Laudatio für Rainer Stadler

Laudatio von Gottlieb F.Höpli für Rainer Stadler

Rainer Stadler, Journalist und Medienkritiker der NZZ, wurde am 1. September mit dem dem Ostschweizer Radio- und Fernsehpreis ausgezeichnet. Gottlieb F. Höpli, Präsident des Vereins Medienkritik Schweiz hielt die Laudatio, welche im folgenden wiedergegeben wird.

Laudatio auf den Medienkritiker Rainer Stadler

Lieber Rainer,

das hätten wir uns 1989 wohl nicht gedacht, damals, als Du in die NZZ-Redaktion an der Zürcher Falkenstrasse eingetreten bist: Dass die Medienkritik, der wir uns beide verschrieben haben – Du mehr auf die medienspezifischen, die programmlichen, ich seit bereits zehn Jahren auf die medienpolitischen Aspekte konzentriert – eines Tages auf der roten Liste der gefährdeten Arten figurieren würde. Der Logik folgend durften wir eigentlich eher vom Gegenteil ausgehen!

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren,

dieser schöne Anlass, unsere heutige Preisverleihung an den Medienkritiker Rainer Stadler steht nicht nur, aber auch im Zusammenhang mit dem heutigen Elend der Medienkritik – wenn Sie mir die dramatische Formulierung erlauben. Lassen Sie mich deshalb vorerst das Paradoxon einer serbelnden Medienkritik in einer zunehmend mediatisierten Gesellschaft etwas weiter ausführen. Weil die kritische Auseinandersetzung mit Medien keineswegs nur von medienpolitischer, sondern – vor allem sogar – von eminent staatspolitischer Bedeutung ist. Sonst hätten die Regierungen der Ostschweizer Kantone ja auch keinen Anlass, einen solchen schönen Preis zu stiften, sondern würden sich der Verschleuderung von Steuergeldern schuldig machen!

Die  demokratiepolitische Frage lautet bekanntlich, auf einen Satz gebracht: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Wenn wir keine Kontrolle und Überwachung von Staates wegen wollen (und das will wohl niemand in diesem Raum), dann kann die Prognose, von löblichen hier anwesenden Ausnahmen abgesehen, nicht besonders günstig lauten. Umso wichtiger, dass wir uns mit möglichen Ursachen beschäftigen.

Lassen Sie mich den Sachverhalt in gebotener Kürze ausführen. Noch nie gab es ja so viele Medien in so vielen verschiedenen Mediengattungen wie heute: Neben den klassischen Printmedien (Zeitungen, Zeitschriften) die fast schon ebenso klassischen Radio- und Fernsehprogramme der SRG, daneben eine beträchtliche Zahl privater Radio- und Fernsehstationen, eine grosse Zahl ausländischer Programme, die sich im Zeitalter der anlaufenden Digitalisierung zu einem unübersehbaren Gewirr an Kanälen ausweiten werden. Nehmen wir die erst recht grenzenlosen Informationsangebote im Internet hinzu, in denen sich öffentliche und private Kommunikation zunehmend verschränkt, so ist das Feld medialer Kommunikation endgültig entgrenzt – zum Rauschen der Information kommt jetzt mehr und mehr das Bild einer gleissenden Wüste hinzu, in dem wir jede Orientierung zu verlieren drohen.

Die Beschreibung einer mediatisierten Welt, wie sie der hellsichtige (und vielfach unterschätzte) Soziologe Niklas Luhmann gegen Ende des letzten Jahrhunderts beschrieben hat, erscheint dagegen noch beinahe geordnet, fast idyllisch: „Jeden Morgen und jeden Abend senkt sich unausweichlich das Netz der Nachrichten auf die Erde nieder und legt fest, was gewesen ist und was man zu gewärtigen hat.“

Heute bleibt das Netz 24 Stunden auf der Erde liegen, und es wird zusehends drückender und intransparenter.

Oder anders gesagt:

Unsere Wirklichkeit wird immer mehr zur Medienwirklichkeit.

Wer sich demnach mit der Realität, mit der realen Welt auseinandersetzen will, der muss sich immer stärker mit der Medienrealität auseinandersetzen. Daraus ergibt sich, sollte man meinen, automatisch auch eine Verlagerung der kritischen Auseinandersetzung zwischen Ideen, Ideologien und Interessen in die Medien. Sollte man meinen.

