Der Leserblog als Themenradar

von Florence Fischer

Der Austausch zwischen Medien und ihrem Publikum ist dank dem Internet einfacher geworden. Leser können die Beiträge der Redaktion kommentieren oder als Leserreporter der Redaktion wertvolle Tips geben. Die Berner Zeitung hat nun mit dem neuen Leserblog den interaktiven Leserbrief geschaffen.

Der elektronische Leserbrief im BZ-Leserblog.

Herr Meier, Leserbriefschreiber aus Gwatt, erreichte mit seinem Unmut über die Diskussion zur Ausschaffungsinitiative mehr Leute als bisher. Denn die Berner Zeitung veröffentlicht nicht mehr nur eine Auswahl der Einsendungen in der Zeitung, sondern alle publikationswürdigen Leserbriefe im neuen Leserblog auf ihrer Webseite. So auch den Beitrag von Herrn Meier.

Kommentarfunktionen für Beiträge und Profile auf Facebook und Twitter sind bei vielen Schweizer Medien an der Tagesordnung. Die Berner Zeitung geht nun einen Schritt weiter und stellt den Lesern auf ihrer Webseite einen Blog zur Verfügung, in welchem sie bestimmen, was diskutiert, aufgeschaltet und kommentiert werden soll. Herzstück dieser Plattform sind die Leserbriefe. Lokalredaktor Christian Liechti stellte dieses Projekt an der Herzberg-Tagung am Institut für Angewandte Medienwissenschaften in Winterthur vor.

Im Unterschied zu anderen Portalen werden bei der Berner Zeitung die Rückmeldungen und Kommentare direkt nach dem Verfassen aufgeschaltet. Negative Erfahrungen durch Persönlichkeits- oder Datenschutzverletzungen seien zwar bekannt, aber Liechti ist überzeugt: „Als Medium muss man ausprobieren, sonst bleibt man stehen. Der Leser ist nicht mehr ausschliesslich Konsument, sondern ein Partner, der sich einbringen kann und auch soll. Er soll an der Medienproduktion teilnehmen. Journalisten und Leser treffen sich auf Augenhöhe.“

Journalismus zu weit weg vom Bürger
Der Leserblog ist auch ein Instrument, um den Puls des Publikums zu fühlen: „Man erfährt häufig erst, nachdem es den Deckel abgejagt hat, wo es brodelt. Und dann ist es zu spät “ Der Journalismus sei häufig zu weit weg vom Bürger. Die Berner Zeitung erhoffe sich durch den Blog neue Quellen, Kontaktmöglichkeiten und einen verstärkten Dialog mit dem Leser. Muss nun in der Medienkrise der Leser auch noch selber seine Zeitung gestalten? Liechti verneint: „Wir sind noch immer unter den Leuten und suchen Themen. Aber der Radar wird durch den aktiven Leser erweitert. So ergibt sich für Redaktion und Leser ein Mehrwert.“
Social Media brauche sehr viel Input, bis einmal die kritische Grösse erreicht werde. Erst zwischen 100 und 200 Mitgliedern komme eine richtige Interaktion zustande. Liechti: „Vielleicht fährt man mit Projekten und Versuchen neunzigmal an die Wand und ist zehnmal erfolgreich. Aber diese zehn Male bringen uns schon weiter.“ Die Qualität werde schon allein dadurch gesteigert, dass sich der Fokus der Journalisten verschiebe – von Behörden, Politikern und Kommunikationsabteilungen hin zum Bürger.

Wenn man sich einige Tage nach der Lancierung im Blog umschaut, sieht es noch nicht besonders belebt aus. Zwar veröffentlicht die Redaktion fleissig Leserbriefe, aber die Möglichkeit zum Kommentieren wird kaum genutzt. Damit bleiben die Fragen vorerst unbeantwortet, ob mit dem Leserblog tatsächlich neue Publikumskreise angesprochen werden können, oder ob einfach die bisherigen Leserbriefschreiber eine neue Plattform erhalten haben.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

3 Gedanken zu „Der Leserblog als Themenradar

  1. Antonio Haefeli

    Ich finde die Tatsache problematisch, dass die Nähe des Journalismus zum Bürger oft mit der Folgerung verbunden wird, dass der Bürger selbst aktiv werden müsse und die Medien mitgestalten solle (MMS Reporter, Blogs, Kommentarfunktion ect.)

    Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass Journalisten sich darauf konzentrieren, komplexe Themen – sei es aus Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft – so beschreiben, zu erklären und zu kommunizieren, dass diese für den normalen Bürger verständlich sind, aber dabei nicht an Komplexität und Tiefe verlieren.

    Das scheint mir eine erstrebenswertere „Nähe zum Bürger“ zu sein als irgendwelche social-media ähnlichen Plattformen aufzubauen, von denen es doch wirklich schon zu genüge gibt.

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  2. Laura Schneider

    Sollen sich Journalist und Leser wirklich auf Augenhöhe treffen?
    Es ist fraglich, was bei dieser Flut von Meinungsäusserungs-Plattformen den Journalisten überhaupt noch vom Leser unterscheidet. Ist es überhaupt noch die Mühe wert, ein Hochschulstudium auf sich zu nehmen um dann Artikel zu publizieren, die weniger Beachtung finden, als zynische Leserkommentare?

    Es wird behauptet, der Journalismus sei zu weit entfernt vom Bürger. Diese Aussage sehe ich als veraltet an. Bei dem heutigen Überschuss an Diskussionsforen, Blogs und Lesereportern wäre eine gewisse Distanz zum Bürger wünschenswert. Diese vielfach gepriesene Bürgernähe wirkt sich meiner Meinung nach nicht nur positiv auf die Qualität des Journalismus aus.

    Agenda Setting sollte eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus sein.
    Dank der erwünschten Bürgernähe ist es nun so, dass der Bürger die Themen des Journalismus bestimmt. Diese sind aber oftmals weit davon entfernt relevant zu sein.
    Oder ist der Tod eines „Big Brother Porno Starletts“ wirklich von derart grosser gesellschaftlicher Bedeutung? Die Nähe zum Bürger rechtfertigt wohl so einiges.

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  3. Pingback: Grenzen und Möglichkeiten | Medienkritik Schweiz

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