Boulevard stärker im Visier

von Stefan Etter

Der Boulevardjournalismus eckt mit zugespitzten Texten und investigativen Recherchemethoden immer wieder an. Er polarisiert und spaltet die Gemüter, doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist ihm gewiss – im Positiven wie im Negativen. Das zeigt auch ein Blick auf die Stellungnahmen des Presserats aus dem Jahr 2010. Die Titel der „Blick“-Gruppe sind besonders häufig Gegenstand von Beschwerden.

Der Schweizer Presserat bearbeitet als medienkritische Instanz und öffentliche Anlaufstelle für Beschwerden gegen Medien jedes Jahr zwischen 60 bis 70 Anträge. Zu den Beschwerdeführern gehören meist Betroffene, oder sonst aufmerksame Medienkonsumenten, welche die Medien oder deren Akteure kritisieren und den Rat zur Rüge auffordern. Was dabei auffällt: Ein Grossteil der Beschwerden richtet sich gegen Boulevardmedien.

Ein Blick auf den „Blick“
Allen voran steht der Medienkonzern Ringier mit den prominenten Titeln „Blick“, „Blick-Online“ und „Blick am Abend“. Von den insgesamt 65 Beschwerdeanträgen, über die der Presserat im Jahr 2010 entschieden hat, betreffen zehn Stellungnahmen diese Ringier-Titel. Eine erstaunlich hohe Zahl bedenkt man, dass es doch noch andere Schweizer Medienhäuser gibt. Was ist der Grund dafür? Berichten diese Titel häufiger unangemessen über Sachverhalte als andere Medien? Wird auf dem Boulevard die Realität zurechtgebogen, auf Kosten der Objekte der Berichterstattung und zugunsten der Auflagen? „Gestützt auf die behandelten Beschwerden habe ich den Eindruck, dass der ‚Blick‘ in den letzten Jahren zu einem härteren Boulevardjournalismus zurückgekehrt ist“, bestätigt Martin Künzi vom Sekretariat des Schweizer Presserats diesen Eindruck. Gleichzeitig relativiert er aber, dass diese Aussage aufgrund der bescheidenen Gesamtzahl der Beschwerden nur mit Vorsicht zu geniessen sei. „Vielleicht ist die Häufung von Beschwerden gegen ‚Blick‘ aber auch Zufall“.

Je mehr Leser, desto mehr Kritik
Qualität und Machart des „Blick“-Journalismus wird häufig diskutiert, da er polarisiert und die Gemüter des Publikums bewegt. Doch vielleicht liegt genau da der Hund begraben. Der „Blick“ bewegt. Der meist verkaufte Printtitel der Schweiz wird nur schon aufgrund seiner enormen Präsenz in der Öffentlichkeit zum Gesprächsthema beim Mittagessen, bei der Zigarettenpause oder während der Heimfahrt im Zug. Wenn eine Zeitung wie der „Blick“ eine höhere Auflage hat als andere, ergibt sich wohl allein aufgrund der grösseren Leserschaft eine höhere Wahrscheinlichkeit für Kritik. „Vor etwas mehr als zehn Jahren erhielt der Presserat erstaunlich viele Beschwerden, welche die Sonntagszeitungen tangierten“, so Künzi. „Das war die Zeit, als sich die Sonntagszeitungen im Medienmarkt etablierten“. Ist die Tatsache, dass Ringier im Jahr 2010 fast in jedem sechsten Beschwerdeantrag thematisiert wurde, vielleicht nur ein Trend, genauso wie damals bei den Sonntagszeitungen? Fakt ist: Von den zehn Beschwerden, die Ringier betrafen, wies der Schweizer Presserat nur die Hälfte vollständig ab. Doch nur eine fundierte und wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema kann eindeutige Aufschlüsse geben. Weitere Erkenntnisse dazu wird eine Forschungsarbeit über die Stellungnahmen des Presserats liefern, die bis Juni 2011 realisiert wird.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

2 Gedanken zu „Boulevard stärker im Visier

  1. Stephan Eisler

    Alleine mit der Vorreiterschaft auf dem Markt und der – zugegebenermassen – harscher gewordenen Sprache lässt sich wohl kaum erklären, warum mehr den Blick betreffende Beschwerden eingehen. Da spielt sicher auch die sich verändernde Sichtweise auf den Boulevard allgemein eine Rolle.
    Punkto Forschungsreport: werden dabei auch Beschwerden zum Vergleich herangezogen, welche auf ähnlich verfassten (boulevardesken) Medienerzeugnissen gründen / basieren? Ein Vergleich mit „Blick-ähnlichen“ Berichten könnte durchaus interessant sein.

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