Wenn der Presserat dreimal klingelt

von Andreas Engel

Mit ihnen beginnt der Arbeitstag für viele Pendler auf dem Weg ins Geschäft, mit ihnen endet er auch, wenn man es sich am Abend in Tram oder S-Bahn gemütlich macht. Die Rede ist von den Gratiszeitungen „20 Minuten“ und „Blick am Abend“. Nicht alles, was in den beiden Blättern steht, genügt den Qualitätsansprüchen eines professionellen Journalismus. Wenn es um eigene Mängel und Verfehlungen geht, scheinen die Gratisblätter nicht allzu selbstkritisch zu sein.

„20 Minuten“ und „Blick am Abend“ zählen zu den auflagenstärksten Tageszeitungen der Schweiz. Doch nicht alle schätzen die gratis verfügbaren Blätter. Die Qualität der Berichterstattung sei nicht ausreichend, zu viele Softnews würden Hardnews vorangestellt. Es würden Zustände „wie in nordkoreanischen Vorstädten“ herrschen, kommentierte Kurt Imhof, Mitherausgeber des „Jahrbuchs 2011, „Qualität der Medien“, die allmorgendliche Fahrt in der S-Bahn.

Nicht nur die Jahrbücher von Imhof und Co. sehen Qualitätsdefizite in den Online- und Gratismedien. In der Medienbranche spricht man von Finanzierungsschwierigkeiten der grossen Printprodukte, welche durch die Gratismedien noch verstärkt würden. Bei billig produzierten, auf SDA-Meldungen basierten Berichten bleibe die Qualität auf der Strecke. Von Qualitätsdefiziten will Hansi Voigt, Chefredakteur von „20 Minuten Online“, nichts wissen. Seine Reaktion auf das Jahrbuch von Imhof folgte in dem Artikel „Falschaussage mit Qualitätsanspruch“. Darin weist Voigt die Vorwürfe zurück und übt selbst Kritik an der Kritik. Doch zu einer qualitativen Zeitung sollte auch die Selbstkritik an eigenen Inhalten zählen. Wie kritisch ist „20 Minuten“ zu sich selbst?

Unverpixelte Bilder

Im Oktober 2010 schockierte ein Bild viele Leser. Es zeigte einen 2-jährigen Knaben, der mit Klebeband an einer Wand befestigt wurde. Dies von seinen Eltern und anscheinend aus reiner Belustigung. Der Artikel mit dem Titel „Kind angeklebt – Mutter muss in Knast“ erschien sowohl in der Printausgabe der Zeitung „20 Minuten“ als auch auf dem Online-Portal „20min.ch“. Das Gesicht des Jungen war auf dem Bild unverpixelt zu erkennen. Daraufhin ging eine anonyme Beschwerde beim Presserat ein. Die Berichterstattung verstosse gegen Ziffer 8 der „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“. Die Veröffentlichung eines Bildes, welches ein misshandeltes Kind zeige, stehe dem Gebot der Menschenwürde „diametral“ entgegen.

Pflichten verletzt

Der Rechtsdienst der Tamedia AG wies die Vorwürfe als unbegründet zurück. Man bestreite nicht, dass die Bilder den Leser betroffen machen, ihn erschüttern und hoffentlich auch Mitleid mit dem Kind erwecken. Das allein stelle aber noch keine Verletzung der Menschenwürde dar. Ganz anders sah es der Presserat, der die Beschwerde guthiess. Das Kind werde durch die Misshandlungen zu einem wehrlosen Objekt degradiert. Journalistinnen und Journalisten seien dazu verpflichtet, die Menschenwürde und das Leid der Betroffenen zu respektieren. Sensationelle Darstellungen, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren, seien untersagt. Die Ziffer 8 der Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten ist verletzt worden.

Doch hätte es die Redaktion überhaupt so weit kommen lassen dürfen? Gibt es keine redaktionellen Sitzungen, an denen Fälle wie dieser im Vornherein diskutiert werden? Ein Interview mit Hansi Voigt, unter anderem zum Thema Blattkritik, ist auf medienkritik-schweiz.ch publiziert. Darin sagt Voigt, dass Blattkritik im Online-Bereich eine knifflige Sache sei. Es gäbe keine institutionalisierte Blattkritik, sondern man kritisiere laufend.

