Unbekanntes Internet

von Sebastian Schneider

Ob Videoclips auf Youtube oder Partyfotos auf Facebook – immer mehr persönliche Daten finden den Weg ins Internet, wo sie ausgewertet und zu kommerziellen Zwecken genutzt werden. Auch Journalisten bedienen sich zunehmend in diesem Datenpool. Ungeklärt ist dabei, wo der öffentliche Raum endet und wo die Privatsphäre beginnt. Auch der Schweizer Presserat muss sich vermehrt mit dieser Frage befassen.

In diesem Fall ging der „Blick“ zu weit, befand der Presserat im Januar 2010. Von einer privaten Website hatte sich die Zeitung Sado-Maso-Bilder einer Sozialamtleiterin beschafft und diese veröffentlicht. Der Presserat hielt das für einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre und rügte den „Blick“. Weil dies kein Einzelfall ist und um den Journalisten in diesem Graubereich eine Orientierungshilfe zu geben, verfasste der Presserat eine allgemeine Stellungnahme zum Thema Internet und Privatsphäre. Darin stellte der Presserat fest, dass Information und Dokumente, die im Internet veröffentlicht werden, zwar der öffentlichen Sphäre zuzurechnen seien. Aber die Informationen könnten je nach Inhalt ihren persönlichen Charakter behalten. Deshalb dürften solche Informationen nicht ohne weiteres von anderen Medien weiterverbreitet werden. Weiter steht, dass Journalisten verpflichtet seien, die zur Diskussion stehenden Interessen („Recht der Öffentlichkeit auf Information und Schutz der Privatsphäre“) sorgfältig abzuwägen. Aber selbst nach dieser präzisen Beurteilung bleibt ein Graubereich bestehen.

Wenig Beschwerden gegen Online-Medien
Auch anderweitig ist das Internet eine Terra incognita. Sieht man die Stellungnahmen des Presserates aus dem Jahre 2010 durch, so stellt man schnell fest, dass sich nur wenige Beschwerden gegen Veröffentlichungen von Online-Redaktionen richten. Fast 60 von insgesamt 65 Stellungnahmen betreffen Zeitungen und Zeitschriften, obwohl die Nutzung des Internets zur Informationsbeschaffung stark zunimmt.

Auf diesen Widerspruch angesprochen, hat auch Martin Künzi vom Sekretariat des Schweizer Presserates keine klare Antwort: „Es könnte daran liegen, dass traditionellen Medien eher von älteren Leuten rezipiert werden und die Jungen, die Online-Medien konsumieren, sich weniger beklagen.“ Man führe darüber aber keine Statistik. Um verbindlichere Aussagen darüber zu machen, müsse eine grössere Stichprobe systematisch auswertet werden.

Genauere Antworten können möglicherweise wissenschaftliche Arbeiten aus dem Seminar Medienleistungen und Medienkritik des Institutes für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur geben. Mehr dazu zum gegebenen Zeitpunkt an dieser Stelle.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

3 Gedanken zu „Unbekanntes Internet

  1. Pascal Wettstein

    Könnte es nicht sein, dass Beschwerden über Web-Inhalte einfach gar nicht bis zum Presserat gelangen? Wenn sich Privatpersonen oder Organisationen über redaktionelle Inhalte bei Online-Redaktionen beschweren, ist es ein Leichtes für diese, die Inhalte von der Webseite zu löschen, nachträglich zu zensieren oder Namen zu ändern. Etwas was im Print, wenn mal gedruckt, nicht mehr möglich ist.

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  2. Manuel Peter

    So wie sich die Grenzen des Journalismus im Internet immer mehr auflösen, so verhält es sich auch mit der Unterscheidung, was erlaubt ist und was nicht. Wir haben es uns selbst zuzuschreiben, dass an sich private Angelegenheiten immer besser den Weg dorthin finden, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Facebook, Twitter, Youtube und Co. sei Dank.
    Verläuft eine Entwicklung in einer derart schnellen Art und Weise, so hinken die Regeln, die diese Entwicklung in einem gewissen Rahmen halten sollen, meist hinterher. Man muss kein Wahrsager sein, um zu wissen, dass in Zukunft noch sehr viele Stellungnahmen des Presserates folgen, die ein von den Medien neu entdecktes Schlupfloch zustopfen. Ob diese dann befolgt werden oder nicht sei dahingestellt…

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  3. Florian Imbach

    Im Gespräch mit anderen Journalisten stelle ich oft fest, dass der Grundsatz gilt: „Was im Internet ist, ist veröffentlicht, also dürfen wir (die Medien ) es auch bringen.“
    Dass nicht nur der Presserat, sondern auch das Medienrecht etwas anderes sagt, ist nur wenigen bekannt. Eine Einwilligung, das Bild zu verwenden, liegt nicht vor, nur weil ich ein Bild irgendwo im Internet veröffentliche. Damit trete ich meine Persönlichkeitsrechte in keiner Art und Weise ab. Journalisten sollten sich dessen bewusst sein, bevor sie früher oder später wegen Verstoss gegen Artikel 28 ZGB (http://www.admin.ch/ch/d/sr/210/a28.html) vor den Richter müssen.

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