Der «mediale» Suizid

von Laura Verbeke

«Bis dass der Tod euch scheidet» heisst es jeweils in der Kirche. Im Fall des DOK-Films «Tod nach Plan» scheiden sich die Geister jedoch bereits an der Frage nach der Legitimation einer solchen Berichterstattung. Der Dokumentarfilm stellt das Thema Suizid in den Vordergrund und begibt sich damit auf Glatteis.

Am 17. Februar 2010 strahlte das Schweizer Fernsehen (SF) einen DOK-Film über den Schweizer André Rieder aus. Der damals 56-Jährige lebte seit Jahren mit einer psychischen Krankheit und hat keinen grösseren Wunsch als mithilfe der Sterbehilfeorganisation «Exit» aus dem Leben scheiden. Der Film von SF-Reporter Hansjörg Bäni zeigt einerseits, wie minutiös Rieder sich auf den eigenen Tod vorbereitet, andererseits wie seine engsten Freunde hin- und hergerissen sind zwischen Verzweiflung und Verständnis. Alles was bleibt, sind offene Fragen.

«Werther» und «Papageno»

Fragen, vor allem ethischer Natur, stellten nach der Ausstrahlung dieser Dokumentation auch die Medien: Darf man einen Sterbewilligen mit der Kamera quasi mit in den Tod begleiten? Gerade wenn es um das Thema Suizid geht, befinden sich Medien im Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Aufklärung und allenfalls sogar Prävention. Auf der einen Seite besteht bei zu detaillierter Berichterstattung die Gefahr der Nachahmung – in der Medienwirkungsforschung besser bekannt als der «Werther-Effekt». Auf der anderen Seite findet sich der «Papageno-Effekt», welcher besagt, dass sensible Berichterstattung, die Alternativen aufzeigt, dazu führen kann, dass sich Leute ermutigt fühlen, Hilfe zu suchen.

Auch der Schweizer Presserat hat eigens zur medialen Behandlung von Suiziden eine Richtlinie formuliert, welche Journalistinnen und Journalisten dazu auffordert, auf «detaillierte, präzise Angaben über angewandte Methoden und Mittel» zu verzichten, «um das Risiko von Nachahmungstaten zu vermeiden.»

So kontrovers die Thematik selbst ist, so unterschiedlich war auch das mediale Echo auf den Dokumentarfilm «Tod nach Plan». Einig sind sich die verschiedenen Parteien jedoch in dem Punkt, dass der Film die Konflikte sowie Tabuthemen, gerade in Bezug auf das Thema Sterbehilfe, in unserer Gesellschaft widerspiegelt, also einen äusserst wertvollen Beitrag dazu leistet, dass eine Diskussion diesbezüglich stattfindet.

Medien zeigen kein einheitliches Bild

«20 Minuten» bemängelt in ihrem Bericht, dass gewisse Inhalte gegen den Medienleitfaden der Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz (IPSILON) verstossen. Gemäss diesem wäre die Nennung des Namens sowie das Zeigen des Gesichts Rieders in der Suizidberichterstattung zu unterlassen gewesen. Auch wird bemängelt, dass fachspezifische Personen im Film nicht genügend zu Wort gekommen seien.

Wenig relativierend scheint hier die Aussage der DOK-Redaktionsleiterin Nathalie Rufer in einem Interview mit dem Online-Portal der Schweizer Kommunikationswirtschaft «persönlich.com», dass André Rieder das Fernsehen selbst kontaktiert und nachgefragt habe, ob man einen Film über seinen Freitod machen wolle.

In einem weiteren Artikel thematisiert die Gratiszeitung vor allem die eingangs erwähnte Nachahmungsgefahr, die von diesem Film ausgehen könnte.

Anders sah dies die «Neue Zürcher Zeitung (NZZ)». Diese wiederum spricht davon, dass man dem Film eine (unbeabsichtigte) Animation zur Nachahmung nicht vorwerfen könne (…) und dass der Autor Bäni auch Kritikern von Freitodbegleitungen das Wort erteile, somit das heikle Thema kritisch eingerahmt werde.