Ein gefundenes Fressen für die Medienkritik also, vor allem dort, wo sie schon immer zuhause war: In den Tageszeitungen. Sollte man meinen. Doch dem ist nicht so.  Das belegt auch die Medienwissenschaft. Schon 2007 haben die Freiburger Kommunikationswissenschafterinnen Constanze Straub und Philomen Schönhagen den Abbau im Angebot des schweizerischen Medienjournalismus (z.B. Streichung der Medienseiten) konstatiert, und unsere Beobachtungen deuten darauf hin, dass sich dieser Abbau im Zeichen der Existenznöte der Zeitungen in der Schweiz fortgesetzt hat.

Dieser Befund wird ja zumindest indirekt auch gestützt durch das Jahrbuch „Qualität der Medien“, herausgegeben von Prof. Kurt Imhofs Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich. Der erste Band dieser aufwendigen, verdienstvollen, wenn auch teilweise umstrittenen Arbeit spricht ja von einer eigentlichen Krise in der Qualität des schweizerischen Journalismus – vor allem verursacht durch die Gratismedien, aber eben auch die sogenannten Qualitätsmedien betreffend, wie sich gerade die abonnierten Zeitungen ja so gerne nennen. Zumindest im Bereich der Medienkritik hat er jedenfalls nicht unrecht.

Wie kommt dieses Paradoxon zustande? Ich habe aus Anlass der Gründung des Vereins Medienkritik Schweiz, dessen Präsident ich bin, vor zwei Jahren einige Gründe für das Elend der Medienkritik zusammengetragen, die ich in Kürze nennen will (integral nachzulesen auf der Website www.medienkritik-schweiz.ch):

Die journalistische Wahrnehmung des medialen Umfeldes, die genaue und kritische Analyse fremder Medienleistungen hat im Verhältnis zur Explosion der Titel, Sender und Anbieter umgekehrt proportional abgenommen.

Die Vielzahl von Titeln und Sendungen, aber auch der Zeitdruck, der durch das Tempo des Online-Journalismus entstanden ist, lassen Journalisten heute die Arbeit ihrer Kollegen immer weniger sorgfältig verfolgen.

Im Zeitalter des Rudeljournalismus hat man nur noch Augen für den Scoop des Anderen, den aufgedeckten Skandal, den cleveren Dreh, der aus einer gewöhnlichen Meldung eine knackige Geschichte macht. Konsistenz von Meinungen, von Haltungen? Sprachliches Können, Brillanz gar? Geschenkt, kein Thema!

Ein zweites: Die Konzentration auf immer weniger, immer grössere Medienhäuser macht die Auseinandersetzung zwischen den Medien, den einst unbekümmerten Streit der Medienkritiker schwieriger. Sich mit einem Medium der eigenen Gruppe anzulegen ist ja nicht besonders ratsam.

Und sich mit einem Medium der Konkurrenz anzulegen, wird von kritischen Leserinnen und Lesern oft nicht goutiert, weil sie diese Kritik – zu Recht oder zu Unrecht – verdächtigen, lediglich ein Kampfinstrument  im Wettbewerb der Medienhäuser zu sein. Und gern gesehen wird solches Tun in der Verlagsetage übrigens auch nicht immer, weil man mit dem angegriffenen Konkurrenten ja vielleicht gerade im Stillen über einen Kauf oder Verkauf, über ein gemeinsames Projekt verhandelt…

Für den einzelnen Journalisten wird der Anreiz, sich als Medienkritiker zu betätigen, deshalb immer kleiner. Wenn er zudem die eigene Karriere bedenkt, die ihn ja auch einmal in ein Medium eines anderen Unternehmens führen könnte, dann wird er es sich zweimal überlegen, ob er sich kritisch profilieren soll.

Sie sehen, es braucht neben der intimen Kenntnis der Branche selbst schon eine überdurchschnittliche Portion Mut, Leidenschaft und Zivilcourage, den Finger medienkritisch auf eingetretene oder drohende Fehlentwicklungen, auf das Fehlverhalten einflussreicher Kollegen und anderer Zeitgenossen, von Gruppen und Unternehmen zu legen oder Fälle von üblem Kampagnenjournalismus anzuprangern. Die Mehrzahl der Journalisten war schon früher nicht mit überreichlichem Mut gesegnet – sie sind es heute, in unsicheren Zeiten, wohl eher noch weniger.

