Presserat zeigt digitale Milchzähne

von Simon Häring

Der Schweizer Presserat muss trotz einer breiten Akzeptanz für seine Arbeit um öffentliche Aufmerksamkeit kämpfen. Grund dafür sind die fehlenden Sanktionsmöglichkeiten. Ein Dilemma, das die Beschwerdeinstanz für medienethische Fragen aber auch zu einem grossen Teil selbst zu verschulden hat, denn der Schweizer Presserat ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Immerhin scheint man die Zeichen der Zeit erkannt zu haben.

Welche Bilder des toten libyschen Ex-Diktators Muammar Gaddafi darf die Presse zeigen? Ist es legitim, den vollen Namen eines mutmasslichen Sexualstraftäters abzudrucken? Oder darf ein Journalist seine wahre Identität bei der Recherche unter Umständen vertuschen, also verdeckt ermitteln? Mit solchen Fragestellungen setzt sich der Schweizer Presserat auseinander.

Das 1977 gegründete Gremium sieht sich als medienkritisches Kontrollorgan der Presse. Der Presserat nimmt Beschwerden entgegen und beurteilt auf Grundlage der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten, ob der Journalistenkodex verletzt wurde. Zu den Beschwerden formuliert der Presserat eine Stellungnahme, in der er festhält, ob eine Verletzung des Kodexes stattgefunden hat.

Kampf um Legitimation

Seine Aufgabe sieht der Rat unter anderem darin, «zur Reflexion über grundsätzliche medienethische Probleme beizutragen, und damit medienethische Diskussionen in den Redaktionen anzuregen», wie dem ersten Artikel des Geschäftsreglements zu entnehmen ist. Der Presserat nimmt in aller Regel auf eine Beschwerde hin Stellung, kann aber auch von sich aus ein Verfahren eröffnen.

Das Sanktionspotenzial des Schweizer Presserats ist allerdings verschwindend klein. Zwar kennen neun von zehn Journalisten über alle Sprachregionen gesehen den Presserat und würdigen dessen Arbeit, wie eine Studie «Das Bild des Schweizer Presserats» der Zürcher Hochschule für Angewandte Medienwissenschaft (ZHAW) im Jahr 2007 ermitteln konnte, doch die Legitimation muss sich der Presserat permanent neu erkämpfen, weil eine juristische Weisungsbefugnis fehlt.

Schlüsselwort Öffentlichkeit

Der Presserat kann in seinen Stellungnahmen ein Medienunternehmen rügen. Eine Abdruckverpflichtung besteht indes nicht, das Publikum des gerügten Mediums erfährt in aller Regel also nicht einmal vom Urteil des Presserats. Immerhin sind alle Stellungnahmen auf der Webseite des Presserats einsehbar. Trotzdem wird der Presserat im öffentlichen Diskurs immer wieder etwa als «zahnloser Tiger» (Jean-Paul Rüttimann in «Wer wacht über die Wächter?») bezeichnet.

Der Einfluss des Presserats, der ihm zu aktiverer Mitbestimmung und Durchsetzung ethischer Richtlinien im Mediensystem verhelfen würde, steht und fällt mit der Frage, wie der Presserat in Zukunft vermehrt Öffentlichkeit und Publizität für seine Stellungnahmen erreichen kann. Wird die Stimme des Presserats in der Öffentlichkeit wahrgenommen, steigt auch das Sanktions- und Druckpotenzial; legitimiert durch im öffentlichen Diskurs austarierte Werte, auch wenn juristische Grundlagen fehlen.

Verstaubter Internetauftritt

Eine grosse Chance bei der Herstellung von Öffentlichkeit würden soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter bieten. Doch auf dieser Schiene ist der Presserat bis heute kaum aktiv geworden. Ebenfalls nicht hilfreich dürfte sein, dass der Internetauftritt derart verstaubt, unübersichtlich und benutzerunfreundlich daherkommt, dass selbst interessierte User sich schwer tun, die Informationen zu beschaffen, die sie sich zu finden erhoffen.

Immerhin scheint man beim Presserat die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Auf der Hauptseite presserat.ch ist neuerdings ein Ratgeber verlinkt: «So arbeiten Journalisten fair», ein Buch des ehemaligen Presseratspräsidenten Peter Studer und des aktuellen Sekretärs Martin Künzi. Allerdings richtet sich dieses Angebot eher an Medienschaffende. Seit Anfang Dezember 2011 steht die iPhone-APP «Ratgeber Schweizer Presserat» im iTunes-Store von Apple zum Download zur Verfügung.

Medienprofessor Blum fordert Umdenken

Insgesamt ist die Bekanntheit des Presserats in der Schweizer Bevölkerung jedoch gering. Deswegen müssten Presseräte Öffentlichkeitsarbeit betreiben, wie Medienprofessor Roger Blum schon 2002 in seiner Arbeit «Thesen zur Effektivierung der Selbstkontrolle» (online nicht verfügbar) erläuterte. «Auch Presseräte finden in den Medien nur Gehör, wenn ihre Stellungnahmen Faktoren wie Neuigkeit, Relevanz, Nähe, Betroffenheit usw. entsprechen», so Blum.

Die Chancen und Instrumente, dem Presserat in der öffentlichen Wahrnehmung durch einfache Massnahmen wie die Einrichtung eines Twitter-Accounts oder einer Facebook-Seite, endlich eine Stimme zu geben und so den medienkritischen Diskurs nicht immer nur den Journalistinnen und Journalisten zu überlassen, sondern für ein breiteres Publikum zu öffnen, liegen auf dem Silbertablett bereit. Dafür müsste der Presserat aber zeitliche und finanzielle Ressourcen bereitstellen.

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