Humorvolle Merker in St. Gallen

von Nina Ladina Kurz

Das St. Galler Tagblatt führt eine in der Schweizerischen Medienlandschaft fast einzigartige Tradition. Seit nunmehr 13 Jahren übt die Tageszeitung aus der Ostschweiz eine öffentliche Blattkritik. Kritisiert – und natürlich auch gelobt – werden ausschliesslich die Arbeiten der eigenen Publikation. Zum ersten Mal lasen die Leser von dieser Neuerung in der Ausgabe am 1. Oktober 1998. Die Zeitung titelte damals: „Kein Ombudsmann – aber ein Merker“.

Der ehemalige Chefredaktor Gottlieb F. Höpli rief diese institutionaliserte Medienkritik in Leben. Vorausgegangen war eine Konzentration im Ostschweizer Medienmarkt. Der Chefredaktor sah sich gemäss eigener Aussage der Fragestellung gegenüber: „Wie kann sichergestellt werden, dass die freie, unbehinderte Meinungsbildung auch ohne Zeitungswettbewerb gewährleistet bleiben und die Redaktion des Tagblattes nicht – absichtlich oder unabsichtlich – wichtige Tatsachen und Meinungsäusserungen übersehen„? Höpli sah die Gründung des Merkers als logische Konsequenz davon.

Als erster Merker waltete der St. Galler Universitätsdozent Peter Gross. Nach einem Jahr beendete Gross sein Engagement. Vor allem die Kritik von Weltwoche-Journalist und Medienkritiker Christian Mensch, welcher in der Weltwoche vom 16. Sepember 1999 Ombudsmänner und den Merker als „Alibimänner vom Dienst“ betitelte, empörte den Merker der ersten Stunde.

Er sollte nicht der letzte Qualitätsbeauftragte gewesen sein, der sich den Vorwurf anhören muss, er erfülle nur eine Alibifunktion. Auch Medienwissenschaftler Roger Blum findet die Modelle der Ombudsmänner und des Merkers nicht optimal. Im Artikel vom 18. Oktober 2001 im Tages-Anzeiger heisst es:

Der Merker ist für Blum nur eine „Zwischenform“ der Ombudsmann-Idee. Denn hier handle es sich eher um eine Art permanente Blattkritik. Beziehungen zwischen Leser und Redaktion sind dagegen kaum gegeben.

Die Rolle der Blattkritik nimmt der Merker tatsächlich ein. In einer kurzen Kolumne bewertet der Merker immer zu Monatsende fünf bis sechs ausgewählte Artikel des letzten Monats. In der Kritik können zum Beispiel Stil- und Grafikfauxpas sein oder schlechte oder unausgewogene Recherche bemängelt werden. Aufhorchen lässt ein Kommentar der Studentin Jill Peters, welche an der Herzbergtagung die Veranstaltung „Selbstkritik: Der Merker beim St. Galler Tagblatt“ besuchte. Sie schreibt:

Die Mitarbeiter bezeichnen ihre Kritik nicht als bösartig, sondern eher als kleines Amüsement für die Leser des St. Galler Tagblattes.

Ähnlich ertönt es aus einem Blogeintrag einer weiteren Teilnehmerin der gleichen Veranstaltung, Helena Gunsch. Das Zitat betrifft die Zeitspanne, in welcher die beiden Jung-Merker Eliane Bucher und Matthes Fleck die Aufgabe ausführten. Wenn die Tagblatt-Redaktion offenbar nicht die Arbeit der Qualitätsbeauftragen als kritische Instanz ernst nehmen, stellt sich die Frage nach deren Sinnhaftigkeit. Mögliche Gründe dafür sieht Peters in der mangelnden Institutionalisierung. Die Auswahl der Artikel folgt nach Gutdünken und nicht nach einem vorgeschriebenen Schema. Weiter werden die Artikel nicht an journalistisch institutionalisierten Standards gemessen.  St.-Galler-Tagblatt-Chefredaktor Philipp Landmark erklärt in einem Artikel an seine Leser vom 31. Oktober 2011 die Aufgabe des Merkers folgendermassen:

Die Funktion der Merker ist in der Redaktion naturgemäss nicht nur populär – schliesslich sind die Merker völlig frei und urteilen ohne weitere Instruktion der Redaktion: Sie haben exakt den Wissensstand, den alle Leserinnen und Leser haben. Dass diese Manöver-Kritik monatlich öffentlich gemacht wird, soll zeigen, dass die Redaktion ihre tägliche Arbeit ernsthaft reflektiert – es ist aber auch ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Wir sind überzeugt, dass wir grundsätzlich gute Arbeit abliefern und uns diese Kritik leisten können.

