SSM: Medienpolitik als Medienkritik

von Marc Herter

Das Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM) wird als medienkritische Stimme auch deshalb erhört, weil die Gewerkschaft über drei Gesamtarbeitsverträge verfügt. Als anerkannter Sozialpartner kann das SSM gezielt Einfluss nehmen. Dies geschieht vor allem bei der SRG, wo die Mehrzahl der 3500 SSM-Mitglieder arbeitet.

Für Philipp Cueni, medienpolitischer Sekretär des SSM, gehört es zur Aufgabe einer Gewerkschaft sich zu Fragen der Medienpolitik und der Medienqualität zu äussern. Dies vor allem im Organisationsbereich von Radio und Fernsehen. „Medienpolitik gehört für das SSM mit zur Medienkritik“, sagt Cueni. Medienkritik im Sinne von einer Beurteilung medialer Leistungen betreibe die Gewerkschaft jedoch nicht. Medienkritik werde auf den Ebenen des Mediensystems und der -institutionen geübt. Im Fokus stehen dabei grundsätzliche Fragen, welche die ganze Medienpolitik betreffen und gewerkschaftstypische Anliegen wie Arbeitsbedingungen, Regelungen innerhalb der Unternehmen sowie Aus- und Weiterbildung.

[callout title=Unikum in der Deutschschweiz]Das SSM hat als einzige Berufsorganisation in der Deutschschweiz Gesamtarbeitsverträge (GAV) mit Medienunternehmen abgeschlossen. Diese Errungenschaft hebt das SSM von seiner Branchenkonkurrenz ab. Zwar bieten auch die anderen Verbände Dienstleistungen wie Rechtshilfe, Weiterbildungen der Vergünstigungen an, aber einen GAV kann niemand sonst bieten. Das SSM verfügt über GAV mit der SRG, dem TV-Produktionszentrum tpc und mit dem privaten Radiosender Radio Top. Ein Grossteil der 3500 Mitglieder ist in einem dieser Unternehmen organisiert. Sie profitieren von einheitlich geregelten Arbeitsbedingungen und können auf eine Gewerkschaft zählen, die in gewissem Masse Einfluss auf den Qualitätsdiskurs und dessen Umsetzung nehmen kann.[/callout]

Der medienkritische Diskurs und die Verbreitung der Anliegen werden mit der Herausgabe des Medienmagazins Edito und der Veröffentlichung von Vernehmlassungen und Medienmitteilung gewährleistet. Es sei jedoch schwierig zu beurteilen, wie stark die Anliegen des SSM in der Öffentlichkeit aufgenommen werden, sagt Cueni. Einen Einfluss kann die Gewerkschaft sicher auf zwei Ebenen ausüben: Bei den Sozialpartnern wie der SRG oder dem tpc habe das Syndikat durch den GAV und den hohen Organisationsgrad ihrer Mitglieder ein gewisses Gewicht. „Unsere Äusserungen werden mit Ernsthaftigkeit verfolgt und haben einen Einfluss“, sagt er. Auch hätten Äusserungen in Vernehmlassungen ein politisches Gewicht, da sie vom Bundesamt für Kommunikation als relevant angesehen würden.
Die Resonanz in den Medien selbst sei hingegen nicht sehr stark, da die Themen je nach Themenagenda sehr unterschiedlich aufgenommen würden, sagt Cueni.

Zwischen den drei Berufsorganisationen – neben SSM sind Schweizer Medienschaffende in der Gewerkschaft Syndicom und dem Berufsverband impressum organisiert – herrscht auf der Ebene der Mitgliederwerbung und auf dem Aufmerksamkeitsmarkt eine grosse Konkurrenz. Die Verbände bieten nahezu identische Dienstleistungen an und haben oft ähnliche thematische Schwerpunkte. Jede Organisation versucht sich mit Präsenz in der Öffentlichkeit, mit Mediencommuniqués und anderen Stellungnahmen zu profilieren. Doch dieser Wettbewerb stützt die unsinnige Zersplitterung der Verbandslandschaft. Ein einheitlicher Berufsverband für die Medienbranche würde die Position der Arbeitnehmer im Medienbereich stärken. Ein Einheitsverband hätte wohl auch die Kraft, Gesamtarbeitsverträge für die aktuell vertragslosen Branchen zu erstreiten.

Ein Gedanke zu „SSM: Medienpolitik als Medienkritik

  1. Philippe Wenger

    Mit SRG und tpc hat SSM für Verhandlungen dankbare Sozialpartner. Dass Radio Top auch diesem GAV unterstellt sein soll, erstaunt mich, sind doch die Löhne dort unter aller Sau.

    Die Schwäche der Verbände bei GAV-Verhandlungen liegt nicht zuletzt im tiefen Organisationsgrad der Journalisten. Vielfach erhalten die Verbände auch kaum Informationen zu den Problemen in den Medien. Die Zersplitterung würde ich also als zweitrangig betrachtet. Wären sich die drei Verbände tatsächlich so ähnlich, wäre eine Zusammenarbeit auch so möglich. Tatsächlich beackert aber jeder sein eigenes Gärtchen: SSM ist eigentlich nur bei SRG und tpc vorhanden (dort funktionierts dafür), Impressum versteht sich eher als Dienstleister für seine Mitglieder, denn als politisches Instrument und Syndicom tritt vornehmlich als kämpferische Gewerkschaft ohne Mitglieder (zumindest bei den Journis) auf.

    In erster Linie sollten sich die Journalistinnen und Journalisten mal gegenseitig in den Arsch kneifen.

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