Kritik ohne Krönung

von Andreas Frei

In vielen Sportarten ist eine gute Pflichtübung der Grundstein zu Ruhm und Ehre, muss aber noch durch die Kür bestätigt werden. In der Medienkritik ist es ähnlich. Die Pflichtübung, das Kritisieren, wird hier meistens mit Bravour erledigt, doch die Krönung, der Verbesserungsvorschlag, kommt oft zu kurz.

Wie eine studentische Arbeit am Institut für Angewandte Medienwissenschaften IAM der ZHAW Winterthur aufzeigt, belassen es gut drei von vier Artikeln (73%) beim Kritisieren. Untersucht wurden 800 Artikel, welche in Tages- und Wochenzeitungen erschienen. Davon kritisierten 131 explizit eine journalistische Fehlleistung. Nur 35 Artikel zeigten aber weiter auf, wer nun etwas anders machen müsste oder was nun zu tun wäre. Die restlichen 96 oder eben 73% beschränkten sich auf das Aufdecken der Fehlleistung. Immerhin 20 Autorinnen oder Autoren beschrieben genau, wer nun zur Tat schreiten soll und was getan werden muss. Das sind 15%.

Branche profitiert, Autor profiliert sich
Von zumindest einem Verbesserungsvorschlag könnte aber nicht nur die gesamte Branche profitieren, die Autorin oder der Autor könnte sich auch profilieren und ausserdem der Leserschaft aufzeigen, wie es besser gemacht würde. Damit kann die eigene Kompetenz besser bewiesen werden, als mit dem einfachen Fingerzeig auf die anderen, die etwas falsch gemacht haben.

Würde sich das Verhältnis 27% – 73% kehren, würde dies sowohl die Glaubwürdigkeit der Medienkritik insgesamt fördern und diese für Leser und Branche mit Sicherheit interessanter machen.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

3 Gedanken zu „Kritik ohne Krönung

  1. Dominic Ledergerber

    Ich glaube kaum, dass sich Kritiker in der Schweiz dafür interessieren, ob der Kritisierte durch das Feedback einen Entwicklungsschritt macht. Meiner Meinung wird Medienkritik in der Schweiz sehr häufig nur deshalb geäussert, um der Konkurrenz zu schaden oder aber offene Rechnungen mit anderen Redaktionen zu begleichen.

    Der Schweizer Blätterwald wird immer dichter – auf immer weniger Quadratmetern Fläche. Da ist es kaum erstaunlich, dass jeder die nebenanstehenden Bäume fällen will.

    Mit diesem Aspekt lässt sich auch erklären, weshalb meistens nur Kritik, aber kaum Lösungsvorschläge publiziert werden. Schliesslich fragt man bei der Kritik weder nach der Ursache, noch weiss man selbst, wie das Problem zu lösen wäre.

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  2. Vinzenz Wyss

    Ich hätte da eine kleine konstruktive Kritik zu ihrem Kommentar. Ob er lösungsorientiert ist, weiss ich nicht.
    Sie versuchen, journalistische Medienkritik als interessengeleitetes Konkurrenzgebaren zu erklären. Dafür gibt es ja tatsächlich ein paar empirische Hinweise. Das mit dem wachsenden Blätterwald müsste aber etwas relativiert werden. Wir diagnostizieren ja eigentlich seit Jahrzehnten einen Konzentrationsprozess (http://www.mediapolicy.uzh.ch/forschung/medienkonzentration.php). Von einem publizistischen Wettbewerb kann also nicht gesprochen werden. Dieser würde ja wohl den lösungsorientierten Kritikansatz fördern.

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  3. Michael Steiner

    Natürlich sind Verbesserungsvorschläge eine gute Sache, die zu fördern sicher nicht schädlich wäre. Nichts desto trotz halte ich das aus dem Ergebnis der Studie gezogene Fazit, dass Kritik glaubwürdiger und interessanter wäre, wenn sie auch Verbesserungsvorschläge liefert, für realitätsfern:
    Erstens hinkt der Vergleich mit dem Sport, da es im Journalismus und in der Medienkritik nicht darum geht, bei einer „Kür“ zu brillieren, sondern – um bei der Sportrhetorik zu bleiben – darum, konstant gute Ergebnisse zu liefern. Etwas wie Pflichtübungen gibt es meiner Meinung nach im Journalismus und in der Medienkritik nicht, sonst wären die kritisierten Kollegen ja lediglich Sparring-Partner, die nur den Kopf herheben müssen, damit der Kritiker seine Fähigkeiten verbessert.
    Zweitens ist der Kern von Kritik nun mal das Kritisieren, das Aufzeigen von Schwächen und Fehlern und analog dazu muss die Kernkompetenz eines Kritikers die Fähigkeit sein, substanzielle Kritik zu äussern. Die Forderung nach Lösungsvorschläge mag je nach Sichtweise wünschenswert sein, könnte aber in der Realität dazu führen, dass weniger kritisiert wird, weil eben diese bessere Lösung vom Kritiker nicht gefunden wurde. Diese zu finden kann auch nicht einzig die Aufgabe der Medienkritik sein, genau so wenig wie vom Journalismus erwartet werden kann, dass er überall dort, wo er kritisiert auch andere Lösungen präsentiert. Wenn dies vom Journalismus erwartet würde, wären wohl bald viele kritischen Journalistenstimmen verstummt.
    Drittens darf es nicht sein, dass diejenigen, die in einer Gesellschaft die Rolle eines Kritikers wahrnehmen, selbst Kritik nur dann akzeptieren können, wenn ihnen zu dieser gleich noch die Alternative präsentiert wird. Gleich wie der Journalismus von einer Gesellschaft erwarten darf, dass diese sich um Verbesserung bemüht, wenn ein Missstand aufgedeckt wurde, darf auch der Medienkritiker erwarten, dass Journalisten zur Selbstreflexion fähig sind, wenn ihre Leistung kritisiert wird. Wer die Glaubwürdigkeit einer Kritik in Frage stellt, nur weil der Lösungsvorschlag fehlt, übersieht, um was es bei der Kritik eigentlich geht. Kritikfähigkeit scheint mir eine der wichtigsten Voraussetzungen zu sein, um guten Journalismus zu betreiben. Dazu gehört eben auch, gerechtfertigte Kritik akzeptieren zu können, wenn einem die Alternative nicht gleich mitgeliefert wird.

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