Alexandra Kunz, die während ihres Studiums an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) eine Studie zum Merker durchführte, hielt jedoch fest:

Doch von Kritik waren die im April und Mai 2011 publizierten Beiträge weit entfernt, war in den Kolumnen doch fast nur Positives zu entnehmen. Komplimente sind gut und recht, und für die Autoren auch wichtig, es soll aber auch nicht über den grünen Klee gelobt werden. Schliesslich dient der Merker der Auseinandersetzung mit journalistischer Qualität und es ist zu bezweifeln, dass in diesen zwei Monaten qualitativ alles tadellos war.

Ende August 2011 endete die zweijährige Amtszeit der letzten beiden Merker Eliane Bucher und Matthes Fleck. Seither wechseln sich zwei Merker ab. Chefredaktor Philippe Landmark informierte über die neuen Merker Walter Eggenberger, ehemaliger «10 vor 10»-Moderator, und Peter Stahlberger, frühiger Nachrichtenredaktor beim St. Galler Tagblatt und ehemaliger und Ostschweiz-Korrespondent der NZZ.

Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob die beiden neuen Merker, das Verständnis ihrer Vorgeher, die Arbeit mit „einem Augenzwinkern“ zu erledigen, weiterführen werden, oder ob die beiden gestandenen Journalisten vehementer auf journalistische Qualitätsmerkmale pochen als auf kooperative Zusammenarbeit mit der Redaktion. Der letzte Merker-Artikel vom 30. Dezember 2011 lässt zumindest sprachlich wieder auf klarere Kritik hoffen. Zur Berichterstattungüber die Bundesratswahlen im Dezember hielt Walter Eggenberger fest:

Eine vergebene Chance gab es trotzdem: Im Leitartikel kündigt der Chefredaktor als wichtigste Erkenntnis des «Polit-Events» an, dass das Wahlprozedere sich als untauglich herausgestellt hätte und reformiert werden müsse. Das lässt aufhorchen! Im Artikel folgen dann zwei, drei gute, vernünftige Vorschläge, wie das zu geschehen hätte… dann aber Funkstille. Auch in den nächsten Ausgaben und Tagen. Warum so zurückhaltend? Die Analyse ist wohl richtig. Keine andere Zeitung hat dieses Thema aufgerissen – man hat einen «Primeur»… und lässt ihn entkommen. Schade: Chance verpasst, ein Thema zu lancieren.

Das direkte Aufgreifen von verpassten Chancen und Themen wird den gestandenen Journalisten aufgrund ihrer Erfahrung leichter fallen, als ihren Vorgängern, den Jung-Merkern Bucher und Fleck. Und wer als Kritiker selbst ein gewisses Renomee besitzt, wird seine Kritik leichter bei der Redaktion anbringen können. Für den Ruf des Merkers an sich wäre diese Entwicklung wünschenswert.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

2 Gedanken zu „Humorvolle Merker in St. Gallen

  1. Helena

    Wenn wir schon beim Thema sind: Wie schön, ein wenig (ZHAW-)interne Kritik… Liebe Nina, wie du beim Recherchieren für deinen Artikel hier gesehen hast, habe ich letztes Jahr im Rahmen des gleichen JO-Seminars auch über die Merker geschrieben. Netter Text deinerseits, aber ich heisse HelenA und nicht HelenE – auch wenn das für dich offensichtlich keinen Unterschied macht.

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  2. Florian

    Liebe Helena

    🙂 nach abgeschlossenem Studium hat man eben kein Anrecht mehr, korrekt zitiert zu werden. Wie fandest du denn den Text mal abgesehen vom Namensvertipper?

    Florian

    PS: was machst du eigentlich als Alumni auf dieser Seite? 😉

    Antworten

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