Umso wichtiger die Existenz von Journalisten, die Medienkritik kontinuierlich, beharrlich und nachhaltig betreiben – und auch Gelegenheit dazu bekommen, müsste man wohl der Gerechtigkeit halber sagen.

Das ist der Moment, um endlich in medias ras zu gehen. Was ich bis jetzt ausgeführt habe, ist ja nichts anderes als der Hintergrund, auf dem die Leistung Rainer Stadlers erst in ihrer ganzen Bedeutung erscheint.

52mal jährlich aktuelle und/oder profunde Analysen von erstklassigen Fachleuten und Stellungnahmen prominenter Entscheidungsträger der Branche, und dazu immer eine Kolumne, die aktuelle Erscheinungen und Aberrationen des medialen Zeitgeistes unter die Lupe nimmt: die Medienseite der NZZ hat ein Konzept, und eine Handschrift. Es ist die Handschrift Rainer Stadlers, der sie im Alleingang betreuen darf (aber auch muss). Das ist eine Leistung, vor der auch viele Kollegen den Hut ziehen!

Es wäre ja ein leichtes, jede Woche über die neuesten Medienflops eine flapsige, schon etwas schwieriger, eine richtig böse Satire zu schreiben.

Beides ist Rainer Stadlers Stil nicht: Er lässt lieber die Realsatire für sich selber sprechen, als sich mit lautem Gepolter und steilem Urteil zuvorderst an die Rampe zu stellen. Nein, Rainer Stadler ist das Gegenteil einer journalistischen Rampensau. Er gibt lieber den Rhythmus an, und die Tonart, wie er es ja auch als Kontrabassist in seiner Band tut, als sich mit schrillen Tönen als Solist zu produzieren.

Da entdecken wir dann vielleicht doch auch den Ostschweizer, der er in Zürich geblieben ist. Kompetenz äussert sich rund um den Säntis ja  nicht in Schawinski’schen Pirouetten und Sprüngen, sondern in ruhigeren, nicht verletzenden Tönen, in abwägender Um- und Übersicht, breiter Faktenkenntnis – und in immerwährendem Bemühen um Fairness.

Nicht, dass Rainer Stadler nicht auch über das stilistische Handwerkszeug des Kolumnisten verfügte: Aber seine Ironie, seine Kritik sind von der stilleren Art, und wenn es denn einmal doch vernichtend sein muss, dann ist es mehr von der Art jenes chinesischen Henkers, dessen Opfer erst merken, dass sie geköpft sind,  wenn er sie bittet, ihren Kopf zu schütteln.

Erstes Ziel des Stadlerschen Medienjournalismus ist es eben, seiner  Leserschaft jene Aspekte des Medienbetriebs näherzubringen, die sie womöglich nicht kennen, die sie aber interessieren müssten: das fast schon altmodische „Need to have“ als Grundlage der Beurteilung medialer Vorgänge anstelle des gefälligen „Nice to have“ von People-Stories aus dem medialen Jahrmarkt der Eitelkeiten. So etwas funktioniert nur, wenn eine nicht nachlassende Neugier auf und einer grossen Leidenschaft für die Medien am Werk sind. Die hat sich Rainer Stadler bis heute behalten. Und er begegnet dem Medienbetrieb mit einem so ausgeprägten Mangel an vorgefasster Meinung, einer Unvoreingenommenheit, dass er hin und wieder Freund und Feind irritieren mag. Ihm ist das qualifizierte Urteil seines Publikums wichtiger – sein eigenes kennt er ja.

Damit ist Rainer Stadler eine seltene Erscheinung im hiesigen Journalismus. Nicht nur als einer der letzten hundertprozentigen Medienjournalisten in einer Tageszeitung, sondern vor allem als ein unermüdlicher Diener an der medienkritischen Urteilskraft seiner Leserinnen und Leser.

Er trägt damit nicht nur zur Qualität der helvetischen Medienszene bei,

sondern eben auch – und da werden wir Kurt Imhof Recht geben müssen – zur Qualität unserer Demokratie.

Hätten wir mehr Rainer Stadlers, müsste uns bei der Beantwortung der Frage, wer denn die Kontrolleure kontrolliert, weniger bange sein.

Doch heute wollen wir uns freuen, dass wir den einen haben.

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