Kein Platz für Medienkritik

von Adrian Plachesi und Dominic Ledergerber

Die SF-Sendung „10vor10“ berichtet nur selten über andere Medien. „Das ginge an den Zuschauern vorbei“, sagt der stellvertretende Leiter Christian Dütschler. Es gibt jedoch Ausnahmen. Allerdings sind es solche, die die Regel bestätigen.

Währen eines ganzen Jahres, zwischen Oktober 2009 und September 2010, berichtete „10vor10“ nur gerade siebenmal über andere Medien. Das Genre „Medienkritik“ gibt es beim Nachrichtenmagazin nicht. Allerdings gab es verschiedene Beiträge, die sich kritisch mit Medienthemen auseinandersetzten. Ein Beitrag über die Boulevardzeitung „Blick“ begann zum Beispiel mit dem Satz: „Mit nackter Haut zurück zu den Boulevard-Wurzeln.“ Oder anlässlich des 10. Geburtstags von „20 Minuten“ ging es um die Frage, warum die Gratiszeitung im Vergleich mit ähnlichen Produkten so erfolgreich war.

Nicht interessant genug
Ist „10vor10“ also kein Medienkritiker, sondern bloss Mediengratulant? „Dieser Eindruck ist falsch. Wenn es sich aufdrängt, haben wir auch kritische Berichte über andere Medien. Allerdings ist es unser Auftrag, die drei, vier wichtigsten Themen des Tages aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hintergründig abzudecken. Dass unter dieses Raster eine eigentliche „Medienkritik“ fällt, ist deshalb äusserst selten“, sagt Christian Dütschler, stellvertretender Leiter bei „10vor10“.
Aus Zuschauersicht sind eigentliche Medienkritiken laut Dütschler in der Regel schlichtweg nicht interessant genug. „Als Journalist hat man ein überdurchschnittliches Interesse an medienkritischen Beiträgen. Doch das ginge an den Zuschauern vorbei.“

Ausnahmen gibt es immer
An der Seltenheit von Medienkritik in „10vor10“ ist also nicht etwa ein Desinteresse seitens der Redaktion schuld – eher ein solches seitens der Zuschauer. „Wir wollen publikumsnahe Sendungen machen, die hintergründig und relevant sind.“
Ausnahmen, die die Regel bestätigen, gibt es jedoch immer wieder. In einem Beitrag über Konzessionsgebühren kam als pointierter Kritiker zum Beispiel Hans Ulrich Bigler, der Direktor des schweizerischen Gewerbeverbandes zu Wort, der SRG-Konzessionsgebühren für alle kritisierte. Meistens kommen in „10vor10“ andere Medien aber ungeschoren davon.

6 Gedanken zu „Kein Platz für Medienkritik

  1. Lara

    Dieses Ergebnis überascht mich nicht. Um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, muss jedes Thema aus jeder Branche gewisse Nachrichtenwerte erfüllen. Das gilt für die Wirtschaft, Wissenschaft und Politik genau so wie für die Medien. Leider. Die Medien sollten meiner Meinung nach einen besonderen Stellenwert haben, da deren Berichterstattung wesentlich dazu beitragen, wie wir das gesamte Weltgeschehen wahrnehmen. Um eine faire Meinungsbildung zu gewährleisten, wäre es besonders wichtig, die Öffentlichkeit laufend über die Funktionsweise der Medien zu informieren.

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  2. Thomas Schlittler

    Medienkritik im SF? Das schreit förmlich nach Medienkritik!
    Das Schweizer Fernsehen wird von den privaten Radio-, Fernseh- und Zeitungsredaktionen ohnehin schon besonders kritisch beäugt. Würde das SF jetzt auch noch beginnen, die Privaten zu kritisieren, wäre der Aufschrei vorprogrammiert. Mit Gebühren Qualität produzieren und dann den Markt-Geplagten auch noch ans Bein pinkeln. Das würden sich die Privaten kaum gefallen lassen.
    Das mangelnde Interesse des Publikums mag also ein Grund sein für die nicht vorhandene Medienkritik bei 10vor10, die spezielle Rolle der SRG in der Medienlandschaft dürfte aber ebenfalls einen Einfluss haben.

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  3. L.

