Selbstkritik – Ein Ding der Unmöglichkeit?

von Sara Stulz

Andere zu kritisieren, damit haben die Medien kein Problem. Geht es aber um sie selbst, sieht die Situation oft ganz anders aus. Selten leisten Medien öffentlich Selbstkritik und wenn, dann misslingt sie oft.

Irgendwie klappt das mit der Selbstkritik der Medien nicht richtig. Nach der Veröffentlichung der blutigen Bilder des toten libyschen Diktators Gaddafi, die zu kontroversen Diskussionen geführt hatte, versuchte sich das „Newsnet“ selbstkritisch zu äussern. Dies gelang dem Internetportal aber nur mässig. Die kritischen Aussagen seien „scheinheilig“, fand der „Beobachter“-Journalist Otto Hostettler in einem Blogeintrag. Hostettler kritisiert, dass auf „Newsnet“ zahlreiche Bildstrecken und Videos mit dem toten Gadaffi veröffentlicht wurden. Später stellt das Newsportal dann plötzlich die „regelrechte Bildorgie“ in Frage. Und Newsnet-Chef Peter Wälty schrieb:

Trotzdem aber muss ich im Nachhinein eingestehen, dass man vor allem am Folgetag auch zurückhaltender mit dem Bildmaterial hätte umgehen können.

In diesem Fall kann man sich darüber streiten – besser eine späte Einsicht als gar keine?

Dass Selbstkritik in vielen Fällen nötig wäre, führt uns der bekannte deutsche „bildblog“ vor Augen. Eine handvoll Autoren decken dort jeden Tag Fehler, Falschaussagen und Merkwürdigkeiten in der Berichterstattung der Boulevardzeitung „Bild“ und anderen deutschen Medien auf. Einer der bekanntesten veröffentlichten Fälle des Blogs betrifft den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein anonymer Schreiber bekennt sich auf „bildblog“, dass er zu Guttenberg auf Wikipedia einen elften Vornamen angedichtet hat – welchen der Grossteil der Medien munter übernahm. Dies lässt erst einmal an den Recherchemethoden vieler Journalisten zweifeln. Genauso erschreckend ist aber, wie sie mit ihrem Fehler in der Öffentlichkeit umgegangen sind.

Die „Bildzeitung“ machte folgendermassen auf ihren Fehler aufmerksam:

Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (…) wurde Opfer einer Fälschung.

Kaum ein Medium hat sich also ausführlich in der Öffentlichkeit mit dem Fehler, und was dieser für den Journalismus bedeuten könnte, beschäftigt. Weil eine Reflexion über das eigenen Tun in den Print- und audiovisuellen Medien grösstenteils fehlt, übernehmen andere diese Aufgabe. Entweder die Konkurrenz, oder auch Blogs, wie  „infamy“ in Basel, das sämtliche Medien der Rheinstadt im Visier hat und auf kleine und grosse Fehler hinweist.

Die „Zeit“, die allgemein als Qualitätsmedium gilt, versuchte die mangelende Selbstkritik im April 2011 mit einem Kraftakt auszugleichen. Unter dem Titel „Was Journalisten anrichten“ übte sie mit einer ganzen Magazin-Ausgabe Selbstkritik. Der Untertitel lautete: „Im Kritisieren sind Medien gut — Selbstkritik fällt dagegen schwer.” Chefredaktor Giovanni di Lorenzo kündigte die spezielle Ausgabe in einem Video an.

Eigentlich ist es ein ehrenwerter Versuch, Selbstkritik in so einem Masse auszüben, da diese normalerweise in der Presse gar nicht oder verschwindend klein ausfällt. Doch die Kritik an der Selbstkritik der „Zeit“ liess nicht lange auf sich warten. Das Fazit des Journalisten Stefan Niggemeier in seinem Blogeintrag über die „Zeit“-Ausgabe fällt harsch aus:

Die übliche Gediegenheit der “Zeit” wird beim Versuch, selbstkritisch zu sein, zu abstoßender Selbstgerechtigkeit.

Und „Clint“ schreibt in einem Kommentar zu Niggemeiers Blog:

Es gab einen guten Satz im ganzen Zeit-Magazin, der das eigentliche Dilemma des Journalismus beschreibt: “Journalisten suchen nicht nach der Wahrheit, sondern nach Geschichten.” Der Umgang mit der Wahrheit und dass diese auf der Suche nach einer guten Geschichte immer öfter auf der Strecke bleibt, war das Thema, was ich nach der großspurigen Ankündigung auf S. 1 der ZEIT erwartet hatte – und weshalb ich mir leider die Ausgabe gekauft habe… große Enttäuschung.

Stark kritisiert hat Niggemeier unter anderem einen Bericht von drei „Zeit-Journalisten“, die ihren Arbeitsalltag reflektieren. Die Selbstkritik, die die Journalisten in diesem Bericht betreiben, beschreibt Niggemeier als „einschläfernd“ und dass es sich dabei nicht um Selbstkritik sondern um „Selbstmitleid“ handle.

Ein gutes Beispiel findet Niggemeier dann doch in der ganzen Zeit-Ausgabe. Er lobt den Artikel von Heike Feller, die erklärt, warum keine Zeitung vor der Finanzkrise gewarnt hatte. Und wieso die Mechanismen des Journalismus so sind, dass sich dies auch beim nächsten Mal wiederholen würde.

Trotzdem zeigt das „Zeit“-Special und der „Newsnet“-Fall: Wenn Medien selbstkritisch sind, gelingt dies oft schlecht und wirkt unglaubwürdig. Dennoch stellt sich noch immer die Frage, wieso Medienkritik nur so selten stattfindet und dann oft misslingt. Ein Blogeintrag auf „Mates‘ Media“ gibt eine mögliche Antwort: Selbstkritik sei gar nicht möglich. Als Hauptgrund nennt der Autor die Verschränkung der Medien als wirtschaftliches Unternehmen und publizistisches Organ. Vor allem die „For Free“-Mentalität hätten den Medien stark zugesetzt. Klassische Medien sähen sich einem „nie dagewesenen Kampf um Aufmerksamkeit“ gegenüber. Der Autor stellt die Frage:

Wie soll ein Medienunternehmen in einer Zeit ultimativen Konkurrenzdrucks wirklich selbstkritisch sein?

Und beantwortet sie folgendermassen:

Journalisten müssen heute gegen die Konkurrenz der eignen Riege, gegen die Konkurrenz der „freien Medien“ (Blogs etc.) und gegen den Druck von PR-Schreiberlingen ankämpfen. Echte Selbstkritik käme in diesem Umfeld einem marketingtechnischem Selbstmord gleich.

Diese Erklärung ist sicher einer der Hauptgründe, warum öffentliche Selbstkritk in den Medien meist ausbleibt. Doch würde ehrliche Kritik über die eigene Berichterstattung nicht auch das Vertrauen der Leser stärken? Erfahren Rezipienten auf anderen Wegen von falscher Berichterstattung „ihrer“ Tageszeitung, ist wohl die Chance auf eine Abokündigung grösser, als wenn sich ein Medium einfach mal ganz ehrlich dazu bekennen würde: „Entschuldigung, das haben wir falsch gemacht“. Der Leser würde ihm wohl eher verzeihen.

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