„Wir Journalisten haben versagt“

von Stephanie Rebonati

Mit der täglichen Kolumne „Glogger mailt“ im Blick am Abend macht er sich keine Freunde und sorgt in der Branche für rote Köpfe. Aber auch für Boulevard-Journalist Helmut-Maria Glogger gibt es Grenzen der Kritik.

Helmut-Maria Glogger, Bild: zvg

Es ist 9 Uhr. Vor dem Pressehaus Ringier im Zürcher Seefeld weht ein kühler Wind. Drinnen wird man freundlich begrüsst und auf die schwarzen Ledersessel verwiesen. Die aktuellste Ausgabe der Schweizer Illustrierten liegt auf dem kleinen Glastisch, wie im Wartezimmer einer Ärztepraxis. Und in diesem Tenor geht es auch weiter: „Herr Glogger ist in wenigen Minuten hier“, richtet der Portier aus. Nach 35 Minuten tritt der modisch gekleidete Mann mit dem grau melierten Haar aus dem Lift, entschuldigt sich für die Verspätung und bietet einen Kaffee an.

„Das Perversteste, was ein linker Journalist machen kann“
Helmut-Maria Glogger schreibt jeden Tag „exakt“ 767 Zeichen inklusive Leerzeichen. „Ich könnte jeden Tag mehrere Kolumnen verfassen“, sagt der 53-Jährige, an Themen fehle es nicht. Einmal macht er Roger Köppel darauf aufmerksam, dass dieser in einem Artikel Geburts- und Todesstag von Elvis verwechselt hat und ein anderes Mal liest man, dass „Das Magazin“-Redaktor Daniel Binswanger „weinerlich“ sei. Dass Peter Hartmeier, ehemaliger Chefredaktor vom Tages-Anzeiger, zum Kommunikationschef der UBS mutiert ist, findet Glogger zudem „das Perverseste, was ein linker Journalist machen kann“.

Glogger nimmt kein Blatt vor den Mund, denn ihm mache keiner mehr was vor in dieser Branche. Glogger wurde 1999 der erste Deutsche Chefredaktor der Schweiz – Glückspost hiess sein Baby. Zudem sass er in den Chefredaktionen von Schweizer Illustrierte und Blick, schrieb Biografien von Udo Jürgens und Urs Althaus. Unter einem Pseudonym veröffentlicht er Bücher, eins wurde „sogar im Tages-Anzeiger gelobt“.

„Unabhängigkeit gilt nur gegenüber anderen“
In der Kolumne vom 7. September 2010 warf Glogger Finn Canonica, Chefredaktor von Das Magazin vor, eingebetteten Journalismus zu machen. Rückblende: Das Magazin druckte einen Text über Möbel Pfister, Glogger nannte es „Lobhudelei“, zudem schaltete das besagte Unternehmen auch „dick Werbung“. Das stinkt, aber warum in Canonicas und nicht im eigenen Vorgarten rumtrampeln? Glogger gibt zu, die wirtschaftliche Abhängigkeit auch zu kennen. Verlagshäuser würden nur andere kritisieren, nie sich selbst. „Schuldtragende sind wir Journalisten, wir haben versagt.“ Man hätte sich früher gegen PR und Verlagsmanagement auflehnen müssen. „Excel-Tabellen schreiben schliesslich keine Artikel, sondern Menschen mit Köpfen“, sagt Glogger.

„Ich bin kein Schnellschütze“
Dass er sich mit seiner Kolumne keine Freunde macht, weiss er: „Mir egal. Dafür bin ich freier Journalist.“ Überspitzte Darstellung sei schliesslich Sinn einer Kolumne, diffamieren würde er aber nie jemanden. Glogger versteht sich nicht als Medienkritiker, sondern als „Warner“. Er sei kein Schnellschütze, schlafe immer eine Nacht drüber, halte sich „handwerklich fit“ mit eigenen Vorgaben wie nur Hauptsätze, keine Adjektive, nur „Tun-Wörter“. Blick am Abend-Chefredaktor Peter Röthlisberger liest „Glogger mailt“ täglich vor dem Druck. „Wenn eine Kolumne nicht mit dem Stil unserer Zeitung übereinstimmt oder er eine Person zu sehr attackiert, greife ich ein“, sagt Röthlisberger.