Der Freiwild-Fall

Als Marco Streller und Alexander Frei ihren Rücktritt aus der Schweizer Fussballnationalmannschaft im April letzten Jahres bekannt gaben, ging es hoch zu und her in der Schweizer Medienwelt. Es hagelte Kritik, denn der Zeitpunkt des Rücktritts war sowohl für die Fans und als auch für die Journalisten unverständlich. So gab sich der Tagesanzeiger wenig verständnisvoll und betitelte einen betreffenden Online-Artikel:

Frei und Streller lassen Hitzfeld im Stich

Es sei eine „Majestätsbeleidigung“ gegenüber Trainer Ottmar Hitzfeld. Ins gleiche Horn blies Ex-Fussballtrainer und SRF-Experte Hanspeter Latour in einem Interview mit Radio DRS. Darin kritisierte er ebenfalls Art und Zeitpunkt des Rücktritts, dies aber in einem sachlichen Rahmen. Dicker kam es, besonders für Alex Frei, am 7. April 2011 in einem Artikel der Gratiszeitung „20 Minuten“. Diese titelte: „Nun ist Alex Frei in der Super League Freiwild“. Ein Nati-Captain, der seine Mannschaft mitten in der Qualifikation zur Europameisterschaft hängen liesse, habe kein Anrecht mehr auf Artenschutz. Besonders in fremden Stadien werde ihm in der eigenen Liga „eine steife Brise entgegenwehen“.

Ausschnitt aus 20 Minuten vom 7. April 2011:

Frei ist leicht reizbar, neigt dazu, den Kopf zu verlieren und ist daher eine optimale Zielscheibe. Er und Streller können sich auf das volle Programm einstellen: Pfeifkonzerte und Gesänge ohne Nettigkeiten der gegnerischen Fans sowie Provokationen («Trash Talk») der gegnerischen Spieler. Frei ist zwar nicht mehr in der Nati – aber für Unterhaltung ist weiterhin gesorgt.

Fahler Beigeschmack

Das war zu viel für Spieler und Verein. Am 5. Mai legte der Kommunikationsleiter des FC Basel, Josef Zindel, Beschwerde beim Presserat ein. Unter anderem sollte der Rat beurteilen, ob in dem Artikel berufsethische Normen verletzt würden. Wieder ging es um Ziffer 8, die Menschenwürde. Der Presserat stellt in dem Bericht klar, dass bei solchen Fällen eine Mindestintensität an abwertenden Aussagen gegen eine Person erreicht werden müsse, um herabwürdigend oder diskriminierend zu sein. Dies erfülle der Artikel jedoch nicht und die Beschwerde werde daher abgewiesen.

Ein fahler Beigeschmack bleibt allerdings. Der Presserat kam zum Befund, dass die Verwendung der Termini «Freiwild» und «Artenschutz» als problematisch oder zumindest unbedacht zu beurteilen sind. Doch „die weit zu ziehenden Grenzen der Freiheit des Kommentars sind erst dann überschritten, wenn Kritik jeglichen Bezug zu einer sachlichen Grundlage verliert, zu einer persönlichen Fehde verkommt und den Kritisierten in seinem Menschsein herabwürdigt.“ Für den Rat war der Artikel fragwürdig, die 20 Minuten Redaktion äusserte sich allerdings nicht zu diesem Vorfall, weder im Blatt noch in einer Medienmitteilung. Wäre hier Selbstkritik angebracht gewesen?

