Kein Mehrwert fürs Publikum

von Kathrin Schaffner

Geht es um Auflage und Quote, nehmen es manche Medien mit dem Persönlichkeitsschutz und der Wahrheitssuche nicht so genau. Der Fall Kachelmann als weiteres Lehrstück.

Für die Schweizer Medien war „die Causa Kachelmann“ ein gefundenes Fressen. Ein Blick ins elektronische Presse-Archiv zeigt die Auswüchse eines wahren Medienhypes: Seit der Festnahme am 20. März 2010 taucht der Name „Jörg Kachelmann“ in rund 120 Artikeln des „Blicks“ auf. Beim „Tages-Anzeiger“ sind es gar 128, bei der NZZ immerhin knapp 50. Wohl verstanden: Es handelt sich hier um einen TV-Moderator, nicht um einen Staatspräsidenten.

Es geht auch knapp und sachlich
Nun sagen die Zahlen alleine zwar noch nichts über die Art der Berichterstattung aus. Aber bei genauerer Betrachtung zeigen sich grosse Unterschiede. Während die NZZ knapp und sachlich über den Prozessverlauf informierte (und damit berechtigterweise auch andere Medien für ihre Berichterstattung kritisieren konnte), waren viele Artikel des Tages-Anzeigers länger und mit privaterem Inhalt und teilweise humoristisch fehlgeleiteten Titeln versehen („Wetterfrosch sitzt in U-Haft“ oder „Sturmtief über Kachelmann“).

Die Erwähnung von Einzelheiten auch aus dem Gerichtssaal, so zum Beispiel „die nicht immer stimmigen Darstellungen zu Themen wie Verhütung, Menstruationsblut, gemeinsame Zukunftsperspektiven, Sexspielzeuge und zu einem Tampon“ legen den Schluss nahe, dass hier überwiegendes öffentliches Interesse mit der Sensationsgier der Öffentlichkeit verwechselt wurde. Jegliche Distanz lassen die Artikel im „Blick“ vermissen, die keine Intimität auslassen und exzessiv Aussagen von Ex-Freundinnen, Bürgermeistern, Nachbarn und ehemaligen Berufskollegen wiedergeben. Das Resultat: eine Zitatensammlung mit vielen Fragezeichen – nicht selten schon in der Schlagzeile. Unnötig zu erwähnen, dass dies wenig mit sorgfältigem journalistischen Handwerk zu tun hat, das dem Publikum einen Mehrwert bringt.

Lorbeeren für die Anderen
Im Wettrennen um die höchste Auflage wird der Schutz der Privatsphäre oft mit Füssen getreten. Im Fall Kachelmann hätten manche Redaktionen gut daran getan, sich des Öfteren einmal einen Satz aus dem Journalistenkodex des Presserats vor Augen zu halten: „Journalistinnen und Journalisten können davon ausgehen, dass Prominente nicht daran interessiert sind, anders behandelt zu werden, als die Medienschaffenden selber an deren Stelle behandelt werden möchten.“

Dass es auch ganz anders geht, zeigen – einmal mehr – die beiden Qualitätsblätter „Der Spiegel“ und die „Zeit“, die sich für eine intensive Eigenrecherche nicht zu schade waren und damit einen Beitrag zur „Wahrheitsfindung“ geleistet haben. Schade, dass die Lorbeeren für investigative Leistung einmal mehr nicht an Schweizer Journalisten ausgeteilt werden konnten.

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