Wikileaks: Herausforderung für die Medien

von Lukas Bertschi

Die rechte Weltwoche und die linke Wochenzeitung sind sich für einmal einig: Wikileaks ist wichtig für die Demokratie. Die politisch neutralen Medien stehen der investigativen Informationsplattform kritischer gegenüber.

„Die Demokratie ist die Staatsform des institutionalisierten Misstrauens. Das Öffentlichkeitsprinzip ist die Waffe des Bürgers gegen den Staat. Wikileaks verrichtet gute Dienste“, schrieb Roger Köppel im Editorial der Weltwoche am 1. Dezember. Damit ist er ausnahmsweise der gleichen Meinung wie die Wochenzeitung WoZ: „Die Enthüllung von Wikileaks ist ein Schritt zu mehr Klarheit und Offenheit in der Weltpolitik und damit zu mehr Demokratie“, so die Beurteilung von Andreas Zumach in der WoZ.

Angst vor dem mächtigen Staat
Staaten seien keine Menschen und hätten darum auch keine Privatsphäre, schreibt Köppel. „Staaten sind hochproblematische Gebilde. Sie verkörpern institutionelle, konkurrenzlose Macht. Staaten sind Monopole der Gewalt, die Zwangsgebühren erheben, Bürger einsperren und Kriege führen können“, so Köppel weiter. In diesen Sätzen zeigt sich, warum die Meinungen der linken Wochenzeitung und der rechten Weltwoche übereinstimmen: Die Angst vor „dem mächtigen Staat“ und die Überzeugung, dass dieser ständig kontrolliert werden muss. Die logische Konsequenz ist, dass bei der Kontrolle auch die rechtlichen Grenzen überschritten werden dürfen, denn schliesslich machen die Staaten die Gesetze.

Andere tun sich schwer
Die grossen Schweizer Tageszeitungen dagegen tun sich schwer mit einer positiven Stellungsnahme zu Wikileaks. Schnell wird gefragt, ob die investigative Plattform mit ihren Enthüllungen nicht mehr Schaden anrichte, als sie Gutes tut. Sie sehen Verschwiegenheit als elementare Bedingung für diplomatische Tätigkeiten. So schreibt Christof Münger im Tagesanzeiger: „Doch die Vertraulichkeit ist nun dahin (…), das ist der grösste Schaden den Wikileaks angerichtet hat.“

Radio Basel im Glück
Böse Zungen behaupten, dass die kritische Haltung gegenüber Wikileaks auch ein wenig dem Neid entspringt. Einige wenige grosse Zeitungen und Magazine das Vorrecht auf eine erste Auswertung der Daten bekommen. Ausnahme in der Schweiz ist das Radio Basel, welches durch einen Vertriebsfehler frühzeitig an eine „Spiegel“-Ausgabe gekommen ist und sich so das Publikationsrecht für Nachrichten mit Bezug zur Schweiz sichern konnte.

Assange gibt mehr her
Die meisten Medien schreiben bevorzugt über Wikileaks Gründer Julian Assange selbst und über Sperrungen von Wikileaks-Seiten und weniger über die Enthüllungen der investigativen Internetplattform. Dies unterstreicht die Zurückhaltung im Umgang mit den veröffentlichten vertraulichen Dokumenten. Zudem gehen viele Medien lieber auf politisch belanglose Episoden aus diplomatischen Depeschen ein, da diese humorvolle Schlagzeilen hergeben. Die echten Enthüllungen, wie zum Beispiel den von Saudi-Arabien geforderten Angriff der Amerikaner auf den Iran gehen dabei oftmals unter. Wenn sie aber kommentiert werden, dann derart, dass diese Veröffentlichungen die diplomatischen Tätigkeiten erschweren würden.

Mit Wikileaks auseinandersetzen
WoZ-Autor Andreas Zumach kommentierte diese Iran-Enthüllung mit den Worten: „Ahmadinedschad wusste dies alles schon längst vor der Wikileaks-Veröffentlichung – so schlecht sind Teherans DiplomatInnen und Geheimdienstleute auch wieder nicht.“ Gerade in dieser Krisenregion, wo aufseiten aller Akteure Verlogenheit und die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln noch grösser seien als in anderen Weltgegenden, liege in der von Wikileaks geschaffenen Transparenz zumindest die Chance zu eine Entwicklung zum Besseren, so Zumach. Die Wochenzeitung setzte sich im Artikel „Gut gepiekst, Wikileaks“ mit den Enthüllungen auseinander und beurteilte den Informationswert sowie die Konsequenzen bei einer Veröffentlichung. Dies ist eine Möglichkeit mit Wikileaks umzugehen, an der sich andere Medien ein Beispiel nehmen könnten.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

2 Gedanken zu „Wikileaks: Herausforderung für die Medien

  1. Adrian Plachesi

    Wie der Autor dieses Artikels richtig anmerkt, ist es leider so, dass die relevanten Tageszeitungen und deren Online-Pendants sich viel zu sehr auf Julian Assange selber einschiessen. Einmal mehr zeigt sich hier der Trend zur Personalisierung. Assange selber muss sich grün und blau ärgern: Statt über seine Enthüllungsdokumente wird der Durchschnittleser mit Stories über Assange’s Kindheit und seinen sexuellen Präferenzen gefüttert.

    Ebenfalls ärgern müssten sich die Herren von der WoZ und der Weltwoche. Eigentlich wäre es an journalistischen Schwergewichten wie ihnen, die Verlogenheit der Politik aufzudecken. Immerhin hat Roger Köppel zwei Wesentliche Dinge erkannt:

    1. Die Wikileaks-Dokumente sind kaum halb so skandalös, wie sie verkauft werden. Die betroffenen Akteure der Politik wissen schon lange wie der Hase läuft.

    2. Es stellt sich die Frage, ob Assange mit seinen Enthüllungen selbst eine politische Agenda verfolgt. Denn bisher schiesst Wikileaks vor allem gegen die USA.

    Genau darum müssen sich die seriösen Tages- und Wochenzeitungen zur Aufgabe machen, die Wikileaks-Dokumente als Quelle anzusehen und darauf aufbauend eigene Recherchen zu betreiben und die sog. „Skandal-Enthüllungen“ richtig einzuordnen und zu gewichten. Diese grundsätzliche Aufgabe des „Gatekeeping“ wurde in diesem Fall meiner Meinung nach von den allermeisten Medien nicht erfüllt. Denn dass Berlusconi gemäss Wikileaks-Dokumenten „physisch und politisch schwach“ sein soll, stimmt ja nicht einmal. Er ist schlicht und einfach ein Clown. Aber das zu sagen, trauen sich die Tageszeitungen dann wieder nicht.

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