Eifrig am Thema vorbei diskutiert

von Sabrina Meier

Das Nachwuchsproblem der SRG zeigt sich nicht nur beim Altersdurchschnitt des Publikums. Auch die Basis des genossenschaftlich organisierten Unternehmens kann nicht eben als jugendlich bezeichnet werden.

Die SRG Deutschschweiz tagt im Verkehrshaus Luzern. Thema der Herbsttagung: Alt oder Jung – oder doch alle? Kantonalsektionen diskutieren an sogenannten Stammtischrunden eifrig am Thema vorbei. Der Altersdurchschnitt der Anwesenden liegt bei geschätzten 60 Jahren.

Eine Stunde „Chropfläärete“
„Die Sonne im Wetterbericht fehlt“, „Die Regionaljournale dürfen nicht abgeschafft werden“, „Wir müssen die Sprachvielfalt gewährleisten“: Eine gute Stunde diskutieren die knapp 300 anwesenden Mitglieder der SRG über Radio- und TV-Programme und halten ihre Erkenntnisse schrifltich auf den Papiertischtüchern fest.

Mit dem eigentlichen Thema der Tagung haben wenige Beiträge etwas gemein. Junge Stimmen sind Mangelware, einzig drei Studentinnen der Journalistenschule MAZ in Luzern senken den Altersdurchschnitt. Ihre Aufgabe ist es, die Diskussionen zusammenzufassen: Positiv aufgefallen sei der SRG-Basis insbesondere das „Echo der Zeit“. Die Anwesenden bemängelten jedoch fehlende regionale Politsendungen, mokierten sich über die sprachliche „Verluderung“ und hätten ein Problem mit der zunehmenden Personalisierung in den Medien.

De Weck will „ausgiebig diskutieren“
Gemütlich schlendern der designierte Generaldirektor der SRG, Roger De Weck und der künftige Radio- und Fernsehdirektor der Deutschschweiz, Rudolf Matter den unterdessen im Saal aufgehängten Tischtüchern entlang. Miriam Eisner, Redaktorin von Radio DRS, gibt Inputs, liest einzelne Bemerkungen vor – weder De Weck noch Matter nehmen vorerst Stellung. „Irgendwo müssen Sie anfangen“, sagt Eisner. „Ja, aber dort, wo es mir passt“, entgegnet De Weck. „Wir müssen ja nicht zu allen Punkten einen halben Satz sagen – es wäre sinnvoller, zwei, drei Punkte herauszupicken und diese dann ausgiebig zu diskutieren“, meint er weiter.

Herausforderung Social Web
„Die Mediennutzung hat sich drastisch verändert“, dies sei eine Herausforderung, sagt Niklaus Zeier, Präsident der SRG Zentralschweiz. Dass Junge sich nicht mit dem TV-Programm der SRG anfreunden können, ist dem Tagungspublikum offenbar bekannt. Dass Junge nicht glauben, dass Printmedien eine Zukunft haben, hat eine Studie der Uni St. Gallen gezeigt und dass die Leser der Printmedien ins Internet abwandern, ist sattsam bekannt. Wie junge Menschen, die sogenannten Digitalnatives die Medien nutzen, erklärt Ramona Duss, Moderatorin des Luzerner Jugendradios 3fach, wenn auch etwas überspitzt: Morgens facebook. mittags I-Phone, abends Zattoo – oder eben alles gleichzeitig, morgens bis abends.

Matter will keinen Einheitsbrei
„Wir müssen ins Internet, ins Social-Web“, findet so auch Rudolf Matter, künftiger Direktor der SRF. Im Radio- und TV-Angebot, aber auch im Social Web wolle er keinen Einheitsbrei, aber alles Solide in der Schweiz brauche eben Zeit. Zeit, die das SRG-Publikum laut Matter gerne zum Diskutieren verwenden dürfe: „Die Qualität der Information, Unterhaltung aber auch im Sport ergibt sich aus dem Austausch von Menschen, die selbstkritisch sind“. „Ich nehme Zuschauerinnen und Zuschauer ernst“, sagt auch Roger De Weck, denn er hat ein Ziel: „Die SRG muss 100 Prozent der Bevölkerung ansprechen“. Und dazugehören auch die Jungen – die als Mitglieder der SRG untervertreten sind und an der Herbsttagung schlicht fehlten.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch

Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

4 Gedanken zu „Eifrig am Thema vorbei diskutiert

  1. Bea Peter

    Ich gehöre zu den Menschen (anscheinend eine Minderheit) die durchaus noch an Medien glaubt, die nicht zum grossen Teil online stattfinden. Sicher, ohne Programmhinweise über Facebook und Co. bleibt das junge Publikum aus. Trotzdem ist das WorldWideWeb nicht die Einheitslösung aller Probleme. Die Köpfe der SRG sind sich wohl zu schade, bei einem renommierten Kultursender wie Arte etwas abzukupfern. Dieser schafft es nämlich, Programme zu schalten, die jung und innovativ sind und Sprachvielfalt nicht nur verkrampft gewährleisten, sondern sie auf witzige Art und Weise mit Themenvielfalt verbinden. Und nicht zuletzt werden Sendungen für Senioren nicht dauernd so platziert, dass sie mit den Einschaltzeiten der arbeitenden Generation kollidieren.
    Liebe SRG, ich finde es schade, dass Sie mit der Programmcharta vor dem Kopf versuchen, die Jugend in alte Schuhe zu zwingen. Ich würde mich freuen, wenn Sie stattdessen mit der Charta im Kopf, vielfältige Themen in einem jugendlichen Kleid präsentieren würden.

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  2. Imelda Stalder

    Sehr schön aufgezeigt. Die Herbsttagung scheint symbolisch für das Problem der SRG zu stehen. Wenn Herr De Weck alle Zuschauer und Zuschauerinnen ernst nehmen möchte, dann sollte er sich auch ernsthaft mit allen Zuschauergruppen befassen.
    Für die Jungen reicht nun „Best Friends“, „Glanz & Gloria“ oder „Der Kampf der Chöre“ einfach nicht aus, um SF als einen attraktiven Fernsehsender zu betrachten. Klar, es muss nicht gerade „Jung, wild & sexy“ oder „Mama ich bin schwanger“ sein. Aber die Wahrheit ist nun mal, das es in diese Richtung geht, wenn man den Jungen etwas bieten möchte.

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  3. Thomas Schlittler

    Ich sehe das Schaffen der SRG nicht ganz so düster. Zum Beispiel ist die Onlineplattform mit dem dazugehörigen Videoportal meiner Meinung nach sehr innovativ und etwas vom Besten, was man im Web findet.
    Klar sollte man versuchen, die jungen Leute wieder vermehrt zu erreichen – aber nicht um jeden Preis! Wenn die Jungen die Abendnachrichten lieber auf einem deutschen Privatsender schauen – und dabei das Rumgezicke in irgendeiner „Reality“-Show wichtiger ist als gesellschaftlich wirklich relevante Themen – dann sollen sie sich diese Infos halt dort holen. Ich persönlich fühle mich von der SRG grösstenteils gut und seriös informiert und zahle dafür auch gerne Gebühren (wenn ich dann mal verdiene…). Wenn sich die SRG nur noch an den Quoten orientieren müsste, hätten wir wohl bald RTL2-Niveau in der Tagesschau.
    Zum Altersdurchschnitt an der besagten Tagung: Die Untervertretung der Jugend ist wohl kaum ein spezifisches SRG-Problem, sondern viel eher ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Auch politische Parteien haben stets zu wenig Nachwuchs und Vereine jeglicher Art müssen ebenfalls ständig um neue Mitglieder kämpfen.
    Was aber mich aber positiv stimmt: Die Jungen von heute sind die „Alten“ von morgen. Insofern muss man sich um die Zukunft der SRG ja keine Sorgen machen.

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  4. Ursula Ammann

    Dass das Publikum Schweizer Fernsehens immer älter wird ist eine Tatsache. Ob dies jedoch am Programm liegt sei dahin gestellt. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen bietet das SF meiner Meinung nach viele Sendungen (z.B. Rundschau, Club, Sternstunde usw.), deren Ausrichtung auf eine bestimmte Altersgruppe nicht offensichtlich ist. In den Debatten um „Alt und Jung“ entsteht immer der Eindruck, die „Jungen“ seien nur für Glamour und niveaulosen Talkshows zu haben, wohingegen die „Alten“ sich noch für Politik und Kultur interessierten. Ich finde das ist ein Trugschluss: Vielmehr sehen sich die „Jungen“ oder besser gesagt, die web-affineren Leute die Sendungen einfach über andere Kanäle an (z.B.übers SF-Videoportal). Das ist ja auch mehr als logisch, weil beispielsweise das Videoportal gegenüber dem linearen Programm sehr viele Vorteile bringt (bspw. Podcasts, zeitversetzte Nutzung überhaupt). Von diesem Punkt aus gesehen könnte es also schwierig werden, den Altersdurchschnitt jener, die noch auf ganz traditionelle Art und Weise fernsehen, herunterzudrücken – ganz abgesehen vom Programm. Dieser Faktor scheint jedoch im Hype um „Alt und Jung“ immer ganz ausgeblendet zu werden. Stattdessen entstehen Sendungen, die zwar „jugendlich“ (um nicht fast schon zu sagen „pubertär“) daherkommen, dann aber doch nur Cervelatprominente über 50 thematisieren.

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