„Es ist oft am simpelsten, für Fehlleistungen die Journalisten verantwortlich zu machen“

von Ronny Gechter

Der Berufsverband Impressum setzt sich für die Interessen der Journalisten ein. Daher ist kaum davon auszugehen, dass sich Impressum kritisch zu den eigenen Mitgliedern äussert. Impressum-Geschäftsführer Urs Thalmann relativiert und erklärt, wo sein Verband medienkritisch aktiv ist.

Impressum existiert seit 1883 und ist somit der älteste Berufsverband von Medienschaffenden. Den rund 5’500 Mitgliedern bietet der Verband Beratung und Rechtschutz, falls ihre journalistische Arbeit kritisiert wird. Aufgabe und Rolle von Impressum verbieten es eigentlich, Medienschaffende für ihr Tun öffentlich zu kritisieren. Für Urs Thalmann, Geschäftsführer des Verbands, ist dies ein heikler Punkt. Impressum sei ja die Organisation derjenigen, die die Inhalte der Medien herstellen. Jedes Mitglied habe zunächst vor allem Anspruch darauf, im Streitfall unterstützt und verteidigt zu werden. Als Branchenverband sei es hingegen auch eine ihrer Aufgaben, den Standard des Berufes hoch zu halten. Um dies zu erreichen, würden sie einerseits die Ausbildung fördern, andererseits Standards verteidigen, indem sie nur ausgewiesenen Berufsjournalistinnen und Journalisten den Presseausweis verleihen, die sich darüber hinaus auf die „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ verpflichten würden.

Orte der Kritik: Presserat und Medienmagazin
Obwohl Impressum die journalistischen Qualitätsstandards vorwiegend durch Förderung von Ausbildung und Aushändigung von Presseausweisen unterstützt, existieren Situationen, in welchen die eigenen Mitglieder kritisiert werden. Dies geschieht jedoch „äusserst selten und nur in Extremfällen“, sagt Thalmann. Medienkritisch äussere sich Impressum in erster Linie durch die Stimme des Presserats, der von Impressum selbst (damals noch SVJ) gegründet worden sei. „Hierbei geht es uns um die Einhaltung der berufsethischen Qualitätsstandards“, so Thalmann. Neben dem Presserat übe der Berufsverband aber auch Medienkritik über das Medienmagazin „Edito + Klartext“. „Gerade in diesem Magazin können wir als Berufsverband auch mal über die Arbeit der Medienschaffenden unabhängig berichten“, sagt Thalmann.

Fehler im System
Thalmann präzisiert, weshalb sich der Berufsverband meist zurückhaltend verhält, wenn es um Kritik an der Arbeit der eigenen Mitglieder geht: „Das Problem ist natürlich, dass es oft am simpelsten ist, für Fehlleistungen der Medien die Journalistinnen und Journalisten verantwortlich zu machen. Hier üben wir Gegensteuer und zeigen auf, wo der Hase im Pfeffer liegt.“ Es seien nämlich meist Fehlleistungen von Medieninstitutionen oder im weiteren Sinne, des Mediensystems. Und gerade wenn es um Fehlleistungen aufgrund verkleinerter Redaktionen und Überlastung von Medienschaffenden gehe und beispielsweise keine Zeit mehr für Recherchen übrig bleibe, setze sich Impressum medienkritisch gegen Medieninstitutionen ein.

8 Gedanken zu „„Es ist oft am simpelsten, für Fehlleistungen die Journalisten verantwortlich zu machen“

  1. Ronnie Grob

    Aber wer soll man denn sonst dafür verantwortlich machen, wenn nicht die Journalisten? Natürlich sind viele von ihnen unter massivem Druck, dem Medienkonsumenten sind die Gründe, die zu Fehlern führen, aber weitgehend egal. Die Journalisten sind verantwortlich für ihre Arbeit. Wenn sie ihre Arbeit nicht mehr verantworten können, müssen etwas dagegen tun, im äussersten Fall sogar ihre Arbeit niederlegen.

