„Verlässliche Kriterien, damit wir wissen, wovon alle reden“

von Heidrun Gehrke

Wer den Zustand der Medienkritik vermessen will, muss zuerst einmal Archive durchforsten auf der Suche nach passendem Rohmaterial für die Forschung. Ein nicht immer einfaches Unterfangen, zumal das Versprechen der Digitalisierung, alles und jedes und sofort zu finden sich bei der konkreten Arbeit als Schimäre entpuppt.

Die Suche nach medienkritischen Beiträgen in Schweizer Printmedien wird auch künftig zu einem Grossteil von Hand erfolgen, allerdings mit einiger Unterstützung durch eine automatische Suchfunktion, welche dieses Frühjahr von einer Studentengruppe am Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) der Zürcher Hochschule in Winterthur (ZHAW) entwickelt und erprobt wurde.

Seite für Seite durchgeblättert
Die Schwierigkeit bei der Suche nach medienkritischen Beiträgen ist das Fehlen eindeutiger Erkennungsmerkmale: Welche Texte sind als medienkritisch zu betrachten, welche zählen nicht dazu? Nächste Hürde: Wie findet man sie? Und mit welchen Suchbegriffen müsste man online suchen? Ein Semester lang verlief die Suche händisch: Zeitungen wurden Seite für Seite nach medienkritischen Fundstücken durchblättert. Was als medienkritisch eingestuft wurde, beruhte letztlich auf individuellen „Bauchgefühlen“, wie Medienwissenschaftler und IAM-Dozent Michael Schanne sagt.

„Nachvollziehbarer Algorithmus“
Die systematische Suche nach medienkritischen Themen und damit deren Hinterfragung ist nun einen entscheidenden Schritt weiter: Die in Aktion getretene „Wörterbuchgruppe“ hat Schlüsselwörter festgelegt, mit denen der Zugang zur Erfassung der medienkritischen Berichterstattung leichter von der Hand geht – wenn auch die ergänzende Suche oder Nacharbeit von Hand damit immer noch nicht aus der Welt ist. Doch ist sie an einen „nachvollziehbaren Algorithmus“ gebunden, der an etlichen Printartikeln empirisch ausprobiert wurde. Anhand weniger Schlüsselbegriffe, die in vielen medienkritischen Artikeln verwendet werden, kann die künftige Artikelsuche „auf ein robustes Instrument gestützt werden“, wie Michael Schanne zusammenfasst.

Was ist eigentlich Medienkritik?
„Häufig keine begriffliche Genauigkeit. Konzernjournalismus. Fehlende Distanz, die eine perspektivisch genaue Beschreibung eines Gegenstands erst ermöglicht. Zu wenig Nachdenklichkeit über das Vertreten partikularer Standpunkte.“ Michael Schanne hat seine eigenen Begriffe und Wertungskategorien, wenn es um die Kennzeichnung dessen geht, was einer ordentlichen Medienkritik bedarf. Was ist mit den anderen? Woher wissen Medienjournalisten, Medienstudierende und Medienschaffende, wo eine analytische und kritische Berichterstattung über mediale Leistungen zu finden ist – und was eher nicht dazu zu zählen ist? Nach welchen Kriterien werden Artikel gar für die Forschung ausgewählt?

Die Suche kann beginnen
Die „Wörterbuchgruppe“ entschied sich für folgende Suchformel: medi* AND journal* AND (fernseh* OR radio* OR zeitung*). Denn in den meisten Artikeln über mediale journalistische Leistungen kommen diese Wortteile vor. Dies entsprach der Leitlinie von Michael Schanne und Annina Stoffel: „Mit möglichst wenigen Begriffen eine möglichst grosse Ausbeute“, ertönte deren Aufruf an die Studentengruppe, der es fürs erste gelungen ist, die Frage nach verlässlichen Suchkriterien teilweise zu lösen: „Die Suchformel kann über eine beliebige Auswahl von Texten drüber gezogen werden und spuckt uns eine solide Artikelausbeute für die künftige Medienkritik- Forschung aus“, sagt der Medienwissenschaftler. Dabei fällt einem zuallererst das Suchen mittels Suchmaschinen („googeln“) ein, an das alle gewöhnt sind. Ab jetzt kann auch im medienkritischen Bereich mit wenigen Schlüsselbegriffen („Suchbegriffen“) online gesucht oder zum Beispiel auf der Plattform Swissdox „ge-swissdoxt“ werden.

