Lustige Medienkritik

von Matthias Oppliger

In seiner Hörkolummne «Die andere Presseschau» hält der Psychoanalytiker Peter Schneider auf DRS 3 den Medien täglich den Spiegel vor. Kann Satire Medienkritik sein? Ist Satire gar besonders gut geeignet, Kritik an den Medien zu üben?

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Peter Schneider

In einem Interview in der Coopzeitung im Juni 2011 bejaht Peter Schneider die Frage, ob seine «andere Presseschau» für ihn eine Art der Medienkritik darstelle.

Die Politsatire nimmt bei mir den Umweg über den Kommentar am Geschriebenen. Das betreibe ich nun schon zwanzig Jahre, und mit der Zeit befällt einen als Grundstimmung ein Überdruss daran, wie über die Jahre besonders in den «soft news» immer wieder derselbe Käse aufgewärmt und einem hysterisch als neuer Trend angedreht wird.

Weiter unten im Interview sagt er, ihm gehe es vor allem um die Art der Berichterstattung. Wie aus jeder Kleinigkeit ein Skandal gemacht werde. Ausserdem störe ihn die inflationäre Verwendung von «Experten».

Was auch immer in der Welt passiert, es gibt immer einen Experten, der darüber vorschriftsmässig «entsetzt» ist, […]. Darüber hinaus ist es grauenvoll zu sehen, für welch intellektuell niederschwelligen Erkenntnisse sogenannte Fachpersonen gebraucht werden […]. Das führt dazu, dass wirkliche Expertise, also solche, die nicht nur markig irgendetwas behauptet, sondern durch Fakten und Argumente darlegt, unter die Räder kommt.

In einem anderen Interview mit dem Migros-Magazin kommt Peter Schneider auf das Wesen der Satire zu sprechen. Diese würde einen Sachverhalt/eine Aussage bis zur Kenntlichkeit [sic] entstellen.

[…]man dreht und wendet etwas so lange, bis man etwas anderes darin erkennt […] man entstellt die Sache und erkennt plötzlich ganz andere Zusammenhänge.

Pfiffiges Schneiderlein (Das Interview als pdf)

In einer Stellungnahme des Ombudsmannes der SRG Achille Casanova wird Robert Ruckstuhl, Programmleiter von DRS 3,  mit folgender Aussage zur Funktion von Satire zitiert:

[…] scheint es uns zentral, dass Satire sich gerade auch mit den Themen befasst, welche die Gesellschaft offensichtlich bewegen und aufwühlen […] Dies umso mehr, weil ja alle sich in Medien, Kunst und Polizeiarbeit darum bemühen, solche Themen fassbar zu machen, resp. den Fall zu lösen. Gerade weil dabei auch die sonderbarsten bis zum Teil auch tatsächlich pietätlosen Schlagzeilen und Leserbriefe entstehen, braucht es eine satirische Reflexion dieser «Ausflüsse» nach schlimmen Verbrechen oder Katastrophen.

Dazu, was Satire darf, gibt es Entscheide der Unabhängigen Beschwerdeinstanz UBI und des Bundesgerichtes. In einer anderen Stellungnahme der Ombudsstelle zitiert Achille Casanova diese wie folgt:

Laut Bundes­gericht und UBI ist die Satire ein besonderes Merkmal der Meinungsäusserung, bei dem sich die Form bewusst nicht kongruent zur angestrebten Aussage ver­hält. Die Form der Satire übersteigt die Wirklichkeit, verfremdet sie, stellt sie um, kehrt wieder zu ihr zurück, banalisiert sie, karikiert sie, macht sie lächerlich.

Satirische Medienkritik hat eine lange Tradition. So hat der österreichische Publizist, Satiriker und Lyriker Karl Kraus regelmässig gegen die «Journaille» gewettert. Um die Presse blosszustellen, hat er beispielsweise regelmässig sogenannte «Grubenhunde» verfasst. Leserbriefe, welche zwar überzeugend formuliert, inhaltlich aber völlig unsinnig waren. In weiten Kreisen bekannt wurde er durch die Veröffentlichung seines Aufsatzes «Die demolirte Litteratur» [sic], einer satirischen Sprachkritik. Kraus hat sich dem Kampf gegen die Phrase verschrieben und sich damit die Feindschaft zahlreicher damaliger Literaten und Publizisten zugezogen. Folgende Aussage aus der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Die Fackel» bringt seine kritische Haltung der Presse gegenüber auf den Punkt.

Der Historiker ist nicht immer ein rückwärts gekehrter Prophet, aber der Journalist ist immer einer, der nachher alles vorher gewusst hat.

Ein modernes Beispiel satirisch gefärbter und dennoch sehr ernst gemeinter Kritik findet sich in Deutschland. Im Herbst 2010 hat im Hause des Westdeutschen Rundfunks WDR eine Ausgabe der Mitarbeiterzeitung «WDR Print» für Aufsehen gesorgt. Es handelte sich dabei nämlich um eine komplett gefälschte, satirisch aufgemachte Zeitung voller böser Spitzen gegen das eigene Haus. Unter anderem wurde die Bezahlung der freien Mitarbeiter und die Qualität des Progammes kritisiert.

Während diese Aktion sehr konkrete Kritik, mitunter gar Verbesserungsvorschläge vorbringt, begnügen sich andere Satiriker und Comedians in Deutschland mit dem «Anprangern» von fehlgeleiteten medialen Leistungen. Ein Beispiel dafür ist die Kunstfigur Gernot Hassknecht, des deutschen Schauspielers Hans-Joachim Heist. Hassknecht kommentiert jeweils in der ZDF-Satiresendung «heute-show» ein aktuelles Thema. Darunter finden sich regelmässig auch medienkritische Beiträge (z.B. hier und hier).

Auch in der Schweiz ist Peter Schneider nicht der einzige der Medienkritik mit Satire verbindet. Die Late-Night-Sendung «Giacobbo/Müller» thematisiert ebenso hin und wieder die Medien. Zum Beispiel in diesem Clip, der ein Format des eigenen Hauses auf die Schippe nimmt.

Der Überblick über die verschiedenen Angebote satirischer Medienkritik zeigt: Die Instrumente der Satire, namentlich das Zuspitzen, Dekontextualisieren und Verdrehen von Aussagen, sind ein bewährtes und geeignetes Mittel, mediale Fehlleistungen zu kritisieren.

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