Medienkritik muss draussen bleiben

von Andreas Frei

Studien von Universitäten und Hochschulen sind für gestresste Journalisten ein dankbares Angebot. Nicht aber, wenn es um Medienkritik geht, wie eine Untersuchung zeigt. Lieber berichten Medien über die neusten Ergebnisse der Ameisenforschung, als dass sie sich selbst im Spiegel der Forschung betrachten und darüber auch noch berichten.

Die Wissenschaft spielt den Medien immer wieder gerne den Ball zu. Studien werden mitsamt Medienmitteilungen den Redaktionen gratis und franko zugestellt und bieten sich dort als einfache Themen an. Der gestresste Redaktor braucht nicht länger einer guten Geschichte nachzujagen. So stellen es sich die hochgerüsteten PR-Abteilungen von Hochschulen und Universitäten zumindest vor. Und es funktioniert auch so, wenn es um schwarze Löcher, medizinische Forschung oder aussterbende Sprachen geht. Nicht aber bei medienwissenschaftlichen und medienkritischen Studien. Die haben es schwer, auch veröffentlicht zu werden. Im Zeitraum eines Jahres, von Oktober 2009 bis September 2010, wurde in der Deutschschweizer Presse gerade einmal auf zwölf medienwissenschaftliche Publikationen Bezug genommen. Dreimal handelte es sich um Beiträge von Forschenden selbst auf der Medienseite der NZZ, welche diesen Platz sporadisch der Wissenschaft zur Verfügung stellt. Bleiben also noch neun Studien, wovon zwei vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) in Auftrag gegeben wurden und insgesamt Grundlage für fünf Artikel waren. Sechs der restlichen Erwähnungen reduzierten sich auf einen einzelnen Bericht über jeweils eine andere wissenschaftliche Publikation. Veröffentlicht wurden diese in Lokalzeitungen (Freiburger Nachrichten, Neue Luzerner Zeitung), nationalen Titeln (Tages-Anzeiger, NZZ), sowie Gratis- und Onlinemedien (20 Minuten, Newsnetz).

Sterbehilfe vor Medienkritik
Die grösste Resonanz erzielte das Jahrbuch „Qualität der Medien“, welches von der Universität Zürich herausgegeben wurde. Unter Federführung des streitbaren Professoren Kurt Imhof wurden die Medien darin scharf kritisiert, diese berichteten in immerhin elf Artikeln und Kommentaren über die Publikation, selten wohlwollend. Zum Vergleich: Eine Studie des Kriminologischen Instituts der gleichen Universität führte zwei Wochen später gleich zu 27 Artikeln. Es ging dabei um Sterbehilfe, ein Thema, das scheinbar von den Medien als wichtiger eingestuft wurde, als Kritik am eigenen Tun.
Gründe für diese Ignoranz der Medien gegenüber wissenschaftlicher Kritik an ihrem Metier gibt es einige. Zu erwähnen ist als Erstes, dass für die obigen Erkenntnisse ein beschränkter Zeitraum von zwölf Monaten untersucht wurde. Gut möglich, dass davor oder danach erschienene Studien das Bild komplett geändert hätten. Der Fall des „Jahrbuchs“ ist ebenfalls schnell erklärt, denn Kurt Imhof ist eine Reizfigur bei Journalisten und Redaktoren. Die Kritik an seinen Forschungsmethoden und -ergebnissen ist mindestens so gross wie seine Kritik an den Medien.

Musterschüler NZZ
Ebenfalls erwähnenswert ist, dass viele wissenschaftliche Studien ein paar Dutzend Seiten umfassen und eine exakte Berichterstattung darüber zeitintensiv ist. So erstaunt es denn auch wenig, dass die NZZ zehn der zwölf erschienenen Studien abgehandelt hat und somit mit Abstand die wissenschaftsfreundlichste Zeitung ist.
Doch auch Zeitschriften und Sonntagszeitungen hätten eigentlich genügend Zeit, um sich intensiver mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Medien auseinanderzusetzen. Es ist davon auszugehen, dass die Leserschaft nicht nur Erkenntnisse zur Sterbehilfe interessieren, sondern auch zu den Pfeilern ihrer Demokratie. Die Redaktionen sind deshalb gefordert, die Wissenschaft sowie ihre Gatekeeper-Funktion ernst zu nehmen. Wichtige Studien sollen dem Publikum zugänglich gemacht werden. Denn Medienkritik ist schliesslich nicht immer eine Strafpredigt, sondern kann der Bevölkerung auch die zentrale Bedeutung der Medien für eine funktionierende Demokratie aufzeigen.

5 Gedanken zu „Medienkritik muss draussen bleiben

  1. Sebastian Schneider

    Wundert mich nicht
    Abgesehen davon, dass sprachwissenschaftliche Studien keine Geschichten liefern, ist es nicht erstaunlich, dass die Journalisten die Sprachwissenschaftler nicht ernst nehmen.
    Erstens: Wer lässt sich schon gerne von einem Wissenschaftler belehren, der den Bezug zur Praxis immer mehr verliert.
    Zweitens: Sprache ist etwas Individuelles – jedes Wort hat für jeden eine andere Bedeutung. Daher lässt sich die Sprache nie richtig systematisieren – was so viel bedeutet wie: Keine Forschung möglich!
    Vielleicht liegt für einmal das Problem nicht bei den Medien.

