroangestellte“

  1. Rafaela Roth

    Ich finde, eine Zeitung schadet sich selbst, wenn die Blattkritik abgeschafft oder nur noch halbherzig abgehalten wird. „Einige Mitarbeiter waren frustriert und ertrugen es nicht, wenn sie an den Sitzungen stark angegriffen wurden“, sagt Cortesi. Das mag sein, denn Kritik ist nicht immer einfach zu verdauen obwohl sie manchmal einen Text unglaublich entschlacken kann. Meiner Meinung nach hängt es stark von der Arbeitsatmosphäre ab, wie erfolgreich kritisiert wird. Ein Chefredaktor sollte eine konstruktive Feedbackkultur prägen, die weniger im Stil von „Wer ist besser und wie mache ich ihn nun schlecht?“ ist, sondern eher im Stil von „Wie machen wir zusammen ein gutes Produkt und bringen einander vorwärts?“. So kann jeder den Mut aufbringen zu kritisieren und Kritik anzunehmen. Ist doch schade, wenn man einen externen Kritiker in ein Haus voller professionell Schreibender holen muss!

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  2. heidrun gehrke

    „Journalisten haben nicht mehr das Feuer und die Berufung, die Journalisten früher hatten“, stimmt Journalistenlehrer Mario Cortesi in die immer wieder zu hörende Klage über die vermeintliche Kraft- und Kampflosigkeit der Journalisten ein. Mal abgesehen davon, dass die Menschen schon seit 2000 Jahren dem Irrtum aufsitzen, früher sei alles besser gewesen, lässt sich die von Cortesi geäußerte Kritik, viele Journalisten schrieben heute Artikel, „indem sie je eine Seite zu Wort kommen lassen und fertig“ häufig auf ein simples Ressourcenproblem zurückführen. Die journalistisch tätigen „Büroangestellten“ sind gezwungen, mit den knapper werdenden Ressourcen (Zeit, Geld, Personal) kreative Lösungen zu finden und das Beste daraus zu machen – das sind die „Kämpfe“ von heute. Auch billigen viele Ressortleiter und Verlagshäuser bei heißen Themen etwas anderes als „objective reporting“ nicht. Zudem ist Schreiben und Recherchieren heute nicht mehr das Hauptgeschäft: Ein Journalist ist auch Entertainer, Vortragender, Techniker, Layouter und Moderator.

    Nachwuchsjournalisten seien weniger kritisch und hätten oft gar keine eigene Meinung, sagt Cortesi. Ich frage mich: Ist es überhaupt wichtig für einen Journalisten, eine Meinung zu haben? Ist er nicht besser beraten, eine Haltung der Welt und dem Beruf gegenüber zu entwickeln? Und warum eigentlich nur eine Meinung? Journalismus in der Postmoderne kann nur funktionieren, wenn er Zugang zu und Reflektion über möglichst viele Meinungen ermöglicht.

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  3. Fabian Vogt

    Schon der Grund, warum die Blattkritik abgeschafft wurde, ist skandalös: „Die Journalisten fühlten sich angegriffen und kamen einfach nicht mehr zu den Besprechungen“. Ja sind das denn dies alles zarte Blätter, die zwar gerne für die Öffentlichkeit publizieren und Missstände aufdecken, aber keine interne Kritik ertragen? Irgendwie Schizophren, oder nicht?

    Hier zeigt sich ein Hauptproblem der Schreibenden Zunft: Viele Journalisten sind einfach nicht kritikfähig. Es gibt so viele Redaktoren die davon überzeugt sind, die „Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben“ und denken, dass sie sich ja mehr als jeder andere mit einem bestimmten Thema auseinandergesetzt haben. Dieser Realitätsverlust ist nicht nur schade, sondern auch extrem gefährlich, denn dadurch passiert unter anderem folgendes: Die Medienkritik wird vernachlässigt oder ganz ignoriert und es gibt keinen Entwicklungsprozess mehr. Aber es wäre ja noch schöner, wenn der Journalismus, als einzige Instanz auf der Welt, sich nicht weiterentwickeln müsste.
    Immer auf die Ressourcen-Probleme zu verweisen, halte ich für falsch. Denn es mag zwar sein, dass Journalisten heute für einen Artikel weniger Zeit erhalten (ich kenne keine empirischen Studien darüber), allerdings ist unter anderem die Art der Informationsbeschaffung zeitsparender. Musste man früher in die Zentralbibliothek und sich mühsam eine Visitenkarten-Ablage aufbauen, so kann man heute Google und das Handy benutzen. Darum gilt auch hier das „früher war alles besser“ Motto nicht. Viel besser wäre: Unterschiedliche Zeiten brauchen unterschiedliche Lösungen, denn in einer Leistungsgesellschaft lebten wir schon immer.

    Wenn Herr Cortesi allerdings sagt, dass die Journalisten heute nicht mehr gewillt sind, Überstunden zu machen und unregelmässig zu arbeiten, bereitet mir das wirklich Sorgen. Sofern er Recht hat bedeutet dies ja nichts anderes, als dass die Journalisten nicht mehr wissen, welchem Beruf sie eigentlich nachgehen. Schon die Frage nach dem Lohn zeugt von den falschen Vorstellungen gewisser Leute und damit hat der Journalismus ein Werte-Problem, dass irgendwie gelöst werden muss. Mit der Absetzung der Blattkritik passiert dies aber bestimmt nicht, darunter leidet nur die Qualität und zudem ist es ein Zugeständnis Cortesis an die neue, von ihm kritisierte, journalistische Kultur.

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