„Rettet Basel“ – Zeitungskritiker beleben Medienplatz

von Jeff Baltermia

Demonstrationen, zwei neue Zeitungen, mehrere Besitzerwechsel. Der Medienplatz Basel kam in den letzten zwei Jahren nie wirklich zur Ruhe. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Aktion „Rettet Basel“, eine Gruppe, welche alles unternimmt, um der neuen Führung der Basler Zeitung das Leben schwer zu machen – mit Erfolg.

Als Plattform für entrüstete BaZ-Leser gestartet, ist die Protestaktion „Rettet Basel“ zu einem einflussreichen Player in der Basler Medienszene geworden. Knapp 19’000 Personen haben den Aufruf gegen BaZ Chefredaktor Markus Somm und den zuerst vermuteten und inzwischen als BaZ- Financier aufgeflogenen Christoph Blocher unterschrieben. Aus der Anti-BaZ Bewegung ist mit der TagesWoche inzwischen eine neue Zeitung entstanden und 15’000 Leserinnen und Leser haben ihr Abo bei der Basler Zeitung gekündigt – Tendenz zunehmend. Gemäss ihrem Leitspruch

Ich habe genug von Blocher, Somm und Tettamanti. Die Stadt Basel hat eine Tageszeitung verdient, die unabhängig denkt und kein Hebel für die SVPisierung der Schweizer Medienlandschaft ist. Ich bin bereit, meinen Teil dazu beizutragen.

hätten die Mitglieder der Aktion „Rettet Basel“ ihr Ziel nach Lancierung der TagesWoche, welche vor allem von ehemaligen, poltisch eher linksorientierten BaZ-Journalisten gemacht wird, erreicht. Es scheint aber, als hätten die Initianten Blut geleckt, denn sie führen ihren medialen Kreuzzug gegen die BaZ fort. Laut einer Abstimmung auf der Homepage solange, bis Chefredaktor Markus Somm abgesetzt ist und die Besitzverhältnisse offengelegt werden. Bei Letzterem können sie auf die Unterstützung des Presserates zählen. Dieser gab den Rettet-Basel-Aktivisten recht, welche eine Beschwerde mit 1’200 Unterschriften beim Presserat eingereicht haben. Im Juli 2011 gab der Presserat in seinem Urteil den Beschwerdeführern recht und fordert darin die Basler Zeitung Medien auf, Transparenz zu schaffen:

Daher fordert der Presserat die ‹Basler Zeitung Medien› gestützt auf Buchstabe d der ‹Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten› auf, durch geeignete Informationen und Erläuterungen gegenüber Redaktion und Öffentlichkeit Transparenz darüber herzustellen, ob Moritz Suter das Unternehmen auch wirtschaftlich beherrscht oder wer gegebenenfalls im Hintergrund das ‹Sagen› hat.

Von der breiten Zustimmung ermutigt und durch die jüngsten Ereignisse (zweifacher Verkauf der Zeitung innerhalb nur einer Woche) weiter verärgert, riefen die „Rettet Basel“-Initianten gar zu einer Demonstration gegen Führung der Basler Zeitung auf. Die Gruppe schaffte es, dass 1000 Leute am 17. Dezember 2011 auf die Strasse gingen – um gegen ein Medium zu protestieren. Ein ungewohntes Bild in der Schweiz. In praktisch allen Medien wurde über den Protest berichtet (u.a. Tagesschau, NZZ, Blick) und die „Rettet Basel“-Bewegung kann sich inzwischen mit manch bekanntem (Politiker)Gesicht schmücken.

Somm reagiert

Aufgrund der Turbulenzen um die Basler Zeitung und seine Person, sah sich Chefredaktor Markus Somm anscheinend gezwungen, seine Sicht der Dinge darzustellen. Am Tag der Demonstration veröffentlichte er einen Leitartikel, in dem er den Lesern den Kurs der BaZ erklären wollte und um Verständnis bat.

