Gesucht: Junges Fernsehpublikum

von Ursula Ammann

61 Jahre alt ist er beim ZDF, 60 Jahre bei ARD und auch bei SF geht er gegen die 60: Der durchschnittliche Zuschauer wird bei öffentlichen Fernsehsendern immer älter. Der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma warnte an der Herbsttagung der SRG Zentralschweiz vor allzu schnellen Veränderungen in der Programmgestaltung.

„Alt oder Jung-oder doch alle?“ Für Helmut Thoma, den ehemaligen Chef von RTL sind es ganz klar alle. Das Fernsehen dürfe nicht zur Seniorengruppe verkommen. Hingegen sei eine reine Fixierung auf die Jungen überholt, meinte er. „Man muss an einzelnen Schrauben drehen und vor allem ja nicht zuviel“, so der frühere Fernsehmacher.

Das heisst, punktuell Änderungen am Programm vornehmen und dies möglichst so, dass die Zuschauer, die man schon hat, nicht das Gefühl haben, dass sich gross etwas verändert hat. Es sei ein langwieriger Prozess, bei einem jüngeren Publikum Fuss zu fassen.

Rapper kommen nicht gut an im Seniorenheim

Wenn man zu schnell alles ändern wolle, riskiere man die ältere Generation zu verlieren. „Es kommt auch nicht unbedingt gut an, wenn man Rapper ins Seniorenheim schickt“, so der 71-Jährige. Thoma sieht in der älteren Generation auch Chancen. Menschen zwischen 50 und 65 Jahren seien heutzutage für Neues aufgeschlossen, beweglich und konsumfreudig. Vor allem Letzteres sei marketingtechnisch von Vorteil. „Diese Zielgruppe lässt sich werblich nutzen“, so Thoma.

Internet und Fernsehen: zwei verschiedene Dinge

Im Internet die einzelnen Beiträge aus den Nachrichten herauspicken oder die Telenovela als Podcast auf den Ipod laden und auf dem Heimweg im Zug schauen – gerade jüngere Leute entfernen sich immer mehr vom linearen Fernsehprogramm.

Angesichts des zunehmenden Alters des durchschnittlichen Fernsehzuschauers stellt sich eine Frage, die in der Geschichte der Medien immer wieder auftaucht: Verdrängen neue Medien wie beispielsweise das Internet alte Medien wie etwa das Fernsehen? Für Helmut Thoma ist eine Ablösung des Fernsehens durch das Internet „absoluter Unsinn“. Er sieht keine klare Trennung zwischen den beiden Medien. Im Internet gebe es schliesslich auch immer mehr bewegte Bilder, sprich Fernsehbeiträge, die man sich auf den grossen Schirm holen kann, so Thoma: „Ob man das nun Fernsehen nennt oder nicht. Zudem gebe es immer noch Leute, die das lineare Programm wünschen. Für Thoma ist es wichtig, dass dieser Zielgruppe auch weiterhin Rechnung getragen wird.

Matter: „Die Jungen sind nicht weg“

Rudolf Matter, ab dem 1. Januar 2011 im Amt als Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, sieht beim Schweizer Fernsehen bezüglich Überalterung keine Probleme: „Die Jungen sind nicht weg“. Damit sprach er an, dass sich jüngere Generationen Fernsehsendungen immer mehr zeitversetzt auf dem Internet anschauen. Wie Thoma glaubt auch Matter, dass das Internet zunehmend ins Fernsehen übergeht und eine Trennung immer mehr wegfällt. Das Fernsehen im klassischen Sinn will Rudolf Matter aber dennoch erhalten. „Wir dürfen das lineare Programm nicht vernachlässigen, müssen aber schauen, dass man sich zu jeder Zeit alles auf den Bildschirm holen kann.“

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Über Matthias Giger

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Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen

Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur.

Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil.

Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main.

