„Die Menschen wissen, dass sie Trash lesen“

Interview mit Kurt Imhof von Beatrice Peter

Kurt Imhof und sein Forscherteam äusserten sich im Jahrbuch „Qualität der Schweizer Medien 2010“ besorgt. Mit der Angst um die Schweizer Demokratie erschien der oberste Medienkritiker fast kulturpessimistisch. Im Gespräch zeigt Imhof aber, dass er den Glauben in die moderne Gesellschaft noch lange nicht aufgegeben hat.

Bild: fög

Herr Imhof, das Jahrbuch wird von allen Seiten kritisiert. Woher kommt die Motivation, dieser Kritik standzuhalten?
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Das Jahrbuch fand ausserordentlich viel positiven Zuspruch und natürlich Kritik. Ich habe weniger von ersterem und mehr von letzterem erwartet und deshalb muss ich nicht „standhalten“, sondern wir können wertvolle kritische Hinweise nutzen, um die Qualität des Jahrbuchs und damit seinen Nutzwert zu steigern.

Ihre Forderungen an die Medienwelt sind schwer umzusetzen. Bleibt da dieser Nutzwert nicht auf der Strecke?
Ich kann mit meinen Mitforschenden nur darauf aufmerksam machen, dass die Qualität der Demokratie massgeblich von der Qualität der öffentlichen Kommunikation abhängt, dass uns alle ein Qualitätsverlust der Medien trifft. Wir zeigen mit dem Jahrbuch die Qualität der Medien im Querschnitt und über die Zeit. Eine Qualitätsverbesserung ist eine Angelegenheit der Akteure auf Seiten der Medien, es ist eine Frage der Medienpolitik und es ist eine Angelegenheit des Publikums. Also nicht der Wissenschaft.

Trotzdem gibt es einen Qualitätsverlust; die Umsetzung dieser Arbeitsteilung scheint nicht reibungslos zu funktionieren. Fehlt es der Wissenschaft an Bereitschaft, enger mit den Praktiker zusammen zu arbeiten?
Überhaupt nicht. Es gibt viele anwendungsorientierte Wissenschaftler, die mit Praktikern zusammen arbeiten. In der Vergangenheit haben die Verlage entgegen der Warnungen der Medienwissenschaft in falsche Geschäftsmodelle investiert: In Gratiszeitungen, welche die Kaufbereitschaft der Konsumenten mindert und sie haben im Onlinebereich keine Bezahlschranke eingeführt. Beides war falsch.

Gratis ist beliebt bei den Konsumenten…
Wen wundert das? Warum nicht gleich gratis in die Ferien? Jedoch: Wenn man die Leute befragt, was sie für einen Journalismus wollen, dann wird Recherche verlangt Einordnung, wesentliche Informationen, Hintergrund. Kurz: Sie wollen nicht das, was die Gratismedien anbieten. Doch die sind eben gratis und das Zeitbudget der Konsumenten ist begrenzt, und 20min oder Blick am Abend vermitteln vielen das Gefühl, doch irgendwie informiert zu sein.

Können die Konsumenten nicht mehr zwischen Qualitätsmedien und Trash unterscheiden?
Doch, die Menschen wissen, dass sie Trash lesen. Aber das ist wie beim Rauchen. Das Wissen der Menschen und ihre Handlungsweise gehen oft auseinander.

Glauben sie denn, dass sich etwas ändert? Dass Ihre Forderungen Wirkung zeigen?
Es braucht einen langen Atem, aber die Moderne wäre nicht mehr die Moderne, wenn sie diesen Verlust an Zivilität und Vernunft nicht aufhalten könnte. Ich bin überrascht über die Grösse des Echos zum Jahrbuch. Ganz offensichtlich trifft es einen Nerv in der Gesellschaft und bei vielen politischen Akteuren. Nicht nur, aber auch wegen dem Jahrbuch hat sich die Medienkritik deutlich verstärkt, unter anderem auch auf Ihrer Plattform. Die Tatsache, dass es diese Plattform gibt, ist ja dem hohen Stellenwert, den die Demokratie in unserer Gesellschaft einnimmt, zu verdanken. Es gibt den Anspruch, die Qualität der Medien mindestens zu stabilisieren, wenn nicht zu verbessern.

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