Mehr Mitleid mit dem Journalisten Hansjörg Bäni als mit dem Hauptakteur Rieder selbst scheint der «Tages-Anzeiger» in seinem Bericht zu haben: «Das vielleicht härteste Los hatte dabei der Dok-Filmer zu tragen», oder «Je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass es Hanspeter Bäni nicht wohl ist in seiner Haut.»

Die Boulevard-Zeitung «Blick» titelt gewohnt plakativ: «SF schockt mit bizarrer Selbstmord-Doku – Zur besten Sendezeit nimmt sich André Rieder (56) das Leben.» So schockiert der Titel klingt, so schockiert scheint auch der Journalist zu sein, der den Artikel verfasst hat. Immer wieder finden sich Aussagen im Text, die auf den latenten Zweifel am Gesehenen schliessen lassen, wie zum Beispiel: «Das Bizarre daran…», «Besonders erschreckend…» oder «Alles Bilde,r die verstören…»

Ein bisschen weiter geht der Beitrag des Newsnetzwerks «Facts 2.0». In diesem wirft der Journalist Erwin Feurer die Frage auf, «ob gegen das Schweizer Fernsehen und deren Verantwortliche, allen voran gegen Hanspeter Bäni und Christoph Müller, allenfalls auch gegen die Programmverantwortlichen bis hin zu Herrn Roger de Weck anstelle eines Lobgesangs nicht eine Strafuntersuchung von der Staatsanwaltschaft Zürich durchgeführt werden muss.» Tatbestand: Mutmassliche Beihilfe zu Mord.

Das Schweizer Fernsehen (SF) selbst hat am 1. März 2010 in der Diskussions-Sendung «Club Extra» den DOK-Film «Tod nach Plan» erneut zum Thema gemacht. Mit der Begründung, dass nachdem die beiden auf SF1 ausgestrahlten DOK-Filme «Tod nach Plan» und «Dein Schmerz ist auch mein Schmerz» aufgewühlt und viele Fragen offen gelassen hätten, wolle man sich erneut dem Thema Sterbehilfe, respektive Suizid, widmen und mit Experten, darunter auch den beiden Autoren der Filme, versuchen, auf diese offenen Fragen Antworten zu finden.

Presserat lehnt Beschwerde ab

Das Thema hat mitunter auch den Schweizer Presserat beschäftigt, nachdem am 16. März 2011 Human Life International Schweiz (HLI) und die Vereinigung katholischer Ärzte eine Beschwerde gegen den Film «Tod nach Plan» eingereicht hatten. Die Organisationen werfen dem Schweizer Fernsehen (SF) vor, gegen die zu Beginn erwähnte «Richtlinie Suizid» verstossen zu haben. Die Beschwerdeführer vertreten die Ansicht, der Film habe das Vorgehen für einen Suizid bei «Exit» ohne jegliche Zurückhaltung gezeigt. Weiter wurde beklagt, dass die Richtlinien «Menschenwürde» und «Opferschutz» zur Erklärung verletzt seien. Für eine «emotionsgeladene und einseitig konzipierte Sendung», so die Argumentation, seien «sowohl der bedauernswerte Patient, als auch weitere Personen instrumentalisiert und zu eigentlichen Objekten degradiert worden».

Der Presserat kam jedoch zum Schluss, dass der Protagonist Rieder sowie seine Freunde und Familie bei diesem Projekt freiwillig mitgewirkt hätten und ihre Privatsphäre somit nicht verletzt worden sei. Der Rat empfindet zwar die Begleitung des Suizids als nicht ganz unproblematisch, jedoch respektiere der «zurückhaltend aufgemachte, differenzierte Film» die Menschenwürde der Beteiligten. Die Beschwerde wurde abgewiesen.

Die zu Beginn aufgeworfene Frage nach der Legitimation einer solchen Dokumentation ist somit bis hierhin nicht vollumfänglich geklärt. Mehr drängt sich allerdings die Frage auf, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer einen solchen Film überhaupt sehen wollen.

Hier sprechen wenigstens die mittlerweile über 88’000 Klicks auf der Homepage des SF Videoportals und die 21 «Fans» der Facebook-Seite «Tod nach Plan – liebes SF, so eine Doku ist einfach nicht zumutbar» eine mehr oder weniger klare Sprache.

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