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

4 Gedanken zu „Gesucht: Junges Fernsehpublikum

  1. Sabi Meier

    Eine langsame und punktuelle Anpassung an die Jugend von heute? Hat sich das SRF dann an die Jugend von heute angepasst (oder berücksichtigt sie zumindest vermehrt in ihrer Programmgestaltung), ist es schon die Jugend von morgen, der das SRF eigentlich gerecht werden sollte – denn auch die Jugend verändert sich.
    Eine Veränderung, von der die Zuschauer nicht merken, dass sie stattfindet? Dieses zögerliche Ändern zeugt in einem gewissen Mass von Unsicherheit – und von wenig Mut. Aber genau Mut ist es doch, der Innovationen schafft, Mut ist es, was das SRF braucht.
    Das SRF braucht weiter junge Leute. Nicht nur vor dem Bildschirm, sondern eben auch hinter dem Bildschirm. Junge Leute, die beurteilen können, was Junge wirklich sehen wollen und dies dann auch produzieren. Es hilft nicht viel, wenn Sechzigjährige an einer Herbsttagung über die Bedürfnisse und die Anforderungen diskutieren, die die Jungen an das SRF haben. Schade war es zu sehen, dass sich unter den doch zahlreich erschienenen Besuchern gerade zwei «Junge» befanden.

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  2. Manuel Peter

    Das Durchschnittsalter bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu senken, stellt für mich einen Anspruch dar, dessen Einlösung überhaupt nicht notwendig ist. Wie der neue SRF-Direktor, Rudolf Matter, die Situation richtig einschätzt, ist es lediglich eine Frage der Betrachtungsweise. Linearer Fernsehkonsum ist vor allem bei jüngeren Leuten rückläufig, die einzelnen Sendungen werden zeitversetzt auf diversen Videoportalen angesehen. Alles nur eine logische Folge des allgemeinen Medientrends ‚unabhängig gegenüber Zeit und Raum‘.
    Entscheidungen des Schweizer Radio und Fernsehens, wie dem Kinderprogramm ‚Zambo‘ einen festen Sendeplatz und eine feste Sendezeit zu generieren (Programm musste früher aufgrund von Sportanlässen oft von SF 2 auf SF info ausweichen), sind für mich Indizien genug, dass man bemüht darum ist, auch dem jüngeren Publikum einen linearen Fernsehkonsum schmackhaft zu machen.

    Zudem ist – in meinen Augen – die Debatte um einen jüngeren Durchschnittszuschauer vergleichbar mit einer anderen Gratwanderung, die das Fernsehen zu bewältigen hat und deren Durchführbarkeit zum Teil etwas utopisch wirkt: Sendeprogramme im Sinne des service public zu gestalten und trotzdem auf gewisse Zuschauerzahlen, bzw. Werbeeinnahmen zu kommen.

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  3. Andy Frei

    Wie werden diese Zahlen überhaupt erhoben? Vielleicht müsste man das mal überdenken. Wenn so ein Kästchen irgendwo in einer Seniorenwohnung steht und dort der ganze Tag SF2 läuft, heisst es eben auch, dass die Senioren Zambo schauen. Ob sie das wirklich tun, wie hoch das Durchschnittsalter wirklich ist und wer wirklich welche Sendungen wann wie und wo schaut, darüber lässt sich so nur spekulieren. Absolut verlässlich ist das sicher nicht.

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  4. Ronny Gechter

    Dass das Durchschnittsalter der Zuschauer des SF gegen die 60 geht, erstaunt mich keineswegs. Als erwähnenswert empfinde ich vielmehr, dass dieses Phänomen, die Veralterung der Zuschauer, eine ewige Diskussion darstellt. Das Dilemma von SF ist kurz erklärt: Entweder nähert man sich, um ein jüngeres Publikum zu erreichen, einem Sendeprogramm wie jenes des Musiksenders MTV, oder man orientiert sich an den niveaulosen Reality-Shows, welche die Privatsender produzieren. Doch das SF passt in keine der beiden Schubladen. Klar gibt es Ausnahmeformate wie beispielsweise „MusicStar“, jedoch hat sich der Zuschauer auch an diesen Sendungen irgend einmal satt gesehen. Ich denke, das SF wird in naher Zukunft keine Lösung finden, um das „Problem“ der Zuschauerveralterung beseitigen zu können. Fraglich bleibt, ob eine Lösung überhaupt notwendig ist und, ob das SF wirklich etwas verändern möchte.

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