Paywall scheidet die Gemüter

von Sandra Ardizzone

Die Neue Zürcher Zeitung will noch in diesem Jahr eine Metered Paywall einführen. Ende November vergangenen Jahres sorgte die Mitteilung für Diskussionen auf verschiedenen Blogs und Websites. Ab der Einführung der Paywall müssen Besucher von NZZ Online ab einer gewissen Anzahl Abrufe für die Artikel bezahlen. Die Idee kommt nicht nur gut an.

Seit 2006 haben die Printausgaben der fünf grössten Tageszeitungen in der Schweiz 10 Prozent an Lesern verloren. In der selben Zeit hat sich die Anzahl Leser im Online-Bereich verdoppelt, wie eine Studie des Institute of Mass Communication and Media Research IPMZ der Universität Zürich zeigt. Dieser Entwicklung will die Neue Zürcher Zeitung nun Rechnung tragen. Als erste grosse Deutschschweizer Zeitung bietet die NZZ ab diesem Jahr ihr Onlineangebot nur noch limitiert an. Wer alle Artikel auf der Homepage lesen möchte, muss dafür bezahlen. Diese sogenannte Paywall soll bis Ende Jahr aufgeschaltet werden. Dabei orientiert sich die NZZ am Modell, wie es die New York Times bereits vor einem Jahr eingeführt hat.
Diese nutzt keine eiserne Wand wie beispielsweise die Financial Times (alle Inhalte sind nur gegen Bezahlung einsehbar), sondern eine „Metered Paywall“, also eine moderate Variante.

Bald müssen NZZ-Online-Nutzer für die Inhalte auf der Homepage bezahlen. (Symbolbild)

Ab 20 Artikeln zahlen
Dabei werden nicht alle Inhalte der Homepage durch eine Barriere geschützt, sondern es kommt auf die Anzahl der Abrufe eines Nutzers an. So kann der Besucher eine gewisse Anzahl Artikel pro Monat online ansehen, ohne zu zahlen. Möchte er weitere Texte lesen, kommt die Paywall zum Zug. Wie viele Artikel es auf NZZ Online sein werden, ist noch nicht bestimmt. „Wir tendieren momentan zur Variante 10/20“, sagt Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien der NZZ, auf Anfrage. Das bedeutet: Nach zehn gelesenen Artikeln muss der User sich registrieren, aber erst wenn er zehn weitere Texte abgerufen hat, muss er zahlen.

Viele Skeptiker trotz Erfolg der NYT
Hogenkamp ist überzeugt, dass die Paywall ein Schritt in die richtige Richtung ist, wie er in einem Interview mit der NZZ sagt: «Wir müssen für hochwertige Inhalte Geld verlangen. Sonst können wir künftig die Redaktionen nicht finanzieren.» Man müsse den Leser im Netz umgewöhnen und ihm zeigen, dass Qualität nicht gratis sein kann. Auch im Netz nicht.

Ist dies aber möglich? Im Netz wird der Entscheid des Verwaltungrats der NZZ meist kritisch beäugt. Dass man sich dieselben Informationen auch gratis von einer anderen Quelle besorgen kann, liegt auf der Hand. Reicht also allein das Image der NZZ dafür, die Leser zum Zahlen zu bewegen? Kommentare auf verschiedenen Online-Portalen lassen daran Zweifel aufkommen:


Ebenfalls gegen das Modell ist Blogger Adrian Oesch. Seiner Ansicht nach sei die NZZ noch nicht „im Digitalen angekommen“. Um diesen Punkt zu unterstreichen, hat Oesch die Frontseite von NZZ Online untersucht und  die konvergente Bearbeitung der Themen genauer betrachtet. Dabei kam er zum Schluss, dass die Artikel kaum auf Dossiers verlinken, also seiner Ansicht nach keinen Mehrwert bieten und selten von Eigenrecherchen geprägt sind.

