“Gute Mediengeschichten brauchen kein eigenes Ressort”

Von: Lukas Langhart
1. Februar 2011

Der oft totgesagte Medienjournalismus lebt weiter, einfach anders. Davon zeigt sich Simon Bärtschi (41) im Interview überzeugt. Der stellvertretende Chefredaktor der SonntagsZeitung begann selbst einst als Medienredaktor und weiss, wie die Zeitungsmacher argumentieren, die sich kein Medienressort leisten wollen. Heute ist er selber einer von ihnen.

Zügig die Karriereleiter hoch – der frühere Medienjournalist Simon Bärtschi ist heute stv. Chefredaktor der Sonntagszeitung. Bild: zvg.

Herr Bärtschi, weshalb suchen wir in der Sonntags-Zeitung vergeblich nach einer Medienseite?
Eine Medienseite wurde nie angestrebt und hat sich nie ergeben. Wir bringen Medienthemen dann, wenn sie relevant sind, und platzieren sie im Wirtschafts-, Nachrichten- oder Fokusbund. Für eher technische Belange haben wir unsere Multimedia-Seiten mit zwei Spezialisten. Dadurch sind wir flexibler als mit einem fixen Gefäss. Gute Mediengeschichten brauchen kein eigenes Ressort.

Im Vergleich etwa zum „Sonntag“, der ein fixes Medienressort hat, finden aber deutlich weniger Medienthemen den Weg ins Blatt.
Quantität ist nicht alles. Entscheidend ist, worüber berichtet wird. Medienjournalismus muss relevante Entwicklungen in der Branche beleuchten. Umso besser, wenn es den Durchschnittsleser anspricht. Was Leser stark bewegt, ist das Fernsehen – und alles, was sich rundherum abspielt. Die SRG ist innerhalb unserer Nachrichtenredaktion deshalb ein fixes Dossier. Es wird ab März 2011 übrigens von einem Neuzugang speziell betreut.

Simon Bärtschi (41)
Der stellvertretende Chefredaktor der Sonntagszeitung studierte physische Geografie und Medienwissenschaften an der Universität Bern und begann seine Karriere als freier Medienjournalist. Nach zwei Jahren in der Medienredaktion der Aargauer Zeitung wechselte er 2003 zur SonntagsZeitung. Im Nachrichtenressort war er erst nur für Mediengeschichten verantwortlich, bevor er nach und nach weitere Dossiers übernahm und 2007 zum Ressortleiter befördert wurde. Seit Oktober 2010 ist Bärtschi stellvertretender Chefredaktor der SonntagsZeitung.

Und wer schreibt über die Fehlleistungen der NZZ am Sonntag, des Blicks, des Tages-Anzeigers?
Unser Branchenkenner Hanspeter Bürgin etwa. Er verlässt zwar die Redaktion, wird aber weiterhin für uns berichten. Wir haben auch andere gute Beobachter der Szene in den eigenen Reihen. Was bei uns im Tamedia-Flurfunk über den Konzern gemunkelt wird, gehört allerdings nicht in unsere Zeitung. Das überlassen wir der Konkurrenz. Der Kanon der Medienkritik erschallt dann am Kiosk.

Wie steht es um die Selbstkritik in Ihrer Redaktion?
Die findet etwa im Rahmen der wöchentlichen Blattkritik statt. Wir arbeiten an unserer Fehlerkultur und wollen Fehlgriffe klar und unaufgefordert kommunizieren. Vorbildlich macht dies etwa die New York Times, die auf den ersten Seiten penibel unzählige Korrigenda zur vergangenen Ausgabe auflistet. Das heisst aber nicht, dass uns die anderen Medien, insbesondere die Medienjournalisten, nicht mehr zu beobachten haben.

