«Schluss mit Onlinejournalismus»?

von Jigme Garne

Die erste Phase der Internet-Experimente haben wir längst hinter uns – Online ist Alltag. Ist es nun an der Zeit, den Onlinejournalismus neu zu definieren?

Der Tageswoche-Redakteur und -Onlinestratege David Bauer, der sich als «Journalist+» bezeichnet, hat sein Medienjahr 2011 mit einem Vorschlag abgeschlossen, der zunächst harmlos klingt:

«In» waren einige – Follower, denen vertiefte Kenntnisse sowohl mit der klassischen als auch der digitalen Medienwelt attestiert werden darf, stimmten mit ein. «Das unterschreibe ich», hiess es da, oder schlicht: «Onlinejournalismus heisst jetzt Journalismus im Netz.»

Seinen Vorschlag führte Bauer schliesslich für den Tageswoche-Blog im leidenschaftlichen Plädoyer «Schluss mit Onlinejournalismus» aus. Der Begriff sei «mehrheitlich negativ konnotiert» und werde auch dazu verwendet, um eine Abgrenzung zu einem Idealbild von Journalismus vorzunehmen. «Journalismus im Netz» hingegen mache die Aussage: «Der Journalismus bleibt wie er ist, er unterscheidet sich lediglich im Verbreitungskanal.»

Doch Sprachregelungen – und nichts Geringeres als eine Sprachregelung fordert Bauer – stossen meist auf Ablehnung und provozieren nicht selten hämische Bemerkungen. NZZ-Korrespondent Daniel Gerny meint etwa:

Haarspalterei oder semantische Finesse von Bedeutung? Die nachhaltige Debatte um die Namensgebung erfordert die Auseinandersetzung mit dem Wesen dieser jungen Gattung des Journalismus. Online-Auftritte entstanden zunächst als simple Internet-Präsenz bereits existierender Medien. Sie boten (und bieten) Journalisten ein Experimentierfeld, gedruckten Zeitungen eine Konkurrenz und Verlegern eine ungewisse Zukunft. Im Jahr 2012 sind wir um einige Schritte weiter und klüger: Online hat sich in der Medienwelt konsolidiert. Auch wenn die prophezeite Ablösung des traditionellen Journalisten durch den Blogger ausblieb, sind die im Schlagwort Web 2.0 vereinten Elemente des Internets von unbestrittener Bedeutung für Journalist und Publikum. Demgegenüber steht die traditionelle Tages- und Sonntagspresse, deren Gesamtauflage 2011 noch rasanter geschrumpft ist als in den Jahren zuvor.

Es drängt sich die Frage auf, wer oder was die Aufgaben des Journalismus in Zukunft erfüllt, wenn der hiesige und aktuelle Onlinejournalismus den Anforderungen nicht genügt, wie etwa der lauteste von allen Medienkritikern, der Soziologe Kurt Imhof, im Jahrbuch zur Qualität der Medien 2011 schliesst. Angesichts der Tatsache, dass das Internet die Vermischung der drei ehemals getrennten Bereiche Massenkultur, (Organisations-)Kommunikation und Information unweigerlich vorangetrieben hat, wird der Ruf nach eigenständigem Onlinejournalismus zunehmend lauter.

Und hier kommt David Bauers Vorschlag ins Spiel. Was wir nämlich brauchen, ist ein neues Verständnis von Onlinejournalismus. Reden wir von «Journalismus im Netz», lassen wir Vergangenes hinter uns und bekennen uns dem «Journalismus», nicht dem «Online». Ob es denn nun genau dieser Begriff sein muss, ist die falsche Frage. Löblich ist die Debatte, die der Vorschlag hervorruft.

Dieser semantische Reboot des Onlinejournalismus wäre keinesfalls nur L’art pour l’art:

Ein kleiner Wermutstropfen: Ebenfalls aus der Sprachwissenschaft stammt die Theorie der Euphemismus-Tretmühle. Sie besagt, dass sobald ein pejorativ besetztes Wort («Onlinejournalismus») durch einen Euphemismus (was «Journalismus im Netz» zweifellos darstellt) ersetzt wird, der neue Begriff nach und nach die pejorativen Eigenschaften des Vorgängers annimmt. Der «Mensch mit Migrationshintergrund» ruft in den Köpfen vieler dieselben Konnotationen hervor wie der «Ausländer». Was eine neue Sprachregelung für den Onlinejournalismus Journalismus im Netz bewirken kann, bleibt also dahingestellt. Ein Versuch jedenfalls wäre es wert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.