Der Gripen-Fall

Von: Silvan Heuberger
27. Dezember 2011

Ein Journalist erzählt, wie er unwissentlich für die PR eines Rüstungsunternehmens eingesetzt wurde. Der Fall wird heftig diskutiert – allerdings nur im Internet. Dabei wäre es dringend notwendig, dass diese Problematik in einer breiteren Öffentlichkeit behandelt wird.

Am 30. November 2011 entschied sich der Bundesrat für den Kauf von Gripen-Kampfjets. Einige Tage danach, am 3. Dezember, erschien auf 20min.ch der Artikel «Wie ich Werbung für den Gripen machte» von Lukas Egli. Egli beschreibt darin, wie er 2009 vom Chefredaktor des «Sonntagblick» angefragt wurde, eine Reportage über einen Gripen-Flug zu schreiben. Egli sagte zu und durfte nach Schweden, um einen 40-minütigen Flug mit einem Gripen mitzuerleben. Später merkte er, dass seine Reise von der PR-Agentur Hirzel Neef Schmid – zu deren Kunden der Gripen-Hersteller Saab gehört – organisiert wurde. Der Partner von Hirzel Neef Schmid, Jürg Wildberger, soll Hannes Britschgi, damaliger Chefredaktor beim «Sonntagsblick» und Leiter der Ringier-Journalistenschule, die Möglichkeit dieser Reportage angeboten haben. Wildbergers und Britschgis Laufbahnen, so Egli, kreuzten sich an diversen Stellen, sie kannten sich also. Eine Woche nach der Veröffentlichung von Eglis Gripen-Reportage soll der Text von Britschgi an Wildberger für ungefähr 9000 Franken verkauft worden sein. Wildbergers Agentur hat die Reportage als Image-Broschüre für Saab abgedruckt. Egli selbst habe vom Verkauf keinen Franken gesehen.

Eglis «Coming Out» zeigt auf, wie verschränkt und unsichtbar die Zahnräder von Journalismus und PR ineinandergreifen. Er hat damit einige Reaktionen ausgelöst: Auf 20 Minuten Online alleine wurden 131 Kommentare gepostet. Die Veröffentlichung des Textes auf medienspiegel.ch hat 22 Kommentare nach sich gezogen. Im Gegensatz zur Diskussion auf 20 Minuten, wo man schnell in die Kampfjet-Diskussion abdriftete,  dreht sich die Diskussion auf medienspiegel.ch auch um die medienkritischen Aspekte der Geschichte. Dabei wirft Kommentarverfasser Oliver Brunner Egli vor:

Dem entgegnet Lukas Egli selbst:

Heftig diskutiert wird aber auch Facebook. So findet sich auf dem Profil von Journalist Christof Moser im Kommentarfeed zum Link auf Eglis Text folgender Schlagabtausch zwischen Dick Mo (alias Maurice Thiriet, Journalist TA) und Fred David (ehemaliger Cash-Chefredaktor) (Auszug):

Am 7. Dezember erscheint auf medienspiegel.ch der Text «Lieber Lukas» von Christof Moser. Moser gratuliert Egli für seinen Mut, bringt aber auch Kritik an. So schreibt Moser:

Ein Journalist, der sich selber bezichtigt, PR gemacht zu haben: grosses Kino! Würdest du dich in deinem Text nicht als Naivling positionieren, müsste man dir unterstellen, du hättest einkalkuliert, dafür Applaus zu ernten. Mit deinem Outing surfst du auf dem Wellenkamm des Zeitgeists. [...]

Aber hey, verdammt: Du hast deinen Job nicht gemacht! Einfachste Prinzipien missachtet, deine Pflichten verletzt. Pflichten, die untrennbar mit den verfassungsmässig verbrieften Rechten verbunden sind, deinen Beruf ausüben zu können. Du spielst vor dem Hintergrund eines Milliarden-Deals, in dem es um Politik und Waffen geht, um Geschäfte und Gegengeschäfte, mit einem Kampfjet wie ein kleiner Bub mit seinem Lego-Raumschiff? Come on!

In diesem Schattenspiel der gekauften Interessen hast du dir selber die Rolle des naiven Journalisten zugeschrieben. Es ist zu deinen Gunsten, dir diese Rolle nicht ganz abzunehmen. Man mag nicht glauben, dass die Erfüllung eines Bubentraums ausreicht, um deine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber zu korrumpieren. Aber du lässt ja zum Glück durchschimmern, dass du wusstest, was du tust. Du verteidigst dein Tun in deinem Text ja sogar und fragst: «Wer hätte da Nein sagen können?»