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  2. Ursula Ammann

    Dass es die Konsumenten nicht unbedingt interessiert, wer einen Fehler gemacht hat, ist wohl klar. Es muss aber auch in ihrem Interesse sein, dass sich solche Fehler nicht wiederholen. So schnell wie möglich einen Schuldigen zu finden und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen, ist wenig konstruktiv. Es sollte nicht primär die Frage sein, wer etwas falsch macht, sondern warum er es falsch macht (Abgesehen von jenen Fällen, bei denen wirklich Hopfen und Malz verloren ist). Auch wenn der Journalist Eigenverantwortung zeigen muss, so steht er doch in ständiger Abhängigkeit mit der Medieninstitution und dem Mediensystem. Schön gibt es Vereine und Verbände, die sich noch differenziert mit journalistischen Fehlleistungen auseinandersetzen. Einfache Schuldzuweisungen bringen sicher keinen Fortschritt.

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    1. Ronnie Grob

      Aber so funktioniert Journalismus, auch Medienjournalismus. Sehr viele Wirtschaftsführer oder Politiker schon so oder ähnlich auf die Kritik von Journalisten geantwortet. Aber in diesen Fällen interessiert das die Journalisten auch nicht. In diesen Fällen sagt der Journalist jeweils: „Ich bin hier, um die Fehler aufzudecken. Die Arbeit müsst schon ihr machen.“ Und nur weil bei der Medienkritik Journalisten angegriffen werden, soll alles anders sein?

      Keine Frage, Verständnis für die Personen, die man angreift, sollte immer aufgebracht werden. Der Kunde, der Leser hat aber vor allem ein Interesse am Produkt und der Qualität dieses Produkts. Nicht an den Problemen der Hersteller. Das geht allen so. Wäre es anders, könnte man moralisch keinen Einkauf bei Aldi oder H&M überstehen.

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      1. Marc Herter

        Nur weil Schuldzuweisungen an Journalisten an der Tagesordnung sind, muss man sie noch lange nicht akzeptieren. Irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem der Druck auf die Journalisten so gross wird, dass es unmöglich wird eine qualitativ hochstehende Berichterstattung zu betreiben. Dann kann man noch so fest auf die Journalisten einschimpfen, ändern wird es nichts. Ein an der Qualität interessierter Leser sollte sich also schleunigst mit den Problemen der Hersteller befassen. Irgendwann steuern diese Probleme nämlich die Qualität des Journalismus. Aber dafür müssten die Leser erstmal ihre Trägheit ablegen.

        Ausserdem hinkt der Vergleich mit Aldi und H+M. Deren Produkte werden lediglich gekauft, weil sie Grundbedürfnisse befriedigen und spottbillig sind. Ich denke der Mehrheit der Leute ist bewusst, wie es um die Arbeitsbedingungen bei Aldi und H+M und deren Zulieferbetrieben steht und das sich die Qualität ihrer Produkte auf tiefem Niveau bewegt.

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        1. Ronnie Grob

          Die Leser müssen ihre Trägheit ablegen? Nicht die Journalisten? Wir wissen alle, dass es schwierig ist, mit Journalismus Geld zu verdienen – wäre es anders, gäbe es doch ungezählte journalistische Projekte, die sich auf dem freien Markt mit Gewinn für sich selbst und für das Publikum behaupten. Journalisten sind doch freie Wesen und können ihre Arbeitsverträge jederzeit kündigen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt bei einem Arbeitgeber. Klar, es ist beklagenswert, wenn sich Grossverlage nicht mehr auf den Journalismus konzentrieren. Man kann sie allerdings jederzeit mit einem eigenen Angebot konkurrenzieren.

          Der Medienkonsument ist, wie er ist. Was er braucht, holt er sich. Und für das journalistische Pflichtprogramm gibt es öffentlich-rechtliche Anstalten.

