Nur für „Freunde“: Medienkritik light

von Jonas Frehner

Mit Facebook ist in den letzten Jahren ein soziales Netzwerk auch zu einer Plattform für Medienkritk geworden. Allerdings erreicht die Kritik nur eine Teilöffentlichkeit: Die „Facebook-Freunde“. Ein Modell mit Zukunft oder nur eine weitere Episode im Web 2.0?

„Ausgezeichneter Kommentar von BAZ-Chef Markus Somm – Inklusive Entschuldigung für vorschnelle Rücktritts-Forderung an Hildebrand“, schreibt Christof Moser, Journalist und Medienkritiker beim „Sonntag“, am frühen Samstagnachmittag auf seinem Facebook-Profil. Der dazu veröffentlichte Link verweist auf den Artikel „Schwefel hängt in der Luft“ vom Onlineportal der BAZ.

Den ersten Kommentar zu seinem Post (Engl. Post=anschlagen) kommt gleich von Moser selbst: Er fügt einen weiteren Link zu einem in seinen Augen ebenfalls ausgezeichneten Kommentar von „Südostschweiz“-Chefredaktor David Sieber zur Rolle der Journalisten im „Fall Hildebrand“ an. Ein erster Freund reagiert nur Minuten später. Er wendet sich direkt an Moser:

„@Christof Moser: Ich möchte mal von Euch Journalisten wissen, ob eure Köpfe nicht zu rauchen beginnen, wenn ihr ständig über euch selbst im Kreis rumschreibt?“

Sein Kommentar wird von anderen Teilnehmern der Diskussion sechsmal mit einem „like“ belohnt. Es scheint, als hätten sich befreundete Journalisten dieselbe Frage auch schon gestellt. Es folgt eine Diskussion, bei der einige Beteiligte den Standpunkt von Moser anzweifeln, andere mit ihm einer Meinung sind und einige noch weitere Artikel zum Thema in die Diskussion einbringen. Erst am Sonntagmorgen kommt die Diskussion zu einem vorläufigen Stillstand. Sieben „Facebook-Freunde“ von Christof Moser haben seinen Pinnwand-Eintrag bisher mit einem „Daumen hoch“ („like“) für gut befunden. 41 Kommentare sind insgesamt zum Pinnwandeintrag des Medienkritikers geschrieben worden – einige davon könnten durchaus als eigenständige Kommentare durchgehen.

Die Vernetzung ist entscheidend

Es ist eine Diskussion auf einer kleinen Plattform, dem Facebook-Profil von Christof Moser, entstanden, die nur einer kleinen Teilöffentlichkeit, nämlich dessen „Facebook-Freunden“, zugänglich ist. Es scheint, als hätten vor allem befreundete Journalisten an der Diskussion teilgenommen. Aussenstehende, die nicht mit Moser auf Facebook „befreundet“ sind, bekommen keine Chance, die Diskussion zu verfolgen – geschweige denn einzugreifen. Diese Möglichkeit gibt ihnen der Journalist auf einer anderen Plattform: Twitter. Viele Status-Meldungen von Moser sind direkt mit seinem Twitter-Account, auf den jeder zugreifen kann, verlinkt. Eine Diskussion, vergleichbare mit derjenigen auf Facebook, entsteht bei der Mikroblogging-Plattform Twitter jedoch nicht.

Kritik auf Facebook ist Medienkritik in einer Grauzone. Anders als bei Blogs oder „Tweets“ auf Twitter, die allen Interessierten offenstehen, wird hier nur eine kleine Teilöffentlichkeit erreicht, die direkt mit dem Kritiker vernetzt sein muss. Kommentieren und reagieren kann jeder, der mit der Person, die einen medienkritischen Beitrag auf Facebook postet, „befreundet“ ist. Doch sind diese „Freunde“ nicht häufig auch Gleichgesinnte – und wollen dem Auslöser nicht „ans Bein pinkeln“? Jeder der an einer Diskussion auf Facebook teilnimmt, tritt unter seinem richtigen Namen auf, was viel zu einer meist gesitteten Gesprächskultur beiträgt. Ganz im Gegensatz zu den „anonymen“ Kommentarspalten in den Medien, wo schnell unter der Gürtellinie kritisiert wird.

An der angesprochenen Facebook-Diskussion kann man sehen, dass auf dieser Plattform ein Dialog entstehen kann. Dieser kann konstruktiv sein – muss aber nicht. Denn dies hängt grösstenteils von den eigenen Bekanntschaften im Netz und deren Fähigkeit und Motivation zum konstruktiven Dialog ab. Doch für Journalisten, die bekanntlich gut in der Medienwelt vernetzt sind, kann Facebook eine bisher kaum genutzte Plattform der interaktiven Medienkritik bieten.

4 Gedanken zu „Nur für „Freunde“: Medienkritik light

  1. Christof Moser

    Besten Dank für diese Betrachtung. Ich würde zwei Dinge entgegenhalten: 1. Mit über 1100 Facebook-Verlinkten (von Freunden zu sprechen wäre angesichts dieser Zahl vermessen) ist mein Facebook-Profil wohl zu einer der umfassendsten Vernetzungs-Plattformen von Medienschaffenden in der Schweiz und Deutschland geworden. 2. Das eine tun heisst nicht, das andere zu lassen: ein innermedialer Diskurs, der das breite Publikum ausschliesst, hat auch seinen Wert. Es ist ja nicht so, dass ich (via Sonntag) und andere nicht auch breitenwirksame Medienkritik üben.

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  2. Nadja Schnetzler

    Lieber Jonas
    Ich finde deine Grundannahme, dass jede Medienkritik in jedem Fall auch öffentlich zugänglich bzw. für alle umgehend zugänglich sein muss, die falsche Ausgangslage. Am Beispiel von Christof Moser zeigst du auf, wie sich (zugegebenermassen in einem kleinen Kreis) eine Diskussion zu einem Thema entwickelt. Diese Diskussion kann ja auch die Grundlage sein, um eine später weiter gefasste und öffentlich zugänglichere Medienkritik auzuformulieren, also im Idealfall den kleinen Kreis als eine Art „Testballon“ zu verwenden, um die eigene Meinung anschliessend nochmal zu überdenken und zu redigieren. Für diesen Zweck scheint mit Facebook sehr geeignet. Und neuerdings gibt es auch die „subscribe“ Funktion, mit der man auf Facebook einer Person ähnlich wie bei twitter „folgen“ bzw. ihre öffentlichen Posts abonnieren kann. Diese Funktion bietet auch Christof Moser an, übrigens.

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  3. Philippe Wampfler

    Danke fürs Aufgreifen dieser Fragen – sie gehören meiner Meinung nach diskutiert.
    Die Aussage, Aussenstehende könnten an dieser Diskussion nicht teilnehmen, stimmt nicht ganz:
    Es ist möglich, Christof Mosers FB-Updates zu abonnieren, ohne sein Freund werden zu müssen. Dann kann man alles lesen, was er schreibt, und auch mitdiskutieren. Erforderlich ist lediglich ein FB-Account. Facebook wird dann zu einem recht offenen Forum.

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  4. Nadja Schnetzler

    Ich vergass noch anzumerken: Ich habe selten so kontroverse, lebhafte und streitlustige (im positiven Sinn) Diskussionen im digitalen Raum erlebt wie auf Christof Mosers Facebook-Wall.

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