    Hier stellt sich die Frage, ob „10vor10“ das richtige Format für Medienkritik ist. Immerhin ist es eine Newssendung und ihre Aufgabe, wie es Christian Dütschler sagt, ist es, die drei, vier wichtigsten Themen des Tages aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hintergründig abzudecken. Bei Zeitungen findet man Medienkritik in der Regel auch nicht im Nachrichtenressort unter den ersten Seiten, sondern in einem anderen Ressort.
    Ob es aber beim SF generell genug Medienkritik gibt, ist eine andere Frage….

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  4. Helena

    In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern Medienkritik innerhalb der SRG überhaupt möglich ist, haben sie doch fast ein Monopol in der Schweizer Medienlandschaft. Gerade deshalb wäre es zwar wichtig, in den jeweiligen Sendungen auch medienkritische Aspekte anzusprechen, aber da wären wir wieder bei „keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus“. Meiner Meinung nach kämen statt 10vor10 (Nachrichtensendung) sowieso eher der „Club“ oder die „Sternstunden“ als geeignetes Gefäss für Medienkritik in Frage (Hintergrundsendungen). Für ein breiteres Publikum dürfte Medienkritik im 10vor10 wirklich nicht relevant sein, wie oben erwähnt interessieren sich Journalisten halt berufsbedingt vermehrt für solche Aspekte der Berichterstattung. Nichtsdestotrotz wäre es aber, auch bei 10vor10, wichtig, hin und wieder Medienkritik, auch gegen das „eigene Nest“, auszuüben, um nebst Journalisten auch „normale“ Zuschauer für diese Thematik zu sensibilisieren.

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  5. Bruno aus München

    Ich bin seit 25 Jahrn im journalistischen und redaktionellen Bereich tätig. Seit knapp zehn Jahren lebe und bin ich in glücklich als Auslandschweizer in Bayern. In jüngster Vergangenheit frage ich mich, weshalb es die Schweizer Meidengewerkschaften, Politiker sowie Journalistinnen und Journalsiten nicht geschafft haben, ein einigermassen vernünftiges Mediengesetz auf die „Reihe“ zu bringen. Über die deutsche Medienkultur ist es müsig zu disskutieren. Vieles spricht dafür, mehrheitlch ist es höchst fragwürdig, auf welchem Niveau sich der deutsche Boulevard-Journalismus herunter lässt. Dennoch ist Fakt: in Deutschland existiert ein klares Mediengesetz, was ich als ehemaliger Schweizer Medienschaffender sehr schätze und meine Arbeit als Gerichtsreporter und Investigativ-Journalist erleichtert.. Auch wenn ich als Investigativ-Schreiberling gewisse Themen recherchiere und darüber berichte, habe ich ganz klare Schranken. Dies erleichtert meine tägliche Arbeit. Kollegen in der Schweiz klagen immer noch, dass sie bei jeder Zeile die sie schreiben, eine Schere im Hinterkopf haben. Grund: Sie befürchten juristische Konsequenzen oder eine Abmahnung von höherer Stelle. M.E. ist die Institution rund um Herr Studer, den ich als ehemaligen Tagi-Chef und Chefredakteur des Schweisser Gernsehen sehr geschätzt habe, überflüssig!

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  6. Bruno aus München

    Ich verstehe den ganzen Disput rund um dieses Thema nicht. Lasst doch einfach die Macher von 10vor10 ihre Arbeit ohne irgendwelche ungerechtfertigten Vorwürfe machen! Man(n)/Frau kann alles hinterfragen. Fakt ist: Als Medienschaffender mit 25jähriger Erfahrung gibt es wohl kein seriöseres Nachrichtengefäss, als die „Tagesschau“ und „10vor10“ des SF! Kritiker des SF sollten sich mal rumzappen. Sch…. ohne Ende. Über die Moderatorinnen und Moderatoren kann man geteilter Meinung sein. Ich kann zum Beispiel nicht ganz nachvollziehen, weshalb man über den ehemaligen Nahost-Korrespondenten Andre Marty hergezogen ist! Das Publikum sollte Marty eine Chance geben. Sein journalistisches KnoW-How muss er nicht mehr unter Beweis stellen. Was das Out-Fit betrifft ist eine Frage des persönlichen Geschmacks.

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