NZZ online zeigt mir also auf der Frontpage (!) hauptsächlich Inhalte von andern. Und dafür soll ich bezahlen? […] Was es braucht, ist intelligente Auseinandersetzung und Analysen.

Ähnlich düster sieht User Philipp Meier auf dem Onlineauftritt des Tagesanzeigers die Zukunft der NZZ Online:

Ob sich die NZZ mit der „Metered Paywall“ etwas verbauen wird, ist nicht vorhersehbar. Skeptische Stimmen waren auch beim Launch der Paywall der New York Times zu hören, verebbten aber mehr und mehr, je klarer wurde, dass das Modell von Erfolg gekrönt war. Laut dem Verlger der NY Times hat die Zeitung seit dem Wechsel zu kostenpflichtigen Online-Inhalten über 300‘000 zahlende Digitalabonnenten gewonnen. Peter Hogenkamp erkennt auch in der Schweiz einen Stimmungswechsel: „Die Wahrnehmung der Leute gegenüber einer Paywall hat sich in den vergangenen Monaten vom Negativen ins Positive geändert. Die Leute stehen einem Bezahlmodell jetzt viel offener gegenüber als noch vor einem Jahr.“

Wandel bei der NZZ

Doch die Paywall ist nicht die einzige Neuerung bei der NZZ. Wie Hogenkamp in einer Mitteilung an Werbekunden schreibt, werden die Print- und die Online-Redaktion der NZZ zusammengelegt. Bei diesem Merger entstehen neue Stellen – zweifelsohne eine gute Nachricht in Zeiten von sinkenden Werbeeinnahmen und damit zusammenhängendem Stellenabbau. Zudem erhält die Website in der letzten Märzwoche ein neues Kleid und die NZZ legt den Fokus künftig stärker auf die Social Media. Hier muss erwähnt werden, dass der Konzern laut Hogenkamp den Zugriff auf spezielle Artikel auch nach übertreten der Anzahl Gratis-Artikel in Ausnahmefällen offen lassen will. So können Leser, die beispielsweise über einen Link auf Facebook oder Twitter auf einen Artikel gelangen, diesen weiterhin abgabefrei lesen können.

Der Vorteil dieses Modells ist, dass die meisten User die Paywall nie sehen, weil sie unter dem Schwellwert bleiben.

Für gelegentliche Nutzer eine gute Nachricht, für tägliche NZZ-Online-Leser nicht. Diese werden immer noch zur Kasse gebeten, sofern sie sich nicht Link für Link mühsam zusammensuchen. Diese Arbeit wird den meisten wohl zu viel sein. Doch trotzdem zeigen sich schon heute einige Leute bereit, in Zukunft für digitale Artikel zu zahlen. Auch der Kolumnist des „Sonntag“, Christof Moser, glaubt an einen guten Outcome des Experiments Paywall:

Die «NZZ», die diese Woche ankündigte, dass künftig auch ihre Online-Inhalte kosten werden, dreht die Qualitätsspirale endlich wieder in die richtige Richtung: nach oben. Im digitalisierten Medienmarkt wird sich nur noch aussergewöhnlich guter Journalismus verkaufen lassen.

Nicht nur er, auch User des Tagesanzeigers stehen hinter der NZZ bei diesem Entscheid.


Im Februar will die NZZ laut einer eigenen Mitteilung näher über den genauen Zeitplan informieren. Zudem erwägt das Verlagshaus, die Paywall gegen Ende des Jahres auch auf die Regionen auszuweiten. Ob das Modell auch bei den Lesern Anklang finden wird, bleibt abzuwarten. Klar ist bereits jetzt, dass die NZZ mit der Paywall, der Ausweitung der Redaktion, und der stärkeren Fokussierung auf Digitales einen Schritt in eine neue, spannende und durchaus fortschrittliche Zukunft gewagt und somit eine Entscheidung gefällt hat, die den Journalismus in der Schweiz langfristig auf die eine oder andere Weise verändern wird.

Ein Gedanke zu „Paywall scheidet die Gemüter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.