Leserkritik: Die geliebte Feindin

von Laura Verbeke

«Beliebt beim Leser, verhasst in der Redaktion.» Dies ist das Ansehen, das die Leserkritik in den vergangenen Jahren in Redaktionen von Tageszeitungen genossen hat. Wie sieht der Status quo aus? Eine kurze Abhandlung über den Beitrag der Rezipienten an die Medienkritik und was Fachleute davon halten.

Mit der Antithese «Verhasst in den Redaktionen, beliebt beim Leser» beginnt die deutsche Kommunikationsberaterin Andrea Mlitz ihre Einleitung zum Buch «Dialogorientierter Journalismus – Leserbriefe in der deutschen Tagespresse». In derselben Publikation kommt die Autorin jedoch zum Schluss, dass sich dieser Stellenwert durchaus geändert zu haben scheint – ins Positive wohlgemerkt. Die Redaktionen kommen von der Ansicht weg, dass die Leserkritik nur ein notwendiges Übel darstellt. Vielmehr wird sie heute als wichtige Rückmeldung auf die tägliche Arbeit betrachtet. Einerseits dient sie als unmittelbares Korrektiv, andererseits als Information über die Interessen der Leser.

Ein Fall aus dem Jahr 2010 soll im Kontext der allgemeinen Medienkritik Aufschluss darüber geben, wie es in der Schweiz um den Ruf der Leserkommentare steht.

Vom Aussterben bedroht?

Unter dem Titel «Das Elend der Medienkritik in der Schweiz» hatte der gegenwärtige Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) Roger Blum im «Tages-Anzeiger» und im «Bund» am 26. Mai 2010 zur Medienkritik Stellung bezogen. Der Beitrag wurde in beiden Medien gekürzt und ist nur auf dem Online-Portal für Schweizer Kommunikationswirtschaft «persönlich.com» in seiner vollen Länge einzusehen.

Gemäss Blums Aussagen stehe es um die Medienkritik als sogenannte «fünfte Gewalt», die die Medien als «vierte Gewalt» zu beobachten hat, «Ganz elendlich». Und:

Es herrscht entweder Wüste oder heillose Zersplitterung

In voller Blüte?

Die Worte Blums blieben nicht ungehört und so replizierte Ignaz Staub, unabhängiger Ombudsmann der Tamedia, einige Tage darauf im «Bund» mit den folgenden Äusserungen (Ignaz Staub «Ein Lob dem kritischen Leser»):

«Ich beliebe zu widersprechen – nur halb im Scherz. Zwar mag die öffentliche Medienkritik darben (…), doch die private Medienkritik, die gute Nachricht, lebt und gedeiht»

Was Staub mit der privaten Medienkritik meint, sind die Beiträge von Leserinnen und Lesern. Im gleichen Atemzug merkt Staub an, was die Kritik der Leserinnen und Leser für ihn persönlich bedeutet: «(…) Jedenfalls ist es für jemanden, der den Journalismus von innen kennt, eine heilsame Erfahrung, mit der Aussensicht des Metiers konfrontiert zu werden.»

Im gleichen Boot wie Staub sitzt auch der ehemalige Chefredaktor des «Thuner Tagblatt», René E. Gygax. Er, der im Juni 2011 in den Ruhestand getreten ist, war dazumal einer der amtsältesten Chefredaktoren der Schweiz. Er gewichtet in seinem Beitrag die Meinung der Leserinnen und Leser schwer:

«Die wertvollste Kritik kommt vom Publikum»

Roger Blum macht er unter anderem zum Vorwurf, dass er die wichtigsten Akteure der Medienkritik schlichtweg vergessen habe: «… die Mediennutzer, also die Fernsehzuschauer, die Radiohörer, die Onlinenutzer und die Zeitungsleser.»

Denn diese seien «zehnmal wichtiger als die klugen Absonderungen von Branchenkollegen in irgendwelchen Spalten im Elfenbeinturm oder in Blogs, die niemand liest.»

Von allem ein bisschen

Eher als vermittelnde Instanz findet sich hierzu der Beitrag des Mediendienstes der Schweizer Kommunikationsbranche «Klein Report», welcher abschliessend zu dieser Diskussion meint:
«Vermutlich haben alle ein bisschen recht. Es braucht die professionelle Medienkritik, aber auch die Kritik des Publikums und der Leserschaft; immerhin leben in einer Demokratie mündige, kritische Bürgerinnen und Bürger, die sich ihre Meinung selber bilden können. Doch auch Roger Blums Intervention ist vonnöten. Mit Dutzenden von medienskeptischen Vereinigungen gibt es auch keinen «Medienfrühling».

Oder um es mit Ignaz Staubs Worten zu sagen:

«Journalismus ist Teamwork, und Journalisten sind Teil einer Kette, die nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Hält die Kette, fesselt sie nach wie vor – nicht zuletzt dank kritischer Belastungsproben.»

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.