Alles ändert sich, Stadler bleibt

Von: Rafaela Roth
5. Januar 2011

Als Medienredaktor bei der NZZ schreibt Rainer „ras.“ Stadler seit 22 Jahren über die Veränderungen in der Schweizer Medienlandschaft. Er ist einer der letzten seiner Gattung.

NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler. Bild: Rafaela Roth

„Heiliger Strohsack! Wo ist es denn jetzt?“ Rainer Stadler durchwühlt hastig die Papier- und Zeitungsstapel, die sich auf dem Schreibtisch und auf dem Boden seines spärlich beleuchteten Büros türmen. „Aber ehrlich! Das müsste ich dann schon wieder mal finden.“ Dem langjährigen NZZ-Medienredaktor ist sein Blackberry inmitten seines kreativen Chaos abhandengekommen. „Das ist es eben mit diesen neuen Medien! Da wird man immer zerstreuter“, meint der hagere 52-Jährige mit Schalk in den stahlblauen Augen.

Medienexplosion
Seit mehr als 20 Jahren beobachtet der gebürtige St. Galler aus seinem Büro im NZZ-Hauptgebäude an der Falkenstrasse in Zürich, was sich in der Medienbranche tut. Nach dem Studium der Philosophie, französischer Literatur und Linguistik in Zürich und Paris, und einer Lizenziatsarbeit über den Philosophen Theodor W. Adorno, der den Massenmedien sehr kritisch gegenüberstand, war Rainer Stadlers Weg vorgezeichnet.

1989 bewarb er sich erfolgreich bei der NZZ. „Das war rückblickend vielleicht ein bisschen die Arroganz des Studenten, der denkt, Lokaljournalismus sei zu kleinräumig für ihn. Dabei ist das ein spannender Job, bei dem man viel lernen kann“, meint der Medienkritiker heute. Die jugendliche Arroganz zahlte sich aus. 2008 wurde der Redaktor mit dem Zürcher Journalistenpreis für das Gesamtwerk ausgezeichnet: „kritisch, kompetent, hartnäckig“, rühmte ihn die Jury.

„Es ist unglaublich, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich bin aufgewachsen mit zwei, drei Radio- und Fernsehsendern und wenigen Tageszeitungen. Seit damals ist die Anzahl Medien regelrecht explodiert!“, sagt der altgediente Journalist. Viel mehr technische Kompetenz sei in seinem Business erforderlich geworden und die Redaktionen würden keuchend versuchen mit den Neuerungen schrittzuhalten. Doch zeigt sich der Medienbeobachter fasziniert von den neuen Möglichkeiten: „Im Internet kann sich jedermann Gehör verschaffen, seinen eigenen Blog gründen oder sich mithilfe von Communities organisieren. Da lösen sich die Hierarchien auf.“

Abspecken
Die Veränderungen hatten auch ihre negativen Konsequenzen: die Anzeigemärkte verlagerten sich ins Internet und die Zeitungen kamen in Finanzierungsnöte. „Natürlich nehme ich diese Branche seit zehn Jahren unter dem Aspekt des Sparens wahr. Wenn wir in den 90er Jahren auch ein bisschen zu viel Speck hatten, so sind heute die Medien bis auf die Knochen abgemagert.“ Unter den mangelnden Ressourcen hat nicht zuletzt Stadlers Metier gelitten: Medienseiten sind nur noch vereinzelt in Tageszeitungen zu finden. Stadler steht heute beinahe konkurrenzlos auf weiter Flur. „Ich finde Medienjournalismus gehört zu einer Zeitung, die einen Anspruch hat. Ich fände es eine Art von Selbstmord oder zumindest Selbstbeschneidung, mich hier wegzusparen“, sagt er.

Fremdinteressen
Es sei auch fast zwingend, dass die Sorgfalt abnehme, wenn man unter höherem Produktionsdruck arbeiten muss. Auch, dass weniger Ressourcen für Hintergrundjournalismus vorhanden seien und die Fachkompetenz in den Redaktionen nachlasse, findet Stadler problematisch: „Da wächst die Gefahr der Manipulation durch Fremdinteressen.“

Eine Prognose für die Zukunft kann der langjährige Journalist jedoch nicht geben: „Ich glaube wir sind wirklich im Auge des Taifuns. Inmitten der Revolution. Auf einer philosophischen Ebene würde ich die These unterstützen, wonach die Gesellschaft Lösungen für Ihre Probleme findet, doch wie das genau aussehen kann, weiss ich nicht.“ Auch ein erfahrener Medienjournalist wie Rainer Stadler hat also kein Patentrezept für die Rettung der Printmedien. Doch Wandel sei immer spannend. „Zwar ist es stressig wenn man drin steht, aber interessant zum Verfolgen.“

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4 Comments

  • Leo Coray

    Wenn einer bereit ist, seine Erfahrungen an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben, dann ist es Rainer Stadler. So trat er beispielsweise vor zwei Jahren als Referent an der Generalversammlung der Arbeitsgemeinschft Deutschschweiz der freien Berufsjournalistinnen und -journalisten von impressum in Bad Ragaz auf – für Gottes Lohn notabene. In seinen spannenden Ausführungen unter dem Titel “Der unfreie Freie und die Nöte des freien Redaktors” beleuchtete er in aller Offenheit, welche Fehler Freie machen bzw. wie sie es besser machen könnten und sollten, aber auch, unter welchen Zwängen heute die Redaktionen stehen und (finanziell) leiden. Alle, die anwesend waren, haben zahlreiche Anregungen nach Hause nehmen können. Wenn sich nur gut 20 Peronen für dieses gehaltvolle Referat eines ausgewiesenen Fachmanns interessiert haben, ist das nicht Rainer Stadlers Schuld. Vielmehr ist es Ausdruck des mangelnden Interesses der freien Journalistinnen und Journalisten am eigenen Berufsstand – und das trotz der derzeit miserablen finanziellen Situation für viele von ihnen aufgrund des seit bald sieben Jahren fehlenden Gesamtarbeitsvertrags.

  • Vielen Dank für Deinen Blogartikel :-( Ich selbst bin allerdings seit langfristiger Zeit auf der Nachforschung nach einer nützlichen Fern Universität. Das in diesem Fall hilft mir sehr fein weiter.

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