Sie waren selbst einmal Medienjournalist. Mit welcher Motivation sind Sie in diese Branche eingestiegen?
Ich interessierte mich früh fürs Fernsehen, für spezielle Formate – und begann als Student, Kritiken und Berichte zu schreiben. Ich habe auf jeden Fall nicht Medienwissenschaften studiert, um Medienjournalist zu werden. Für meine journalistische Tätigkeit hat mir mein naturwissenschaftliches Studium mehr gebracht. Über die Medienwissenschaft ergaben sich einfach viele Kontakte.

Was raten Sie jemandem, der in den Medienjournalismus einsteigen möchte?
Ein medien- oder publizistikwissenschaftliches Studium kann sicher eine Basis sein. Entscheidend ist aber das Talent und der Wille, dort nachzubohren, wo man es für richtig hält. Und eine dicke Haut, denn man muss einiges einstecken können. Als Medienjournalist kommt man um Kollegenschelte nicht herum, die Sparte ist ein Minenfeld.

Doch wohin mit dem talentierten Nachwuchs? Die Schweizer Zeitungen, die noch eine Medienredaktion haben, sind an einer Hand abzuzählen.
Da sind zum einen die Branchenpublikationen wie etwa der Schweizer Journalist oder persönlich.com. Viel verschiebt sich ins Internet. Neu setzen Online-Zeitungen auf Sendungskritiken. Eine sehr gute Sache, finde ich. Und vielleicht ändern die Schweizer Verleger ja auch ihre Meinung und halten Medienseiten plötzlich für finanzierbar – dann gäbe es neue Jobs für Medienjournalisten.

Sie sind relativ zügig die Karriereleiter hochgestiegen. War Ihnen nie die verbrannte Erde im Weg, die Sie als Medienjournalist hinterlassen hatten?
Verbrannte Erde ist immer ein schlechtes Zeichen für einen Journalisten. Vorübergehend verscherzt habe ich es mit Ingrid Deltenre, Ex-Fernsehchefin. Doch da ich nie zum Fernsehen wollte, hatte das keine weiteren Konsequenzen. Wer gut recherchierte und berechtigte Kritik übt, muss auch nichts befürchten. Solche Journalisten kommen immer weiter, ob in einem Medienressort oder einem anderen.

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3 Comments

  • Gutes Interview, finde ich. Es regt das Denken an und lässt Widerspruchsgelüste aufkommen. Die Argumentation gegen ein Medienressort überzeugt nicht, weil auch die SZ gleichzeitig Kräfte im Politik- oder Wirtschaftsressort bündelt – das wären ja dann die Sammelbecken für schlechte Geschichten, hmm. Mit Verlaub: Medien sind doch nicht nur Deltenres und Fernsehen. Man zähle zusammmen:

    keine Ressort – keine verlässliche Struktur,

    die Vorstelleung nur Fernsehen und Köpfe interessierten das Publikum – kein Sensorium für strukturelle Zusammenhänge,

    keine Selbstkritik – das ist was für die anderen, die sich aber davor hüten sollten, Erde zu verbrennen…

    Medienwissenschaft macht zwar noch keine guten Journalisten, aber immerhin verweist sie auf strukturelle Zusammenhänge, die in der Froschperspektive so schnell aus dem Blickwinkel geraten. Die Themen Medien und Öffentilchkeit sind heute zu wichtig geworden, als dass man sie nur der zufälligen Ad hoc Beobachtung aussetzen sollte.

  • Gruss aus der Praxis an die Wissenschaft! Medienkritik lebt vor allem von engagierten Köpfen, weiss Gott nicht von Ressortstrukturen! Regeleins: Gute Kritiker bringen ihre Geschichten ins Blatt. Regelzwei: Dabei interessieren auch strukturelle Geschichten – aber hier ist die Hürde höher. Deswegen: Was stark bewegt ist das TV. Keine Selbstkritik? War da nicht die Rede von wöchentlicher Blattkritik? Keine Ressorts zu schaffen hat mit “ad hoc” überhaupt nichts zu tun!

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