Weder ich weiss über alles Bescheid noch haben meine Kritiker immer Recht. Niemand kann die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. In der Debatte werden wir klüger. Wenn wir es jedoch nicht mehr zulassen und kaum mehr ertragen, dass über die entscheidenden Fragen dieses Landes offen und ungeschminkt, leidenschaftlich und ja: hin und wieder auch polemisch gestritten wird, dann laufen wir Gefahr, Fehler zu machen, vor denen uns nie einer gewarnt hatte.

Ein weiterer Erfolg für „Rettet Basel“. Hat es die Gruppe doch geschafft, den ungeliebten Chefredaktor in die Defensive zu drängen. Profitiert haben sie dabei sicher auch von den 1000 weiteren Abo-Kündigungen, die in der Woche nach dem erneuten Besitzerwechsel bei der BaZ eingetroffen sind.

Aus Sicht der „Rettet Basel“-Aktivisten sind dies beachtliche Erfolge, welche die Protestaktion auch in einer gewissen Weise legitimieren. Es ist zudem zu beobachten, dass immer mehr öffentliche Personen auf den „Rettet Basel“-Zug aufspringen wollen, und sich inzwischen auch Regierungsräte am allgemeinen BaZ-Bashing beteiligen. So nutzte der Basler SP Baudirektor Hans-Peter Wessels einen Auftritt beim Lokalsender Telebasel, um öffentlichkeitswirksam zu verkünden, dass er die Basler Zeitung längst abbestellt habe.

Kaum „Rettet Basel“-Kritiker

Als einer der ganz wenigen stimmt der Basler Medienexperte Roger Thiriet nicht in die Lobeshymnen auf die neue Bewegung ein. In seinem Blog kritisiert er die „Rettet Basel“-Idee und wirbt für einen anderen Umgang mit der Medienvielfalt.

«Rettet Basel!»? Danke, nicht nötig. «Rettet die Basler Medien!»? Warum nicht, aber nötiger als die Berner oder Zürcher haben sie es nicht. «Rettet die Basler Zeitung!»? Doch, bitte gern. Aber mit Abo-Kündigungen, Sponti-Demos und Dauermisstrauen à la Krneta und Konsorten wird’s wohl nicht gelingen.

Wie die Basler Medienwelt „gerettet“ werden kann oder soll, darüber lässt sich streiten. Sicher ist hingegen, dass die massiven Leserproteste ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Gab es bis im Herbst nur eine Tageszeitung für die Stadt Basel, sind es ab Januar bereits deren drei. Mit der „bz basel“ kommt nach der TagesWoche bereits das zweite Konkurrenzblatt zur Basler Zeitung auf den regionalen Medienmarkt. Eine Entwicklung die ganz im Sinne von Guy Krneta ist, Theaterautor und Kopf hinter „Rettet Basel“. In einem Interview gab er die fehlende Medienvielfalt in Basel als Grund für sein Engagement an:

Uns interessiert die Medienvielfalt, und wir wollen, dass es in der Demokratie Raum für Debatten und Auseinandersetzung gibt. Dieser Raum darf nicht einseitig vorgegeben und mit Themen besetzt sein, bei denen man nur noch den Kontrapart spielen kann. Nach 1989 habe ich erlebt, dass die Welt vielseitig sein und eine ganze Reihe von Positionen zulassen kann. Wir brauchen nicht wieder die Polarisierung des Kalten Krieges.

Drei Tageszeitungen statt nur einer. Der Leser hat die freie Auswahl. Klingt gut. So sollte Medienvielfalt sein. Allerdings buhlen nun drei Blätter um die ohnehin schon knappen Inserenten und Leser. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die neu gewonnene Medienvielfalt seine Opfer fordern wird. Und ob dies, wie von „Rettet Basel“ erhofft, wirklich die Basler Zeitung sein wird, darf bezweifelt werden.

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