Vom „Stresstest“ und „Chinesen im Computern“
Freilich wurde das wissenschaftliche Werkzeug nicht ohne Nachweis seiner Sattelfestigkeit – die Forschung sagt dazu „Reliabilität“ oder „Validität“, man könnte auch modern von einem „Stresstest“ reden – auf die Menschheit losgelassen. Dafür wurden Artikel zusammengetragen, die ein Semester zuvor von den händischen IAM-Suchtrupps gefunden und für medienkritisch befunden wurden. Nach ihnen wurde nun mit der neu geschaffenen Suchformel online bei Swissdox gesucht – mit einem Ergebnis, das den Medienforscher Schanne nur bedingt überrascht: „Einige Artikel sind durch die Lappen gegangen“. Dass es insbesondere solche waren, in denen von medienkritischen Institutionen die Rede war, gibt der Sache eine besondere Brisanz. Ob UBI, Ombudsstellen oder Edito – jene Institutionen also, die medienkritische Arbeit leisten sollten – ausgerechnet hier griff der Suchstring auffallend oft ins Leere. „Und das, obwohl die Wortteile medi und journal drin vorkamen“, so Schanne, der sich das nicht recht erklären kann. Ausser vielleicht mit den „Chinesen im Computer“, wie er in Anspielung auf allfällige Vorselektionen innerhalb des grossen Datenuniversums verschmitzt anmerkt.
Diesen „Chinesen“ gingen daraufhin drei Studierende der Wörterbuchgruppe im Rahmen einer separaten Stichprobe nach. Hierbei kristallisierte sich heraus, dass die Suchformel noch einige weitere Schwächen hat. Der Suchstring finde generell jeden Artikel, der auch manuell gefunden wird, mit einem erheblich kleineren Zeitaufwand, schreiben sie in ihrem Forschungsbericht. In einer Nachbearbeitung müssen jedoch zahlreiche Artikel wieder entfernt werden, weil sie nach einer Prüfung nicht ins Muster eines medienkritischen oder medienjournalistischen Artikels passen.

Keine Formel ist perfekt
Von der händischen Suche wollte man wegkommen, ganz ohne Handarbeit geht es aber auch jetzt nicht. Zwar ist man bei einer maschinellen systematisierten Suche gelandet, die effizient und mit ziemlich hoher Zuverlässigkeit eingesetzt werden kann. Allerdings brauchen betagte Weisheiten vor dieser Erkenntnis der neueren Forschung nicht zu verblassen: Die Maschine ersetzt den Menschen nicht. Ohne Know-how bezüglich dessen, was Medienkritik ist und als solche definiert und ergo festlegbar ist, wird die Suche voraussichtlich auch künftig nicht vom erhofften Erfolg gekrönt sein. „Die Suchformel eignet sich, wenn man in Kauf nimmt, dass man mit ihr nie eine Trefferquote von 100 Prozent erreichen wird“, heisst es im Forschungsbericht weiter. Dazu ist anzumerken, dass die 100% auch gar nicht das Ziel waren – sondern höchstens jener Wunschtraum, den zu realisieren auch Michael Schanne nicht in seinen kühnsten Forscherträumen erwartet hatte. Er weist darauf hin, dass mit der Suchformel auf Basis „verlässlicher Kriterien, damit wir wissen, wovon alle reden“ lediglich „ein Feld umschrieben werden kann und soll“. Die Suche bleibe weiterhin „willkürlich, aber nicht mehr von einem individuellen Bauchgefühl abhängig.“ Das Nachdenken über das eigene Tun bleibe inhaltlich und im Hinblick auf sein Wirken auch weiterhin eine „empirische Kollegenkontrolle“. Jedoch ist es der Forschung gelungen, die Suche nach dem medienkritischen Journalismus ein Stück weit aus der Beliebigkeit herauszuholen.

Ein Gedanke zu „„Verlässliche Kriterien, damit wir wissen, wovon alle reden“

  1. Jessica Cunti

    Sicherlich vereinfacht eine Formel die Suche nach medienkritischen Artikeln und trägt zur Objektivität bei. Trotzdem wird einem wesentlichen Punkt dabei (noch) nicht genügend Rechnung getragen: der Sprache. Jedes Medium passt seine medienkritischen Beiträge sprachlich an, auch wenn der Inhalt derselbe wie bei einem anderen Medium sein mag. Das geschieht aus unterschiedlichen Gründen. Für diese Suche hat dies jedoch zur Folge, dass Wörter, mit denen gesucht werden, zwar beispielsweise in Artikeln des Tages-Anzeigers zu finden sind, jedoch nicht im Blick.

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