Deftiger Glogger

Mit Beschwerden kennt sich Helmut-Maria Glogger gut aus. In seinen Kommentaren in der Rubrik „Glogger mailt“, die täglich auf der letzten Seite der Gratiszeitung „Blick am Abend“ erscheinen, geht es bisweilen deftig zu. In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle, in welchen der Presserat eine Beschwerde guthiess. Der Fall „Binswanger“ sorgte 2009 für Gesprächsstoff. Glogger kommentierte den von Journalist Daniel Binswanger verfassten Artikel „Freipass zu Genozid“, der in „das Magazin“ erschien. Darin warnte Binswanger nach der Abstimmung der Minarett-Initiative vor der SVP-Idee, das Volk künftig auch über völkerrechtswidrige Initiativen abstimmen zu lassen.  Gloggers Kommentar dazu:

Wer gegen Minarette stimmt, stimmt auch für Folter und gibt den ‹Freipass zum Genozid›, also der Vergasung anders Denkender. Schreiben Sie, Binswanger!

Am 22. August 2011 schrieb Glogger in seinem Kommentar an die Adresse des Piper-Verlags, genauer an die Autorin des Buches „Schossgebete“, Charlotte Roche: „Es ist so unterirdisch obszön. Da sassen mehr als zwei gewiefte Ghostwriter dran.“ Die Unterstellung, ein Ghostwriter habe bei dem Werk mitgewirkt, liess sich Roche nicht gefallen. Sie beschwerte sich beim Presserat, die Beschwerde wurde gutgeheissen und „Blick am Abend“ musste daraufhin eine Richtigstellung in der Zeitung publizieren. Nach dessen Erscheinung beschwerte sich Roche erneut, da die Richtigstellung nicht korrekt deklariert gewesen sei und auch der Ort des Erscheinens falsch gewählt wurde. Die Richtigstellung musste nochmals, diesmal korrekt, auf der letzten Seite abgedruckt werden.

Selbstkritik ist selten

Wie sieht es bei „Blick am Abend“ mit einer frühzeitigen Kritik aus? Chefredaktor Peter Röthlisberger liest „Glogger mailt“ täglich vor dem Druck. „Wenn eine Kolumne nicht mit dem Stil unserer Zeitung übereinstimmt oder er eine Person zu sehr attackiert, greife ich ein“, sagt Röthlisberger. Klare Richtlinien scheint es auf redaktioneller Ebene also nicht zu geben.

Bei den beiden Gratisblättern verhält es sich anscheinend ähnlich mit der Selbstkritik. In nur wenigen Ausnahmen wird sie bewusst ausgeübt und muss von aussenstehenden Instanzen in den meisten Fällen erzwungen werden. Diese Entwicklung ist bedenklich. Deshalb wäre besonders bei diesen Gratiszeitungen aufgrund der hohen Reichweite  eine Untersuchung hilfreich, um ihre Tätigkeiten im Bereich der Selbstkritik zu analysieren.

2 Gedanken zu „Wenn der Presserat dreimal klingelt

  1. Recherchehinweis an den gewieften Medienkritiker: Frag mal bei deinem zitierten Kurt Imhof nach, ob und wieviele Gratismedien er für sein Jahrbuch untersucht hat – und ob „Blick am Abend“ in der Studie eingeschlossen war. Sind gespannt auf deine Antwort.

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    1. Andreas Engel

      Natürlich muss festgehalten werden, dass das Jahrbuch 2011 von Kurt Imhof nicht über alle Zweifel erhaben ist, bzw. auch selbst grosse Kritik einstecken musste (vgl. „Falschaussage mit Qualitätsanspruch). Ich wollte das Jahrbuch als Referenz auch nicht übermässig prominent darstellen. Dennoch finde ich eine konstruktive Debatte über das Thema Selbstkritik wichtig.

      Denn nebst Imhof und Co. sprechen beispielsweise auch Colin Porlezza und Stephan Ruβ-Mohl davon, dass Medienjournalismus in der Schweiz zunehmend, mit Ausnahme von wenigen Zeitungen (NZZ, AZ), vom Aussterben bedroht ist (vgl. Porlezza/ Ruβ-Mohl 2011: The Principle of Diversity). Dies ist nicht nur auf die Gratiszeitungen, sondern allgemein auf die Medienbranche, zu übertragen. Bei der Auflagenstärke von „20 Minuten“ und „Blick am Abend“ finde ich eine separate Thematisierung dieses Sujets aber als notwendig. Natürlich heisst das nicht, dass andere Tageszeitungen mehr Selbstkritik üben.

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