Gratwanderung zwischen Lob und Tadel

von Alexandra Kunz

Der „Merker“ des St. Galler Tagblatts übt einmal im Monat öffentlich Blattkritik. Doch von Kritik sind die Kolumnen teilweise weit entfernt. Nicht selten wird gelobt (und gelobhudelt).

„Die Autorin hat im Umgang mit Tabuthemen Mut bewiesen“, „Die Redaktion beleuchtet eine vollkommen andere Perspektive“ – Die Frühlings-Kolumnen des „Merkers“ vergangenen Jahres gleichen einer Lobhudelei. Und das soll Medienkritik sein?
Der St. Galler Merker „misst die journalistische Leistung der Redaktion an den qualitativen Ansprüchen, die sie an sich selber stellt“. In einer monatlichen Kolumne werden die Beobachtungen der Öffentlichkeit präsentiert. Doch von Kritik waren die im April und Mai publizierten Beiträge weit entfernt, war in den Kolumnen doch fast nur Positives zu entnehmen. Komplimente sind gut und recht, und für die Autoren auch wichtig, es soll aber auch nicht über den grünen Klee gelobt werden. Schliesslich dient der Merker der Auseinandersetzung mit journalistischer Qualität und es ist zu bezweifeln, dass in diesen zwei Monaten qualitativ alles tadellos war.

Horizont soll erweitert werden

Abgesehen davon überzeugt der St. Galler Merker aber durchaus. Die humorvolle Art und Weise wie die zwei Kommunikationswissenschaftler Medienkritik transportieren, macht die Thematik auch für Nicht-Medienschaffende attraktiv. Wenn auch in den Kolumnen nur einzelne Artikel oder Illustrationen beleuchtet werden, und journalistische Entwicklungen wie Boulevardisierung und Kommerzialisierung nicht, oder nur dürftig, angesprochen werden. Es wäre wünschenswert, der Horizont würde über das Blattende hinausreichen. Nicht selten setzen sich die Merker auch mit anderen Zeitungen auseinander, um zu thematisieren, wie Konkurrenz-Redaktionen spezifische Themen aufgenommen haben. Das wirkt kompetent und fördert die persönliche Entwicklung der Autoren. Insgesamt beweisen die Merker, dass auch Nicht-Journalisten durchaus befähigt sind, Medienkritik zu betreiben.

6 Gedanken zu „Gratwanderung zwischen Lob und Tadel

  1. Gottlieb F. Höpli

    Aus der nicht allzu reichlich vorkommenden institutionalisierten Medienkritik in Schweizer Medien hat sich Alexandra Kunz hier die „Merker“ des St.Galler Tagblatts kritisch vorgenommen – und kommt zu einem säuerlichen Fazit: In den beiden letzten Monatsberichten sei fast nur gelobt, ja geradezu „Lobhudelei“ betrieben worden: „Und das soll Medienkritik sein?“ Als damaliger Chefredaktor, der diese Form der Medienkritik in der eigenen Zeitung institutionalisiert hat, erlaube ich mir dazu die folgenden Bemerkungen:
    Dass in den beiden Monatsberichten vom April und Mai 2011 nur gelobt wurde, ist nicht zutreffend. Zwar wurde AUCH gelobt, aber nicht nur. Die beiden Merker (zwei Medienwissenschafter aus dem Mittelbau des MCM-Instituts der Uni St. Gallen) kritisieren im März z.B. repetierte (und peinlicherweise auch beim zweitenmal noch als „Überraschung“ ausgegebene) Meldungen, nehmen sich den „GAU“ als „grösste anzunehmende Worthülse“ vor und kritisieren einen Gerichtsbericht als „für den Leser praktisch nicht mehr nachvollziehbar“. Im April bezeichnen sie einen Zahlensalat zum Thema Kirchenaustritte, der dafür alle Zusammenhänge vermissen liess, als „ungenügend“. Die Merker finden im Tagblatt des Monats April weitere „Schönheitsfehler“ und bemängeln die fantasielose Illustration der Holenweger-Berichterstattung: Lobhudelei? Die Tagblatt-Merker loben und kritisieren stets konkret: Das ist vielleicht ihre beste und für Akademiker keineswegs selbstverständliche Eigenschaft.
    „Kritik“ scheint in den Augen von Frau Kunz nur aus negativen Wertungen zu bestehen. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Kritik. Diese sollte unterscheiden zwischen Qualitätsvollem und Missratenem, sollte beiders benennen, und sie sollte diese Unterscheidungen begründen. Genau dies tun die Tagblatt-Merker, und weil sie qualifiziert sind, haben sie es nicht nötig, mit nassforschen negativen Pauschalurteilen aufzutrumpfen. Nachdem ich seinerzeit das mittelalterliche Wort „Merker“ (=Aufpasser) wieder zu Ehren gebracht habe, regt mich das Fehlurteil „Lobhudelei“ zu einer weiteren mittelhochdeutschen Anleihe an: „hudeln“ ist ja ein altes, dialektal noch gebrauchtes Wort für „pfuschen“, „rasch, aber schlecht erledigen“. Frau Kunz steht weit über dem Verdacht, Lobhudelei betrieben zu haben. Aber sie hat meiner Meinung nach „Kritikhudelei“ betrieben.

