Humor und Tod vertragen sich schlecht

von Dilan Gropengiesser

Der 5. Oktober 2011 gehört zu den medial wichtigsten Tagen des letzten Jahres. Steve Jobs starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Apple-Mitbegründer war für revolutionäre Digital-Produkte und seine strenge Hand als Vorgesetzter bekannt. Am 6. Oktober publizierte das Online-Magazin „Kult“ den Artikel „Bye Mr. Jobs, deinen iSchrott kannst du nicht mitnehmen“. „Kult“ ist bekannt dafür, anzuecken und zu provozieren. Die Autorin, die sich Dr. Marianne Weissberg nennt, stiess mit ihrer Satire auf grosses Unverständnis bei den Lesern.

Sterben Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, löst das unmittelbar darauf ein mediales Echo aus. Es folgen zahlreiche Nachrufe mit den Höhe- und Tiefpunkten aus dem Leben der Dahingeschiedenen. Der Grossteil der Medien lässt in ihrer Berichterstattung den Menschen zur sogenannte „Legende“ werden und ist darum bemüht, beim Publikum Mitgefühl und Bestürzung auszulösen. So berichteten auch die Schweizer Medien nach dem Tod von Steve Jobs respektvoll über den Computerpionier. Mit einer Ausnahme. Das Online-Magazin „Kult“ schien sich regelrecht zu freuen, dass Jobs nicht mehr unter den Lebendigen weilt.

Autorin Marianne Weissberg alias Dr. Marianne Weissberg lieferte eine ätzende Satire ab, die in einer pietätlosen Pointe gipfelte: „Da wo du jetzt hingereist bist, konntest du deinen IPlunder nicht mitnehmen. Und das macht mich richtig froh. Oder doch? Wehe, wenn ich dort oben auch nur einen ISeich finde, nach meiner Ankunft. Dann bringe ich dich glatt um!“

Weissberg traf den Geschmack des Publikums offensichtlich nicht, wie die 34 mehrheitlich negativen Leserkommentare zeigen. Eine Auswahl:

Pascal Baumann: Ein bisschen Zurückhaltung wäre zumindest für heute angesagt. Sorry Kult, aber das ist daneben.

Pat: Er war ein Mensch und ist noch nicht mal einen Tag tot. So was macht man einfach nicht.

Pascal: Ich fand Kult mal erfrischend. Das war in den 90igern als Papier. Heute sehe ich nur noch öffentliches Onanieren und vor lauter Ego spürt man die Grenzen nicht mehr.

Jenny McKay: Enttäuschend, unter der Gürtellinie und schlecht geschrieben.

Die Phasen der Trauer

Die Menschen entscheiden selber, welches Medium ihnen entspricht und konsumieren meist regelmässig dieselben Produkte. Todesfälle von Prominenten sind von allgemeinem Interesse und werden von nahezu allen Medien aufgegriffen. Die Berichterstattungen unterscheiden sich je nach Philosophie des Unternehmens. „Kult“ ist ein Portal, das die Interessen von 20 bis 40 Jährigen abdeckt. Es bezeichnet sich selber als interaktiv und gesellschaftssatirisch. Die Leserschaft ist auf kritische und „böse“ Texte eingestellt. Die Rezipienten befürworteten den Artikel trotzdem nicht. Ein entscheidender Faktor ist möglicherweise die Schnelligkeit der Publikation. 1982 legte die Psychologin Verena Kast mehrere Phasen der Verarbeitung von Trauer fest. Laut Kast kann ein Tod zuerst mit „aufbrechenden Emotionen wie Trauer, Wut, Freude und Zorn verbunden sein.“ Dabei sei der konkrete Verlauf dieser Phase stark von der Beziehung zwischen den Hinterbliebenen und dem Verlorenen abhängig. Diese Theorie ist vor allem auf persönliche Beziehungen ausgerichtet. Man kann sie aber auch bei Prominenten wie Steve Jobs anwenden. Es gibt genügend Leute, die sich eingehend und über Jahre hinweg mit bestimmten öffentlichen Personen beschäftigen. Sieht man sich die hohen Absatzzahlen von Apple an, kann man davon ausgehen, dass wahrscheinlich viele Menschen ein positives Gefühl mit Jobs verbunden haben.

