“Blattkritik soll motivieren”

Von: Lara Attinger, Imelda Stalder, Aline Wüst
14. Februar 2011

„Und nun zur Ausgabe von gestern.“ So ähnlich tönt es jeden Morgen bei vielen Tageszeitungen in der Schweiz. Blattkritik wird rege geübt, der Wille zu Verbesserung ist vorhanden. Doch was ist die ideale Blattkritik? Einblick in drei Redaktionen.

Der Chefredaktor der Aargauer Zeitung, Christian Dorer, misst der Blattkritik einen hohen Stellenwert bei, sagt aber auch, dass manchmal wiederholt dieselben Fehler gemacht würden. Auch Simon Bärtschi, stellvertretender Chefredaktor der SonntagsZeitung sagt: „Die Blattkritik ist neben Mitarbeitergesprächen das wichtigste Qualitätssicherungs-Instrument. Dementsprechend lang, eine Stunde, dauert sie meistens“. Anders sieht das Sandro Stoll, stellvertretender Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten. Für ihn ist die Blattkritik längst nicht das wichtigste Element der Qualitätssicherung. „Wichtiger sind die Wochensitzungen mit allen Ressorts, wo wir vertiefter auf den Umgang mit Themen, Leuten und der Sprache eingehen können.“

“Nicht nur zurückblicken”
Eine Vorstellung vom Idealbild einer Blattkritik haben alle drei Chefredaktoren. Dorer von der Aargauer Zeitung meint, dass eine Blattkritik nicht immer allumfassend sein müsse, sondern sich mal auf diesen, und mal auf jenen Punkt konzentrieren könne. „Wichtig ist, dass eine Blattkritik nicht nur negative Punkte enthält, sondern auch lobt und motiviert“, gibt Dorer zu bedenken. Dem pflichtet Sandro Stoll bei: „Die Blattkritik soll in erster Linie motivieren, sie soll nicht nur zurückblickend, sondern vorausschauend sein und so neue Themen generieren.“ Für Simon Bärtschi muss in der idealen Blattkritik der Gesamteindruck der Ausgabe zum Ausdruck kommen. Ausserdem solle sie dazu dienen, sich mit der Konkurrenz zu vergleichen.

„Ich hab’s nicht gelesen“
Die Kritikpunkte sind bei der Aargauer Zeitung so vielfältig wie die Redaktionsstandorte. Die 16 verschiedenen Regionalredaktionen sind einer der Gründe, weshalb die Blattkritik schriftlich geübt wird – von einer mündlichen könnte nur ein kleiner Teil der Redaktion profitieren, sagt Dorer. So findet in der Blattkritik der Aargauer Zeitung neben dem Tadel („Doppelseite 26/27: Man braucht viel Durchhaltewillen, das alles zu lesen, ich hab’s nicht getan“) auch das Lob („Gutes Wikileaks-Doppelpaket auf Inland/ Ausland“) seinen Platz. Die Blattkritiken üben meisten die Leiter der verschiedenen Ressorts.
Bei den Schaffhauser Nachrichten findet die Blattkritik mündlich zu Beginn der Redaktionssitzung statt. Der Vorteil dabei sei die Interaktivität. Denn wer kritisiert wird, habe die Chance sich zu rechtfertigen, begründet Sandro Stoll. Die Schaffhauser Nachrichten verfolgt dabei das Rotationsprinzip: Alle müssen mal Blattkritik üben. „Denn der Lerneffekt für den, der kritisiert ist gross.“

Externe Blattkritiker erweitern den Blickwinkel
Auch bei der SonntagsZeitung findet die Blattkritik immer mündlich im Plenum statt, erst danach wird sie verschriftlicht. Speziell an der internen Kritik bei der SonntagsZeitung ist, dass die Redaktion regelmässig externe Kritiker einlädt, die dann die Blattkritik durchführen. „Wir achten darauf, Persönlichkeiten mit eigenständiger Meinung einzuladen. Ob dies ein Werber, ein CEO oder ein Politiker ist, spielt nicht so eine Rolle. Wichtig ist, es muss ein affiner Zeitungsleser sein. Externe erkennen manchmal Details, die einem Internen nicht auffallen, sie erweitern so den eigenen Blickwinkel“, sagt Simon Bärtschi.
Die Kritik der einzelnen Geschichten richtet sich bei der SonntagsZeitung unter anderem nach einem internen Qualitätsraster, indem unter anderem die Nachrichtenwerte „Relevanz“, „Aktualität“ und „Vielfalt“ eine wichtige Rolle spielen. Mit diesem klaren Raster sei auch der Lerneffekt grösser: „Unser Ziel ist es natürlich, dass aus den Fehlern gelernt wird. Die Blattkritik ist die Bedienungsanleitung für den Umgang bei journalistischen Problemstellungen“, sagt Bärtschi.

Kritik hinter verschlossener Tür
Die Blattkritik ist ein sehr grosser und wichtiger Teil von Medienkritik. Es ist die Form der Selbstkritik, die Medienschaffende immer wieder zum Hinterfragen und Kontrollieren der eigenen Leistungen zwingt. Obwohl sehr relevant, ist diese Form von Medienkritik nicht öffentlich und den Zeitungslesern oft gar nicht bekannt.
Die Vertraulichkeit der internen Blattkritik hat verschiedene Gründe. Bärtschi erklärt, dass die Blattkritik oft auch als Gelegenheit für interne Informationen über Arbeitskolleginnen und Kollegen genützt werde und diese auf jeden Fall intern bleiben müssen. „Und Blattkritiken sind zwar ein Instrument zur Qualitätsverbesserung – es geht aber immer auch um Strategie. Diese will man ja nicht gleich an die Konkurrenz weitergeben“, fügt er an.

Tags: , , , , , , ,

Category: Aktuell | RSS 2.0 | Give a Comment | trackback

No Comments

Kommentieren

label for=/a