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  2. Alexandra Kunz

    Lieber Herr Höpli,
    Vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Ich muss hier festhalten, dass sich die Kritik auf die im April und Mai publizierten Kolumnen des vergangenen Jahres (2010) beziehen. Im Rahmen unserer Forschungsarbeit untersuchten wir die Kolumnen von Oktober 2009 bis September 2010. Diese wichtige Abgrenzung ging durch das Redigieren seitens der Redaktion leider verloren. Entsprechend verstehe ich Ihre Einwände, möchte aber dennoch daran festhalten, dass in den beiden genannten Kolumnen im 2010 «fast nur Positives» vorzufinden war. Ich bin der Meinung, dass während eines Monates in einer Tageszeitung mehr beanstandet werden könnte. Dennoch bin ich auch der Überzeugung, dass «Komplimente gut sind und den Autoren auch weiterhelfen». Abschliessend möchte ich betonen, dass ich die Arbeit des Merkers insgesamt als sehr kompetent einstufe, wie sie meinem Artikel ebenfalls entnehmen können.

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  3. Alexandra Kunz

    Da fällt mir auf; die Abgrenzung ging doch nicht verloren: «Die Frühlings-Kolumnen des “Merkers” vergangenen Jahres gleichen einer Lobhudelei.» (Erster Abschnitt)

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  4. G.F.Höpli

    Liebe Alexandra Kunz,
    na, dann wollen wir das Kritikerbeil mal wieder begraben! Dass in einer Tageszeitung während eines Monats mehr Fehler beanstandet werden könnten -geschenkt. Die Merker sind aber keine Fehler-Statistiker, sondern nehmen sich jene Besonderheiten vor (positive oder negative), aus denen sich etwas lernen lässt. Das ist bei einem vergessenen Akkusativ, einen Druckfehler oder einer falschen Jahreszahl eher weniger der Fall. Derlei Detailkritik findet aber laufend statt: Es sind Leser(innen), betroffene oder auch nur besonders genaue, die der Redaktion solche Fehler unter die Nase reiben. Das werden Sie auch schon bald erleben, wechseln Sie doch, wie ich gelesen habe, demnächst selber ins Mediengewerbe. Viel Erfolg dabei, und hoffentlich finden Sie gute, konstruktive Kritiker, die Sie weiterbringen.

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  5. Alexandra Kunz

    Lieber Herr Höpli,
    Ich verstehe Ihre Ansichten. Allerdings bin ich nicht der Meinung, es sollte mehr Detailkritik geübt werden. Der Merker greift ja hauptsächlich spezifische Artikel auf, und beanstandet deren Recherchen oder Inhalte. Medienkritik bedeutet für mich in erster Linie, Aspekte zu beleuchten, die verbesserungswürdig sind. Wenn dann während eines Monates nur ein (oder gar kein) verbesserungsfähiger Artikel beanstandet wird, dann denke ich, wäre noch Potenzial vorhanden. Natürlich bin ich auch der Meinung, dass zu Medienkritik auch Lob gehört, wird doch auch bei einem mündlichen Feedback-Prozess darauf geachtet, mit etwas Positivem zu beginnen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Autoren (und die Redaktion) mehr davon profitieren, konstruktive Medienkritik im Sinne von Beanstandungen zu erhalten.

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  6. Pingback: Humorvolle Merker in St. Gallen | Medienkritik Schweiz

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