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      2. Urs Thalmann

        Lieber Herr Grob, es ist ja nicht ein „entweder oder“. Keine Frage, irren ist menschlich und darum sind für Fehler oft auch (auch!) die Menschen verantwortlich. Darum kümmert sich dann eben zum Beispiel der Presserat. Da aber Journalismus nun einmal ein Beruf ist, den die meisten einerseits aus Idealismus ausüben, aber auch, um davon zu leben (leben zu wollen und leben zu sollen…), ist Ihr Halbsatz „im äussersten Fall sogar ihre Arbeit niederlegen“ halt doch etwas vereinfachend. Ein Schreiner, der seine Familie ernährt, wird auch nicht sofort damit aufhören, weil er vom Chef schlechte Nägel bekommt. Da bei den Artikeln meistens der Name des Autors unten dran steht, investieren die meisten Journalisten einen enormen Anteil an Freizeit, um die Arbeit recht zu machen, weil ihnen oft nicht mehr genug Arbeitszeit bezahlt wird. Wenn die Übermüdung dann aber doch mal zu einem Schnellschuss führt, sind es oft dennoch wiederum diese Journalisten, die eins „aufs Dach“ kriegen, weil sie eben an letzter Stelle in der Ernährungskette der Medien stehen. In Gechters Artikel geht es ja nicht darum, dass wir behaupten würden, die Medienschaffenden treffe „nie“ ein Fehler, aber, dass wir es als unsere Aufgabe betrachten, darauf hinzuweisen, dass auch an anderen Orten Hasen im Pfeffer liegen, nicht nur bei der Feder der Medienschaffenden. Das Ziel ist letztlich ja nicht, Schuldige zu identifizieren, sondern gute Medien gut zu fördern, und darum müssen wir alle Ursachen identifizieren und nicht einfach den Schwächsten schelten. Schön übrigens, dass diese Seite da „Medienkritik“ heisst, und nicht Journalistenkritik, damit ist ja eigentlich alles gesagt.

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        1. Ronnie Grob

          Ja, schon, aber auch Journalisten können auf längere Sicht nichts produzieren, das zwar wichtig ist, sich aber überhaupt nicht monetarisieren lässt (dafür gibt es öffentlich-rechtliche Anstalten sowie Gönner, Stiftungen, etc.) Ein Schreiner, der nichts verkauft, weil niemand mehr Holz kaufen will, kann das doch nicht einfach weiter basteln, oder? Das Gleiche gilt, wenn er von seinem Arbeitgeber so behandelt wird, dass er seine Arbeit nicht mehr richtig machen kann. Er muss dann aktiv werden und sich a) einen anderen Arbeitgeber suchen oder b) selbst auf dem Markt behaupten.

          Medienkritik ist immer auch ein Stück weit Journalistenkritik. Ich verstehe gar nicht, was schlimm daran ist, Journalisten zu kritisieren. Gerade diese Berufsgruppe, die selbst nicht mehr macht, als die Verhältnisse zu beschreiben und an ihnen Kritik zu üben, muss besonders offen sein für Kritik von aussen.

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  3. Cornelia Mathis

    Eine gesunde selbstkritische Reflektion in seinem professionellen Verhalten empfiehlt sich nicht nur den Journalisten. Bei anderen Berufsgattungen steht dies an der Tagesordnung. So kennt man z.B im Gesundheitswesen das CIRS (Abkürzung für critical incident reporting system). In einem Onlineformular meldet das Spitalpersonal kritische Ereignisse die durch real begangene Fehler einen Patienten geschädigt haben. Auch sogenannte „near misses“ also Ereignisse, welche einen Patienten hätten verletzen oder schädigen können, wenn sie unentdeckt geblieben wären, werden in diesem Meldesystem verfasst. Die Cirs-Meldungen werden dann klinikintern besprochen und es wird den Ursachen nachgegangen, wie es soweit hat kommen können. (Doppelte oder falsche Medikamentenabgabe, Sturz aus dem Bett, Verbrennungen und Druckstellen während der Operation etc.) Danach wird nach Lösungen gesucht, welches Verhalten solche Fehler zukünftig vermeiden kann. Die Person welche die Meldung macht bleibt anonym, wie auch die Person welche den Fehler verursacht hat. Dies nur schon, weil es sich meistens um eine regelrechte Verkettung unglücklicher Zwischenfälle handelt und ein einziger „Schuldiger“ schwierig auszumachen ist. In meinem früheren Beruf habe ich als Pflegefachfrau gearbeitet und ich habe mich auch schon selber „angezeigt“. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass eine offene Fehlerkultur weitere gravierende Ereignisse verhindern kann. Nämlich bevor jeder mit Vertuschung der Fehler einfach etwas vor sich hin„wurstelt“. Im Bezug auf die Medienkritik finde ich, dass im Journalismus Berufskollegen, andere Redaktionen oder Medienhäuser sogar dringlich aufgefordert sind, Missstände anderer aufzuzeigen. Es kann nicht sein, dass z.B Persönlichkeitsrechte von Personen über die berichtet wird, mit Füssen getreten werden ohne dass jemand interveniert! Eine konstruktive Kritik schärft das Bewusstsein (anderer), diesen Fehler in der Zukunft nicht mehr zu begehen. Mit konstruktiver Kritik möchte ich auch gerne festhalten: „C’est le ton qui fait la musique“.

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