Online-Kommentare: Die tägliche Qual

von Reto Stauffacher

Online-Kommentare galten als Segen, entpuppten sich inzwischen jedoch als Fluch. Die Redaktionen von Online-Medien kämpfen sich jeden Tag mühselig durch eine Flut von User-Feedbacks – die meisten davon sind wenig erhellend. Die Medientitel müssen sich die Frage stellen, ob sich dieser Aufwand überhaupt noch lohnt. Sollten die Redaktionen nicht lieber auf die Kommentarfunktion verzichten, wenn sie sich die Pflege nicht leisten können?

Trolle, Meinungsrandalierer oder einfach nur “Idioten” – Online-Kommentarschreiber mussten schon viele Beleidigungen über sich ergehen lassen. In diesen Beschimpfungen schwingt auch ein Haufen Frust mit, denn: mit dem Aufkommen des Internets war der sogenannte „User-generierte Inhalt“ als neues Heilmittel proklamiert worden. Wie schön es doch sei, dass jetzt alle Leser einfach so ihre Kommentare hinterlassen können, hiess es noch vor wenigen Jahren vonseiten der Medienhäuser. So würden spannende Diskussionen unter den Lesern entstehen und die Redaktionen könnten die Diskurse mit weiteren Berichten fortführen. Die Leser, im Journalismus jahrzehntelang verschmäht, schienen mit den Redaktionen zu verschmelzen.

Doch es kam anders.

Ein verzweifelter Journalist auf Twitter.

Ein verzweifelter Journalist auf Twitter.

„Viele grosse Medien sehen sich plötzlich in der Rolle von Schleusenwärtern“, schrieb Medienredaktor Stefan Niggemeier bereits im März 2008 in seinem heute noch aktuellen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).„Die Illusion, dass es reicht, unter jedem Artikel eine Kommentarmöglichkeit anzubieten und sich tatenlos an klugen Diskussionen und steigenden Klickzahlen zu erfreuen, ist dahin.“ Das digitale Medienmagazin Medienwoche.ch sah sich im Sommer sogar veranlasst, eine vierteilige Serie zur Problematik zu schalten („Jeden Tag Krawall“, „Wenn der Leser ausrastet“, „Es gibt Hoffnung auf Besserung“ und „Noch fehlen klare Strategien“).

Thorsten Haeffner schrieb im Rahmen dieser Artikelserie in seinem Fazit abschliessend: „Medien müssen nicht Verkündungsbecken für x-beliebige Lesermeinungen sein, sondern haben zuvorderst den Auftrag, Informationen zu beschaffen (…) und mit ihren Artikeln den Leser zu befähigen, sich eine Meinung bilden und eine Entscheidung fällen zu können. Das ist ihr Kerngeschäft. Der Dialog mit dem Leser gehört zur Kür.“ Als Schlussbouquet wagte er einen Blick in die nahe Zukunft: „In diesem Sinne liesse sich dafür plädieren, Online-Kommentare entweder abzuschaffen (…), bei Qualitätsmängeln die Kommentare genauso hart zu redigieren (…) wie die redaktionellen Beiträge und/oder wegzukommen vom reinen Meinungskommentar und den Leser beispielsweise anhand konkreter Fragestellungen (…) aufzufordern.“

Das Fazit von Medienblogger Philippe Wampfler fällt bedeutend kürzer aus: „Die Kommentare verursachen viel Arbeit und wenig Befriedigung, bringen aber wertvolle Klicks. Zudem machen die Artikel (der Medienwoche) klar, dass nur Lesen und Löschen von Kommentaren keine adäquate Bearbeitung darstellt, für mehr die Zeit aber nicht reicht.“

Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheisshäuser nach oben kommt. – Hans-Ulrich Jörges, „Stern“-Journalist

Dabei kann die Sache mit den Online-Kommentaren tatsächlich funktionieren – das zeigt ein Blick auf den Internetauftritt von www.zeit.de. Die Administratoren der deutschen Wochenzeitung bearbeiten die Kommentare intensiv; mit Erfolg. Die Kommentare bieten tatsächlich einen Mehrwert zum Artikel. Die Redaktion greift auf das Wissen der Leser zurück, sie kanalisiert und bearbeitet es.

Als Paradebeispiel kann eine Analyse zum Libyen-Krieg herhalten, die unter dem Titel „Dieser Krieg war gerecht“ von Andrea Böhm und Jochen Bittner am 30. Oktober 2011 verfasst worden war. Der Text generierte innerhalb weniger Tage genau 352 Kommentare. Das Durchklicken dieser Feedbacks zeigt, dass viele davon sehr differenziert sind – wie zum Beispiel dieser Ausschnitt:

Die Gesprächskultur ist hoch und bewegt durchaus auf Augenhöhe mit dem Artikel. Anonym schreiben ist bei www.zeit.de nicht möglich, alle Kommentatoren müssen sich mit Namen und Email-Adresse auf der Seite registrieren. Es zeigt sich eindrücklich, dass es auf dieser Seite keinen Platz gibt für Trolle und Hetzer. Die Redaktion tut aber auch viel dafür: Jeder Kommentar wird zuerst von einem Redaktionsmitglied gelesen und dann freigeschalten. Die Administratoren behalten sich das Recht vor, unpassende Kommentare zu kürzen oder zu löschen – jede Einflussnahme wird von den Redaktionsmitgliedern zudem begründet, wie die zwei folgenden Beispiele zeigen:

