Probleme mit technischen Fragen beim Presserat

von Jenny Zimmermann

Zwischen 60 und 70 Mal im Jahr nimmt der Schweizer Presserat zu medienethischen Beschwerden Stellung. Immer häufiger geht es um die Berichtigung von Online-Inhalten oder deren Löschung. Diese Thematik erfordert fundiertes Fachwissen, das den meisten Mitgliedern des Presserates noch fehlt.

Es herrscht eine lockere Atmosphäre an diesem Dezembermorgen im Konferenzzimmer des Zürcher Hotels Walhalla gleich neben dem Hauptbahnhof. Drei Männer und ebenso viele Frauen begrüssen sich herzlich mit Küsschen und tauschen bei Kaffee und Gipfeli Neuigkeiten aus. Sie sind aber nicht zum Vergnügen hier, wie man vorerst meinen könnte. Pia Horlacher, Sonja Schmidmeister, Francesca Snider sowie die Herren Klaus Lange, Edy Salmina und Martin Künzi arbeiten für den Schweizer Presserat und sind zusammengekommen, um die eingegangen Beschwerden zu behandeln.

[callout title=Der Presserat]
Der Schweizer Presserat ist die Beschwerdeinstanz für medienethische Fragen in der Schweizer Presse. Er setzt sich aus 21 Mitgliedern zusammen: Dem Präsidenten Dominique von Burg, dem Vizepräsidenten Edy Salmina sowie der Vizepräsidentin Esther Diener-Morscher. Hinzu kommen elf weitere Journalisten sowie sechs Publikumsvertreter, die nicht in der Medienbranche tätig sind. Die Mitglieder des Presserates sind ehrenamtlich tätig. Sie erhalten für ihre Tätigkeit Sitzungsgelder und Spesen. Unterstützt werden sie von Sekretär Martin Künzi, der mit einem Pensum von 75% angestellt ist. Die Mitglieder sind in drei Kammern aufgeteilt, die sich nach den Sprachregionen der Schweiz richten. Jede Kammer trifft sich ungefähr drei bis vier Mal im Jahr. Wird ein Fall vom Präsidium behandelt, schreibt Künzi die Stellungnahme, bei Kammerfällen tut dies der Referent in Zusammenarbeit mit ihm. Künzi schätzt, dass pro Jahr etwa 70 bis 100 Beschwerden eingereicht werden. «Da manche Beschwerden unvollständig sind oder zurückgezogen werden, ergibt das im Jahr circa 60 bis 70 Stellungnahmen unsererseits», sagt er.[/callout]

PNOS reicht Beschwerde ein
Nachdem der Präsident der ersten Kammer Edy Salmina die Traktandenliste durchgegangen ist, fährt Martin Künzi fort, indem er die aktuelle Beschwerde zusammenfasst. Diese birgt einiges an Konfliktpotenzial. Die Stimmung, die vorher locker war, wird nun professionell: Sachliche, aber dennoch hitzige Debatten werden geführt.

Der aktuelle Fall dreht sich um eine Beschwerde, den die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) gegen das Newsportal der Nordwestschweiz onlinereports.ch eingereicht hat. Die Beschwerde richtet sich gegen den Artikel «Immer noch hat die PNOS ihren Hetzartikel nicht gelöscht» vom 3. August 2010. In drei Punkten soll onlinereports.ch gemäss der PNOS ihre journalistischen Pflichten missachtet haben, wobei vor allem der erste Punkt viel zu reden gibt. Er befasst sich im weitesten Sinn mit der Wahrheits- sowie der Berichtigungspflicht, welche in den Punkten 1 und 5 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten festgehalten sind. Die PNOS hält den Titel für irreführend, da er andeute, dass sie sich widersetzt hätten, den Text zu löschen. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Onlinereports.ch habe viel eher sagen wollen, dass der Text immer noch abrufbar ist, weil die Suchmaschine Google die Webseiten in einem Zwischenspeicher (Cache) ablegt, von wo er mit dem entsprechenden Suchbegriff gefunden werden kann. Das komme aber erst sehr viel später im Text zum Ausdruck.
Wie bei jedem Fall darf der Beschwerdegegner im Vorfeld Stellung zur Anschuldigung nehmen, bevor sich der Presserat an die Bearbeitung des Falles macht. Onlinereports.ch wies die Beschwerde in allen Punkten zurück.

Presserat lässt sich beraten
Nun ist es am Presserat, über den Fall zu entscheiden Verlinken auf Stellungnahme des Presserates. Die Mitglieder des Presserates stimmen darin überein, dass der Titel irreführend ist. Sie sind sich aber uneinig darüber, ob die PNOS ihr Mögliches getan hat, um den Text zu löschen. Sie scheinen zudem nicht mit Sicherheit zu wissen, was genau ein Cache ist, wie diese Zwischenspeicherung bei Google funktioniert und wie man Google beauftragen kann, eine Seite vollständig zu löschen. Weshalb haben sie keine externe Fachperson beigezogen? «Das wäre denkbar gewesen, aber der Presserat möchte sich nicht auf die Meinung einer einzelnen Fachperson abstützen» sagt Martin Künzi. Im konkreten Beschwerdefall lässt der Presserat die Frage vorerst offen. «Die 3. Kammer des Presserates ist zurzeit daran, das Thema Gegendarstellung, Berichtigung und Löschung von Online-Inhalten grundsätzlich abzuklären und hat dazu bereits Hearings mit Experten aus verschiedenen Bereichen durchgeführt. Gestützt auf diese Hearings will der Presserat bis im Frühjahr 2010 eine grundsätzliche Stellungnahme zu diesem Thema verabschieden», sagt Künzi.

Dieser Beitrag wurde am von in Aktuell veröffentlicht. Schlagworte: , , .

Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

2 Gedanken zu „Probleme mit technischen Fragen beim Presserat

  1. Pingback: Tweets that mention Probleme mit technischen Fragen beim Presserat | Medienkritik Schweiz -- Topsy.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.