Publikum weiss nichts vom Publikumsrat

von Janko Skorup

Wenn Medien über den Publikumsrat berichten, müssen sie zuerst erklären, was er ist und was er tut. In der Bevölkerung ist das Gremium, das die Verbindung zwischen Zuschauern und der SRG herstellen sollte, mehrheitlich unbekannt.

Der Publikumsratbesteht aus 26 Mitgliedern mit einem Altersdurchschnitt von 49 Jahren. Ein Mitglied darf sein Amt maximal zwölf Jahre lang ausüben. 14 Mitglieder werden von den Mitgliedsgesellschaften der SRG in der Deutschschweiz gewählt, und sollen die breite Bevölkerung repräsentieren. So findet sich denn auch die verschiedensten Berufe im Rat vertreten: vom Finanzverantwortlichen über eine Primarlehrerin bis zum Physiker. Nicht so bei den anderen zwölf Mitgliedern, die vom Regionalrat gewählt werden: neun von ihnen sind in der Medienbranche tätig – mehr als ein Drittel des gesamten Publikumsrats.

Plattform für Medienschaffende?
„Der Publikumsrat beobachtet ausgewählte Programme und Sendungen von SRF und 3sat“, lautet der Auftrag des Publikumsrats. Natürlich braucht es Fachwissen, um die Sendungen kritisch reflektieren zu können. Allerdings wird durch einen so hohen Anteil an Fachleuten der Publikumsrat seinem Namen nicht gerecht. Ein Drittel des gesamten Publikums von Radio und Fernsehen ist wohl kaum in der Medienbranche tätig. So könnte es also sein, dass der Publikumsrat gar nicht die Interessen des Publikums vertritt, was seine Aufgabe wäre, sondern dass er nur verschiedenen Medienschaffenden eine Plattform bietet, um die Sendungen der SRG zu kritisieren. Eine solche Tendenz lässt sich zwar nicht feststellen. Aber im Sinne einer besseren Durchmischung wäre es durchaus angebracht, den Anteil an Medienvertretern zu überdenken.

Nur Feststellungen, Vorschläge und Anregungen
Das grössere Problem des Publikumsrats ist aber, dass er „ein rein konsultatives Gremium ist und über keinerlei Weisungsbefugnis verfügt“. Seine kritische Beurteilung von Sendungen weist also eine sehr geringe Relevanz auf. Als Folge davon wird der Publikumsrat in der Berichterstattung der Presse kaum berücksichtigt und findet den Zugang zur breiten Bevölkerung, die er zu repräsentieren vorgibt, nur selten. Das Publikum weiss also meist gar nicht, dass es in Sachen Programmbeurteilung vertreten wird. Ein Problem, das durch einen grösseren Einfluss des Publikumsrats auf das Programmschaffen möglicherweise gelöst werden könnte.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

7 Gedanken zu „Publikum weiss nichts vom Publikumsrat

  1. Reto Beeler

    Das ist genau auch meine Erfahrung. Weshalb ist dieses, nun eigentlich wichtige Organ nicht weiter bekannt? Und was müsste getan werden, um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen?
    Ich wage die These, dass dies mit der mangelnden Weisungsbefugnis zusammenhängt. Wer interessiert sich schon für einen Hund, der niemanden beissen kann?

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  2. Laura Schneider

    Auch ich frage mich, worin der Sinn besteht, Fernsehprogramme zu beobachten, ohne wirklich darauf Einfluss nehmen zu können? Dies tut das Fernsehpublikum ja ohnehin schon. Dafür braucht es keine Organisation. Und wieso wird etwas „Publikumsrat“ genannt, wenn rund die Hälfte davon nicht dem klassischen Publikum entspricht? Medienschaffenden werden bereits genügend Plattformen angeboten, auf denen sie Medienkritik betreiben können. Warum also die Stimme des Durchschnittspublikums durch sie verfälschen?

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  3. Dominic Ledergerber

    Vielleicht müssten analog zur Politik Wahlen geschaffen werden, die den Bezug des Publikums zum Publikumsrat stärken und stützen würden. Doch in seiner jetzigen Funktion wird der Publikumsrat seinem Namen nicht gerecht. Er müsste eigentlich aus verschiedensten Personen bestehen, ähnlich wie bei Geschworenen vor einem Gericht. Doch dafür fehlt es dem Durchschnittsbürger einfach an Kompetenz und Hintergrundwissen. So ist es für mich nicht verwunderlich, dass der Bekanntheitsgrad des Rates niedrig ist und voraussehbar, dass er auch niedrig bleiben wird.

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  4. Silvan Gruber

    In meinen Augen sind die hier beschriebenen Probleme des Publikumsrates stellvertretend für grosse Teile der Medienkritik. Es gibt die unterschiedlichsten Organisationen, Vereine, Verbände und Institutionen, doch die wenigsten kennen diese oder wissen, was die eigentlich genau tun. Ein Grund dafür ist mit Sicherheit die fehlende Weisungsbefugnis (nicht nur beim Presserat). Denn: Es dürfte schwierig werden, Leute für einen medienkritischen Verein oder eine Organisation zu gewinnen, wenn man keine Möglichkeit hat, etwas zu bewirken…

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  5. Peter Eberhard

    Dass die öffentliche Kenntnisnahme der Beurteilungen durch den Publikumsrat nahezu bei null liegt, hat in meiner Wahrnehmung in erster Linie mit deren Unbedarftheit zu tun: immer ein bisschen Tadel und ein bisschen mehr Lob; es riecht stets nach einem biederen Konsens. Was mir jeweils fehlt, ist eine Beurteilung der Relevanz mit Blick auf den „Service public“, aber dem steht Auswahlmodus und Zusammensetzung des Rates entgegen. Mir wäre mehr substantiell-kompetente Medienkritik lieber, die in der Deutschschweiz leider nur gerade noch von 2-3 Journalisten systemtatisch betrieben wird.

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  6. S. Meier

    Ich denke nicht, dass die (Programm-) Kritik des Publikumsrates ein akzeptables, konstruktives Niveau erreichen würde, wenn diese vorwiegend von Berufsfremdlingen geäussert würde. Ich sehe das Problem also nicht darin, dass ein beachtlicher Teil des Publikumsrates aus Medienschaffenden besteht, sondern lediglich in der irreführenden Namensgebung: «Publikumsrat».

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