Persönlicher Lesestoff

von Manuel Bucher

Die Schweizerische Post geht mit „MyNewspaper“ neue Wege im personalisierten Zeitungsvertrieb. Doch das Projekt findet nur wenig Anklang.

„Wünschen Sie sich eine Zeitung, die ganz auf Ihre Interessen zugeschnitten ist?“ So kündet die Post ihr neues Konzept der personalisierten Nachrichten an.

Im Web kennen wir so etwas wie personalisierte Nachrichten schon lange. Mit Aggregatoren wie Google News kann ich jetzt schon (mehr oder weniger) steuern, welche Informationen ich haben will. Den Rest suche ich mir gezielt. Und auch auf den Smartphones gibt es zum Beispiel FlipBoard, ein App, welches die für mich interessanten Nachrichten zusammensucht.

Gedruckt sieht es allerdings wieder ein bisschen anders aus, was auch dieser Klartext-Artikel aus dem Jahre 2009 sagt. Damals hat die Post in einem Pilotprojekt die personalisierte Zeitung getestet. Aufgrund guter Resonanz hat sie nun, zwei Jahre später, „MyNewspaper“ auf den Markt gebracht. Die Online-Gemeinschaft gibt der Zeitung jedoch keine guten Noten und schaut sie grösstenteils als überflüssig an.

Die Medienwoche meint etwa:

Die Post versucht die Möglichkeiten des Web zu imitieren, scheitert aber an den starren Rahmenbedingungen des Print.“

Unter „my freude und my ärger“ lässt dieser Blogger seinem Ärger freien Lauf:

Ihr lückenhaftes Angebot ist ärgerlich. Selbst wenn es gratis wäre, eine Zumutung.“

Objektiver versucht es die Webseite Beyond-Print:

Viele Verlage zögern noch, ihre Inhalte zur Verfügung zu stellen.“

Die SonntagsZeitung hat sich das Abo näher angeschaut:

Ob die Post damit dem Bezahlmodell der gedruckten Tageszeitungen neues Leben einhaucht, bleibt dennoch zweifelhaft.“

Die E-Book-News sehen einen klaren Nachteil gegenüber Online-Nachrichten.

Doch auch bei perfekt abgestimmtem Zoom ist die Collage aus dem Blätterwald optisch gegenüber den perfekt verflüssigten Nachrichtenströmen auf Touch-Screen-Displays deutlich im Nachteil.“

Michael Haller, Professor für Journalistik an der Uni Leipzig, fasst zusammen, was die Meinung vieler zu sein scheint: „[…] Die genuin journalistische Leistung bei tagesaktuellen Medien besteht ja darin, ein Angebot für die Leser zusammenzustellen, also eine Selektion zu treffen, die das Wichtige und Bedenkenswerte der letzten 24 Stunden repräsentiert. Ich abonniere gerade deshalb eine Zeitung, weil ich der Selektionsleistung der Redaktion traue. Bei der personalisierten Zeitung wählt dagegen der Nutzer aus verschiedenen Print- und elektronischen Angeboten die Nachrichten und Artikel gemäss eigenen Wünschen und Vorlieben aus. Das halte ich nicht für den zukunftssichernden Weg.“

Auch als „Digital-Native“ identifiziere ich mich mit einer Zeitung und kaufe sie oder eben nicht. Die Marke und die Anbindung daran ist um einiges höher gewichtet und verliert bei „MyNewspaper“ an Wert, da sie in der Zeitung untergeht. Aus diesem Grund gibt auch die Neue Zürcher Zeitung ihre Inhalte nicht weiter. Sie will ihre Marke nicht schwächen, heisst es auf verschiedenen Webseiten.

Der Preis lässt ebenfalls aufhorchen. Es werden Stimmen laut wie „Für 1400 Stutz abonniere ich Blick, NZZ, Tagi etc. lieber im Original“ oder „Der teuerste RSS-Feed der Welt“. Tatsächlich: Das „Abo Basic“, also 24 Seiten selbst zusammengestellter Inhalte, kostet jährlich 720 Franken. Es ist das billigste Abo, das die Post im Angebot führt. Bei den Medium- und Large-Varianten bezahlt der Kunde 960 beziehungsweise 1320 Franken, allerdings werden ihm hier auch mehr Seiten geliefert. Zum Vergleich: Jahresabonnemente grosser Schweizer Tageszeitungen kosten im Durchschnitt rund 400 Franken.

Auf einer deutschen Webseite wird dann endlich gesagt, was schon lange gemunkelt wird: Das Projekt ist in Deutschland bereits gescheitert. Bereits 2009 gingen in Deutschland die Startups Niiu und PersonalNews an den Start und die Projekte werden derzeit nicht aktiv weiterverfolgt. Auf der Webseite von Niiu ist zu lesen: „niiu pausiert! […] haben wir uns entschlossen die Produktion von niiu vorerst einzustellen. Spätestens zum Sommer wird niiu in neuer Form verfügbar sein.“ Und auch die WebSeite von PersonalNews steht still.

Wie es mit „MyNewspaper“ in der Schweiz weitergeht, wird sich zeigen. Sicher ist, dass es nicht einfach wird. Das ist sich auch die Post bewusst. Nach der Laufzeit von einem Jahr wird sie darüber beraten, ob „MyNewspaper“ weitergeführt wird oder nicht.

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