Todsicher erfolgreich

Die Nachrichtenwerttheorie zeigt, dass schlechte Nachrichten für ein Medium wertvoller sind als gute. Laut der britischen Boulevardzeitung „The Sun“, verkaufte diese nach dem Tod von Lady Diana eine Million mehr Exemplare. Der Autor Gerhard Brunn erklärt dieses Phänomen in seinem Buch „Realität und Medienrealität“ wie folgt: „Der Tod von Personen wird erst journalistisch beweint, so dass dem Publikum seinerseits die Tränen kommen, was dann wiederum dokumentiert werden kann.“ Die Medien arbeiten mit sogenannten „Frames“ (Deutungsmustern), die in den Köpfen der Rezipienten gewisse Bilder auslösen sollen. Als mediales Gestaltungsmittel ist die Emotion ein zentrales Instrument. Die journalistische Aufbereitung von Todesfällen bekannter Personen soll eine kollektive Trauer auslösen.

Ethik und Respekt

Die Reaktionen auf Weissbergs Artikel lassen Raum zur Spekulation. Der Versuch zur Satire hat Entrüstung ausgelöst. Es ist zu sehen, dass in Todesfällen emotionalisierende Frames, die Trauer auslösen, eher erwünscht sind. Satire ist im Zusammenhang mit dramatischen Ereignissen delikat und braucht, wenn man sich dennoch dafür entscheidet, ein hohes Mass an Fingerspitzengefühl. Die Kommentare der Leser lassen vermuten, dass diese sich selber als ethisch betrachten. Sie erwarten von „Kult“  einen respektvolleren Umgang mit solchen Ereignissen.

Was darf Satire eigentlich?

Gemäss Kurt Tucholsky muss Satire übertreiben, die Wahrheit aufblasen, damit sie deutlicher wird. „Der Witz darf boshaft sein, wenn er denn ehrlich ist.“ Weissbergs Artikel erfüllt die Kriterien der Boshaftigkeit und der Übertreibung. Ehrlich sind ihre Worte ebenfalls, nur können diese auf viel Ablehnung stossen, ist man nicht derselben Meinung. Laut Duden ist Satire „eine Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beissenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geisselt.“ Der Text der Autorin entspricht auch nach dieser Definition der Gattung Satire. Nach Meinung der Leser fehlt es Weissberg aber an „scharfem Witz“. Scharf sind ihre Äusserungen zwar, witzig finden sie die wenigsten.

Ins Schwarze getroffen

Trotz der Empörung der Leser hat „Kult“ keine Anstalten gemacht, den Artikel umzuschreiben oder aus dem Netz zu nehmen. Dies lässt sich mit der damit verbundenen Aufmerksamkeit erklären. Das Ziel eines journalistischen Mediums ist es immer, gelesen zu werden. „Kult“ präsentiert sich deshalb mit seinen Texten auch auf der sozialen Plattform „Facebook“. Mehrere “Kult”-Anhänger teilten hier offenkundig mit, sie würden dem Portal aufgrund dieses Textes den Rücken zuwenden. „Kult“ verfolgte die Strategie: Negativwerbung ist immer noch Werbung. Durch Seiten wie „Facebook“ entsteht ein Dialog, der sich schnell verbreiten und ausweiten kann. Und immer wieder fällt der Name „Kult“. Frau Weissberg hat an ihren Lesern vorbei geschrieben und mit ihrem schwarzen Humor trotzdem ins Schwarze getroffen. Denn anscheinend gilt hier die These: Hauptsache gelesen werden – auch auf Kosten des guten Geschmacks!

Ein Gedanke zu „Humor und Tod vertragen sich schlecht

  1. Peter Herzog

    menschen wie steve jobs sind von unserer persönlichen, schweizerischer lebenswelt so weit entfernt, dass die grenzen des guten geschmacks doch etwas weiter sind als bei einem familienmitglied.

    ja, er war ein mensch. ja er war ein erfolgreicher (vielleicht gar visionärer) geschäftsmann. trotzdem bin ich ihm nie begegnet, ausser in den medien. trotzdem hatte ich keine echte persönliche beziehung zu dem mann. auch wenn ich ein iphone habe, hat er mein leben nicht entscheidend beeinflusst und hätte es in zukunft, mit seinem weiterleben, wohl auch nicht getan. und darum ändert sein tod in meiner realen lebenswelt rein gar nichts.

    unter diesen voraussetzungen hat so ein text wie von frau weissenberg in einem schweizer satire-magazin durchaus seine berechtigung, finde ich. alles andere grenzt doch an heuchelei.

    (leserkommentare sind ja auch kein richtiger indikator, ob ein text ankommt oder nicht. wie überall reagieren nur diejenigen, welche sich wirklich stören oder etwas wirklich gut finden…und im angesicht des apple-kults gibt es wohl in dieser situation etwas mehr leute, die sich wirklich stören, die aber kaum den durchschnitt der bevölkerung oder der kult-leserschaft repräsentieren.)

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