Optimistische Stimme im Klagelied um den Kulturjournalismus

von Antonio Haefeli

Die Macher des jungen Projekts „Kulturkritik.ch“, das am diesjährigen Kulturforum der Bodenseetagung in Winterthur erstmals vorgestellt wird, stimmen nicht ein in das Klagelied vom Untergang des Kulturjournalismus. Viel mehr soll das Projekt den Kulturbetrieb von innen stärken und in Bewegung halten.

Am Kulturforum, das morgen am Institut für angewandte Medienwissenschaften in Winterthur (IAM) stattfindet, sollen profilierte Forschende und erfahrene Praktiker zusammenkommen und eine hochkarätige Diskussionsrunde über die Entwicklungen im Kulturjournalismus anregen. So steht es zumindest in der Einladung. Hört sich vernünftig an. Doch wurde in der Vergangenheit schon oft über die Misere der Kulturjournalisten lamentiert und dabei drehte man sich oft im Kreis.

Für frischen Wind sorgt an diesem Treffen das junge Projekt kulturkritik.ch, das Initiant Stefan Schöbi vorstellen wird. Schöbi ist unter anderem Dozent im Masterstudiengang „Master of Arts in Art Education“ der Zürcher Hochschule der Künste.

Seit Sommer 2009 veröffentlichen auf der Webseite des Projekts freie Autoren Kritiken, die den Zürcher Kulturbetrieb in Bewegung halten sollen: „Wir betrachten Kulturkritik als Austausch zwischen drei Personengruppen: Zum einen der Veranstalter, dann die vermittelnde Person, also der Kritiker selbst und als drittes der Leser,“ sagt Schöbi.

„Es braucht eine Kulturlobby“
Am stärksten angewiesen auf eine lebendige Kulturkritik seien aber die Veranstalter. Kunstschaffende und Kulturveranstalter seien geradezu abhängig von Rezensionen, vom Lob oder dem Verriss ihres Schaffens. Sie brauchen Resonanz auf ihre Werke, auf Leistungen, die nicht selten von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Aus diesem Bedarf sei auch das Projekt entstanden, sagt Stefan Schöbi. Viele der Autoren, Projektteilnehmer und Abonnenten seien nämlich auch in anderer Rolle in der Kultur tätig – die Grenzen zwischen Veranstalter, Kritiker und Konsument verschwimmen.

Genau darin sieht Stefan Schöbi den Wert von Kulturjournalismus: „Ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass Kulturkritik mehr Zuschauer bringt, aber dass sie förderlich ist für etwas, das man wohl Kulturlobby nennen müsste. Der Kulturbetrieb selbst muss allerdings erst merken, dass er eine Lobby braucht, und diese Lobby besteht dann idealerweise aus Leuten, die sich mit Kultur auf allen Ebenen kritisch auseinandersetzen.“

Eine stabile Kulturlobby stärke auch den Widerstand gegen die viel beklagte Infiltrierung der kulturellen Berichterstattung durch die PR. Auch dabei stimmt Stefan Schöbi nicht in das Klagelied vieler seiner Kollegen ein, sondern schildert eher positive Effekte dieser nicht wegzuredenden Umstände: „Trotz oder gerade wegen der Aufweichung des Kulturjournalismus durch die PR, wollen die Veranstalter wieder vermehrt einen echten Diskurs zu ihren Angeboten. Sie sagen uns sogar oft, dass sie lieber noch etwas schärfere Kritik hätten.“

Ohne Kritik keine Kultur
Also alles halb so schlimm? Klar scheint jedenfalls zu sein, dass die immer dünner gesäte kulturelle Berichterstattung in den Medien nicht in erster Linie dem Leser fehlt, sondern auch im Zentrum des Kulturbetriebs eine Lücke hinterlässt, die gefüllt werden muss. „Man sollte genau hinhören, wer eigentlich mit welchem Motiv in das Klagelied um den Kulturjournalismus einstimmt,“ sagt Stefan Schöbi. Man höre schliesslich nur selten von den Lesern dass sie das Feuillton in der Zeitung vermissten.

Ob Kulturjournalismus in Zukunft noch in den Tageszeitungen Platz findet oder auf andere mediale Kanäle abwandern muss, scheint aus der Sicht einer jüngeren Generation also gar nicht der Kern des Problems zu sein. Viel mehr geht es ihr darum, den Kulturbetrieb von innen heraus in Bewegung zu halten und für die so existenzielle Reibung zu sorgen. „Über Kultur muss gesprochen werden, damit sie überhaupt funktioniert – das ist einer der Hauptexistenzgründe für Kulturkritik.“ bringt es Stefan Schöbi auf den Punkt.

Informationen zur Veranstaltung:
IBK-Kulturforum 2011
: Kulturvermittlung ohne Kulturjournalismus?
Wann: Donnerstag, 27. Januar 2011, 13:30 Uhr
Wo: IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft
Theaterstrasse 15c, 
8400 Winterthur

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