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  2. Lukas Bertschi

    Der Praxisbezug ist nicht nur bei wissenschaftlichen Arbeiten über Medien ein Problem und der Vorwurf von Sebastian Schneider ein wenig zu kurz gegriffen. Wie bei allen Studien ist eine Analyse notwendig, aufgrund welcher Bewertungskriterien eine Studie zu einem bestimmten Schluss kommt. Dies ist in Artikeln über Imhofs Studie geschehen, es wäre jedoch auch in anderen Studien notwendig. Es waren sehr kritische Artikel, aber gerade diese sind vermutlich notwendig, damit sich die Journalisten und insbesondere die Leser mit dem Thema Medien auseinandersetzen. Andreas Frei verlangt in seinem Artikel keine bedingungslose Akzeptanz aller Studien und deren vollständigen Abdruck. Er weist aber darauf hin, dass eine umfassendere Auseinandersetzung mit diesen wünschenswert ist.

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  3. Maria-Anna

    Hier widerspiegelt sich exakt die grundsätzliche Problematik der Medienkritik, nur halt eben im Zusammenhang mit der Wissenschaft. Wieso sollten Forschungsergebnisse über Medien veröffentlicht werden, wenn auch sonst keine Medienkritik ausgeübt wird? Es ist genau dasselbe Grundproblem: umstrittene Konkurrenzschelte, Selbstdarstellung, Schaden am eigenen Berufsstand, fehlendes Interesse auf Seiten der Leser… Und genau das zieht sich auch weiter in der Art der Publikation, wenn sie dann trotzdem geschieht: „… berichteten in immerhin elf Artikeln und Kommentaren über die Publikation, selten wohlwollend.“ Obwohl ich das Buch nicht gelesen habe, bin ich überzeugt, dass der gewählte Ansatz das Buch in den Medien zu behandeln nicht der richtige war. Es wäre bestimmt ein guter „Aufhänger“ gewesen, einmal die eigene Arbeitsweise zu hinterfragen oder Imhofs Kritik objektiver und konstruktiv zu betrachten.
    Trotzdem muss auch zur Entlastung der stressgeplagten Journalisten etwas gesagt werden: Wenn die Medienwissenschaft wünscht, die eigenen Ergebnisse in den Medien wiederzufinden, dann sollte sie auch etwas dafür tun: Ansprechendere Medienmitteilungen mit klar und spritzig formulierten Inhalten sowie kompetente Ansprechpersonen, die auch für digitale Medien eloquent Auskunft geben, sind nämlich nicht zu viel verlangt!

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  4. Méla

    Kann mir jemand den Zusammenahng zwischen der Qualität der Medien und einer gut funktionierenden Demokratie erläutern?

    Vielen Dank für die Antworten

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    1. heidrun gehrke

      Naja, ob ich den Zusammenhang erläutern kann, weiß ich natürlich nicht. Das aus dem Grund, weil sich die Wirkung einer Qualitätszeitung nicht so direkt, schnell und explizit zeigt wie vielleicht die Wirkung einer anderen Qualitätsarbeit (Handwerker zum Beispiel: Pfuscht da einer, hebt sich halt gleich der Boden oder der Wasserhahn tropft oder die Heizung bleibt kalt oder die Zahnfüllung fällt raus oder ….).

      Sorry, dass das folgende Beispiel jetzt nicht im Zusammenhang mit Schweizer Medien steht. Aber es ist mir sofort eingefallen, als ich deine Frage gelesen habe. In Deutschland streiken seit Wochen viele deutsche Redakteure. Auslöser: Angekündigte Gehaltskürzungen. Es werden Extra-Streikzeitungen herausgegeben, in denen an den Zusammenhang erinnert wird, nach dem du fragst: Discounter-Mentalität im Journalismus, Gratis- und Billigprodukte erfüllen die Anforderungen, die der Bürger und die Gesellschaft zu Recht an die Medien haben, nicht. „Bereits heute gibt es im Nordosten Deutschlands Landstriche, in denen die bürgerliche Presse nicht mehr leisten kann, was sie leisten müsste. In das Vakuum stoßen die extremen Kräfte der NPD mit ihren Druckerzeugnissen“, ist etwa in der Stuttgarter Streikzeitung vom 7.Juni zu lesen.

      Gewiss, dieses Beispiel ist ein Extrem, das aber eines zeigt: Bereiche, in denen es keine Kontrolle gibt, Kritik versagt, Buntheit und Meinungsvielfalt aussterben, da „stirbt“ auch ein Stück weit die Demokratie. Wenn die Bürger einer Demokratie mitreden sollen und wenn sie, wie von unterschiedlicher Seite angedacht (Stichwort „public journalism“ oder „Redaktion mobil“ o.ä.) gar als externe Kritiker auch verstärkt in Diskussionen um die Qualität einer Zeitung einbezogen werden sollen, dann müssen diese Bürger zuallererst mal informiert sein. Deshalb wird der Stellenwert von Qualität in den Medien und von Journalisten immer wichtig bleiben.

      Siehst du einen Zusammenhang?

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