5 Gedanken zu „„Wir Journalisten haben versagt“

  1. Reto Beeler

    Schön endlich mal auch ein Statement von Journalist Glogger zu hören. Sonst bekommt man ja nirgends einen Einblick, wie sich der Buhmann der Schweizer Peoplepresse an einen Text macht. Mich würde es aber noch wundern, wie viele Antworten er jeweils auf seine Warnungen kriegt. Beziehungsweise, ob sich ein Angeschriebener überhaupt um eine Antwort bemüht.

    Nebenbei, ob nun wirklich die gesamte Journalisten-Szene für die qualitative Krise verantwortlich gemacht werden kann, finde ich fraglich. Meines Erachtens sind es eben solche schnellproduzierten und schnellvergessenen Randnotizen, die zur Niveausenkung im Printbereich geführt haben. Hat der Leser sich erst einmal an ein solches Niveau gwohnt, wird er kaum noch Geld für etwas ausgeben wollen, das nicht nur aus Hauptsätzen und Tun-Wörtern besteht. Wenigsten schliesst sich Glogger mit „wir Journalisten sind daran schuld“ nicht slebst aus.

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  2. Raphael Mahler

    Ganz meine Meinung. Schön einmal eine Stellungnahme von ihm zu hören. Jedoch bestätigt der Artikel das Bild welches er durch seine Kolumne vermittelt. Klar darf eine Kolumne überspitzt sein. Das ganze aber konstant auf dem Niveau durch zu ziehen, wie er es tut, verbuche ich unter der Kategorie „übers Ziel hinausgeschossen“.

    Bei der Aussage, „Schuldtragende sind wir Journalisten, wir haben versagt“, muss ich ihm wohl Recht geben. Aber das heisst doch noch lange nicht, dass es zu spät ist etwas zu ändern. Und wir sollten doch möglichst schnell damit beginnen, Wege suchen wie wir uns aus dieser Abhängigkeit lösen können.

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  3. Ursin Tomaschett

    Glogger ist vieles, aber eines mit Bestimmtheit nicht: greifbar. Mal gefällt er sich in seiner Rolle als Dreckschleuder, dann wieder scheint er sogar recht selbstkritisch. Mal schreibt er (richtigerweise) über die „embedded journalism“-Problematik im TA-Magi, um dann auf der anderen seite wieder regelmässig mit schwer diffamierender Schreibe aufzuwarten (das ist sie ja tatsächlich, daran ändern auch seine gegenteiligen Beteuerungen nichts..)
    Ob man nun Glogger mag oder nicht, Fakt ist: Getreu dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert…“ kann Glogger dank seinem Status als persona non grata offenbar praktisch tun und lassen, was er will, für ihn scheint kein Eisen zu heiss. Das kann – gerade im Journalismus – von grossem Wert sein, das nur so als Denkanstoss.
    Was mich persönlich wundernähme: Wie oft wird Glogger von seinem Chefredaktor zurückgepfiffen?

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  4. Guttorm av Erkenstam

    Liebe Redaktion,

    ich hatte mit Glogger sogar schon Mailkontakt. Also müssen ihn meine Mails, die ich direkt an ihn gerichtet hatte, wohl irgendwie beeindruckt haben. Was mir an ihm auffällt, sind folgende Dinge:

    1. Glogger hat einen schlechten Stil und seine Rechtschreibung ist alles andere als sattelfest /z. B. schreibt er „Lybien“ statt Libyen)

    2. Glogger ist extrem deutschfeindlich (z. B. zieht er über die Bundesliga her, als wäre sie die erste Liga eines Fussball-Entwicklungslandes)

    3. Glogger ist extrem weinerlich: wenn man ihn auf sachliche Fehler, schlechte Analysen oder weitere nachweisbare Versäumnisse aufmerksam macht, wird man von ihm als „Feind“ der freien Presse beschimpft, er selbst nimmt sich aber wie ein Hofnarr jedes Recht, andere zu diffamieren, heraus. Ironie und Humor sind nicht sein Ding…

    Noch eine Frage: wie oft sieht der Chefredaktor Gloggers so genanten „Glossen“ durch? Wenn selten bis nie, ist dies auf Grund der minderen Qualität dieser Ergüsse unveranmtwortlich, wenn öfters, dann sind Zweifel an der Qualifikation des Chefredaktors angebracht.

    Das muss leider feststellen

    Guttorm av Erkenstam

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  5. Svenja

    Glogger ist 53 Jahre alt? Hat er das gesagt? Uiuiui … vielleicht fällt das auch in boulevardeske „überspitzte Darstellung“ … Schlagen wir mal 8 Jahre dazu, das kommt schon eher hin.

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