Egli reagiert in seinem Kommentar gereizt:

Christof Moser rechtfertigt sich und konfrontiert Egli mit einem neuen Vorwurf:

Egli entgegnet dem, dass er vergleichweise wehrlos gewesen sei:

Zwischen diesen Kommentaren finden sich auch andere Bemerkungen, eine einigermassen geordnete Diskussion findet aber nicht statt. Ein wichtiger Punkt – und aus medienkritscher Sicht gewissermassen die Moral aus der Geschicht – hält Lukas Egli in einem späteren Kommentar fest:

Die Geschichte zeigt beispielhaft auf, wie Themen, die vor allem in Blogs und Social Media präsent sind, nur von einer Teilöffentlichkeit und in relativ chaotischer Weise diskutiert werden. Die medienkritische Auseinandersetzung mit dem Fall in der Öffentlichkeit wäre ein wichtiger Beitrag für den gesellschaftlichen Diskurs. Darüber hinaus würde es auch ein Signalzeichen geben, dass die Schweizer Medien solche Fälle nicht einfach mit einem Achselzucken quittieren, sondern als problematisch erachten. Auch die Frage, ob Hannes Britschgi als Leiter einer Journalistenschule tragbar ist, müsste diskutiert werden.

Gründe für das Ignorieren des Falls der Massenmedien können nur vermutet werden. Einer könnte sein, dass Eglis Artikel aus journalistischer Sicht Mängel aufweist. Er verpasst es, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, oder zu erwähnen, dass sie auf eine Stellungnahme verzichtet. Dass er in einem Kommentar erwähnt, er habe Britschgi zuletzt im Februar 2011 versucht zu erreichen, verstärkt das Bild der Einseitigkeit. Eglis Ausführungen bleiben Behauptungen.

Die Einreichung einer Beschwerde beim Presserat scheint aus verschiedenen Gründen nicht zu erfolgen. Erstens erschweren die vielen Unklarheiten und das bisherige Schweigen der Beschuldigten eine klare Übersicht. Zweitens wäre die Frage, welcher Medienbericht beanstandet werden würde, zu klären. Denn die logische Wahl, die Reportage selbst, fällt weg: Der Presserat behandelt gemäss Art. 10 Abs. 1 des Geschäftsreglements keine Publikationen, die älter als sechs Monate sind. Mit der Beanstandung von Eglis Geständnis-Artikel dürfte man am Ziel vorbeischiessen, da der Presserat dann höchstens die Einseitigkeit des Textes, aber nicht die Verzahnung von PR und Journalismus, die zur Reportage geführt hat, untersuchen könnte.

Die Online-Diskussion ist inzwischen versandet. Es ist zu befürchten, dass eine öffentliche, durch Massenmedien induzierte Behandlung des Themas nicht stattfinden wird.

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4 Comments

  • @Silvan Heuberger: Haben Sie denn Hannes Britschgi um eine Stellungnahme gebeten? Wenn ja, wie lautet diese?

    • Silvan Heuberger

      Nein, habe ich nicht. Es war auch nicht das Ziel dieses Beitrages, neue Erkenntnisse zu präsentieren. Es soll eine Übersicht über den Fall und die Debatte sowie eine Einordnung der Problematik geboten werden.

  • Rainer Stadler

    Ich wundere mich, dass man sich wundert, dass dieser Fall von den grossen Medien, auch von mir, ignoriert wurde. Es ist schlicht ein uninteressanter Fall für ein Thema, das durchaus wichtig ist. Wer als Laie für ein Massemedium in einem Gripen mitfliegen darf, der muss doch wissen, dass dies nicht zufällig geschieht, sondern dass jemand Interesse hat, den Gripen im Publikum bekannt zu machen. Mehr kann ein Laienjournalist aber nicht leisten. Es ist ja einfach ein Erlebnis/Lifestyle-Journalismus ohne Hintergrund. Wer das als beteiligter Journalist nicht durchschaut, hat seinen Beruf nicht wirklich kapiert. Es geht hier also um offensichtliche, durchschaubare PR-Strategien. Solche Spinnereien kann auch ein Leser durchschauen. Interessanter wären aber Beispiele, wo die Interessen verdeckter, undurchschaubarer bleiben.

    • Silvan Heuberger

      Dass bei einem gesponserten Gripen-Flug Interessen im Hintergrund sind, ist offensichtlich, da gebe ich Ihnen Recht. Egli schreibt ja auch selbst, er sei diesbezüglich naiv gewesen. Trotz der Offensichtlichkeit fehlt es aber an Transparenz. Statt offenzulegen, wer wem was angeboten hat, überlässt man es dem Leser, die dahinterstehenden Interessen zu interpretieren.
      Zudem ist es trotz der Durchschaubarkeit relativ dreist, wenn ein Chefredaktor ein schon erschienenes journalistisches Produkt an eine PR-Agentur verkauft, die daraus eine Broschüre macht.

      Meiner Meinung nach wäre es doch gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der hier PR und Journalismus vermischt werden, die den Fall interessant machen würde.

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