Der Online-Auftritt der Zeit sendet seinen Lesern mit diesem Vorgehen ein klares Signal aus: Entweder, du hältst dich an unsere Netiquette, oder dein Beitrag landet im virtuellen Papierkorb. Bemerkenswert: Böhm und Bittner reagierten auf die zahlreichen Kommentare und legten sogar einen Zweitstoff nach. In ihrem Bericht „Wann ist ein Krieg gerechtfertigt?“ erläuterten die Autoren zum Beispiel, warum sie den Libyen-Krieg für „gerechtfertigt“ hielten und gingen dabei intensiv auf die teilweise harschen Feedbacks ein. Die Kommentare bei diesem Text – diesmal waren es „nur“ noch 217 – zeigten, dass dieses Vorgehen bei den Usern gut ankam:

Eine Diskussion, die überwiegend daraus besteht, dass viele Leute einfach reflexartig irgendwelche Meinungen hinwerfen, ist für niemanden fruchtbar. – Stefan Niggemeier, Blogger und Medienjournalist

Ein Blick in die Schweiz zeigt allerdings, dass diese Praxis hierzulande praktisch nicht vorkommt. Bei www.20min.ch zum Beispiel wird einfach das Kommentarfeld geschlossen, wenn die Beiträge ein gewisses Mass an Respekt unterschreiten:

Allerdings ist es www.20min.ch gutzuhalten, dass sie es ab und zu fertigbringen, aus User-Meinungen einen Artikel zu verfassen – so geschehen zum Beispiel hier in einem Artikel zu Nic Maeder, dem Nachfolger des verstorbenen Gotthard-Sängers Steve Lee. Bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet oder blick.ch scheint man sich dagegen nicht wirklich um die Kommentare zu kümmern. Bei diesen Anbietern sind mehr als 300 Kommentare pro Artikel keine Seltenheit. Dementsprechend tief ist auch das Niveau, wie das untenstehende Beispiel von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu einem Artikel zum Thema „Pädophilie“ illustriert:

Da muss die Frage erlaubt sein: Muss das wirklich ein? Gehören solche Beiträge auf den Internetauftritt einer grossen Schweizer Tageszeitung?

Einen anderen Weg gefunden hat die Internetseite www.sport.sf.tv vom Schweizer Fernsehen. Die Sport-Redaktion verzichtet auf ihrer Webseite komplett auf Kommentare und lässt die User nur bei sogenannten Ratings und Umfragen zu Wort kommen. Dafür setzt SF Sport auf Facebook: Auf der Fanseite werden jeden Tag ein bis drei Artikel, Videos oder Fotos gepostet, die von den 28‘128 Fans (Stand: 31. Dezember 2011) rege gelikt und kommentiert werden. Auch hier zeigt sich das Niveau-Gefälle, das sich in Kommentarspalten beobachten lässt: Je populärer die Sportart bzw. das Thema ist (Beispiele bei SF Sport: Fussball und Eishockey), desto primitiver sind die Kommentare. Bei Facebook lässt es sich jedoch auch beobachten, dass die Hemmschwelle höher ist, hetzerische oder rassistische Kommentare zu schreiben, weil die jeweilige Person (im Normalfall) mit ihrem eigenen Konto angemeldet ist. Allerdings muss man zugestehen, dass sich so gut wie nie eine ergiebige Diskussion ergibt, ausser Parolen und Schlachtrufen ist selten wirklich viel an Mehrwert vorhanden. Aber, und das ist das grosse Plus: Die Redaktion lagert den User-Content auf eine fremde Plattform aus, befreit damit die eigenen publizistischen Inhalte von den Kommentaren und kommt trotzdem zu regem Kontakt mit den Leserinnen und Lesern.

Fazit: Die Online-Redaktionen tun gut daran, die Kommentarspalten auf den eigenen Plattformen zu hinterfragen. Newsseiten sollten nicht Tummelplatz für Hetzer, Rassisten und Spinner sein, sondern sie sind dazu da, kompetent und faktentreu zu informieren. Wenn es sich eine Redaktion aus personellen und/oder finanziellen Gründen nicht leisten kann, eine hohe Diskussionskultur in ihrem Talkback-Bereich zu pflegen, dann sollte sie es besser sein lassen und sich auf die eigenen Inhalte fokussieren.

2 Gedanken zu „Online-Kommentare: Die tägliche Qual

  1. Feuerstein

    ich würde die Frage mal andersrum stellen 🙂 ?
    wozu in aller welt muss die redaktion sich den durch diese quälen?
    wir haben doch freie meinungsäusserung..
    also müssen kommentare auch nicht geprüft werden.
    weil mehr als meinungen werden ja hier ohnehin nicht kund getan.
    wozu also überprüfen?
    überprüft ein wirt in einer kneipe denn erst die kommentare seiner gäste bevor diese abgegeben werden dürfen?
    lassen sie einfach alle stehen und lesen sie nur was sie wollen..
    bzw machen sie eine bewertungs funktion hin.
    dann erledigen die demokratie und die user das für sie.
    dann sind die guten kommentare oben und sie können sich ganz gemütlich den 10,20,30 besten widmen..
    ganz einfach.. und alle sind zufrieden.
    sollten sie jedenfalls

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    1. Studi

      @Feuerstein: Ganz so einfach ist die Sachlage leider nicht. Denn wenn ein anonymer User in einem Talkback eine Ehrverletzung begeht, kann die Redaktion bzw. der Seitenbetreiber unter Umständen gem. Art. 28 StGB i.V.m. Art. 322 StGB dafür Haftbar gemacht werden.

      Eine Meinung ist eben nicht einfach eine Meinung. Da muss schon ein bisschen differenziert werden.

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