«Müssen nicht jeden Schrott melden»

Von: Reto Stauffacher
27. März 2012

Fast alle Nachrichtenmedien in der Schweiz nutzen die Dienste der Agentur Sportinformation SI, eine Tochter der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Jahrzehntelang galt die Sportagentur als glaubwürdiger Nachrichtenlieferant mit einer hohen Qualität. In letzter Zeit sind vermehrt kritische Stimmen aus Redaktionen zu hören: Die SI habe die Online-Entwicklung verschlafen. Chefredaktor Peter Lerch nimmt Stellung zu diesem Vorwurf, erklärt die publizistischen Leitlinien und verteidigt die Arbeitsweise seiner Agentur.

Die Sportinformation (bekannt unter dem Kürzel SI) ist die einzige Sportnachrichten-Agentur der Schweiz. Die Agentur, die im Jahr 1922 in Zürich gegründet wurde, beschäftigt in Genf und Zürich 45 Mitarbeiter. Daneben betreibt die SI  auch die Telefon-Kurzwahlnummer 164, die Rund um die Uhr über Sportergebnisse informiert. Die SI ist eine Tochterfirma der SDA, der Schweizerischen Depeschenagentur.

In den letzten Jahren ist der SI, die jahrzehntelang unbestritten war und grosses Ansehen genoss, durch das Aufkommen des Internets starke Konkurrenz erwachsen. Kritiker monieren, die SI sei viel langsamer als die grössten Newsportale im Internet und biete erst noch weniger Inhalte. Zudem wird der Sportagentur vorgeworfen, sie nütze ihre Monopolstellung aus und behandle die Onlineportale stiefmütterlich, wie in Gesprächen mit Sportjournalisten immer wieder zu hören ist.

Peter Lerch, seit mehr als 10 Jahren der Chefredaktor der SI, nimmt im Interview Stellung zu diesen Vorwürfen. Der Berner Journalist äussert sich zudem zur Monopolstellung seiner Agentur, ob seine Redaktoren dem Teletext abschreiben und über den perfekten Sport-Journalisten.

Peter Lerch.

Peter Lerch.

Wenn es um die SI geht, hört man von Sportjournalisten immer wieder Vorwürfe wie «langsam», «schlecht geschrieben» oder «Schachtelsätze». Dringt diese Kritik bis zu Ihnen vor?

Peter Lerch: Bei einer umfassenden Kundenbefragung, die wir das letzte Mal 2009 durchgeführt haben, haben wir gute Kritiken erhalten. Schnelligkeit, Zuverlässigkeit, Richtigkeit und Qualität unserer Dienstleitung wurden grundsätzlich gelobt. Wenn wir an einem Abend mal zu spät sind für eine Zeitung, weil diese den Redaktionsschluss einhalten muss, oder wenn wir Fehler machen, dann melden sich die Redaktionen in der Regel sehr schnell bei uns.

Wir haben gute Kritiken erhalten. – Peter Lerch

Die SI wirbt mit folgendem Satz: «Die SI liefert die Informationen rasch und umfassend an ihre Kunden». Rasch und umfassend, das beisst sich doch…

Es gibt News und News. Es gibt die planbaren Sachen, zum Beispiel ein Fussballspiel, bei dem man weiss, dass es um 17:45 Uhr zu Ende geht. Es gibt aber auch Themen, zu denen wir recherchieren oder die wir analysieren müssen, zum Beispiel wenn ein Fussball-Trainer vor der Entlassung steht. Für uns gilt aber: Wir wollen lieber einige Minuten zuwarten und verifizieren, ob alles stimmt, als einen Schnellschuss landen. Geschwindigkeit ist nicht alles.

Online-Medien zeichnen sich vor allem durch ihre Schnelligkeit aus, insbesondere im Sportbereich. Es gibt Live-Ticker, Live-Center und Online-Datenbanken. Sind Online-Medien keine Konkurrenz für die SI?

Naja, in der Schweiz sind ja die meisten Seiten immer noch auf uns abgestützt. Die NZZ zum Beispiel oder viele Regionalblätter wie die Südostschweiz sind froh, dass sie nach Spielschluss eine SI-Meldung online stellen können. Sie investieren ihre Kapazitäten dann in eigene Recherchen.

Geschwindigkeit ist nicht alles. – Peter Lerch

Die Online-Medien zählen nicht zu Ihren Hauptkunden?

Wir haben den Onlinedienst, in dem wir die sportlichen Highlights verwerten, zum Beispiel jedes Spiel von Roger Federer. Wir bringen dort jene Meldungen, von denen wir ausgehen, dass diese die Online-Kunden interessieren. Daneben haben wir den sogenannten Basisdienst. Dieser ist vor allem für Printmedien gedacht und dort bieten wir ein sehr breites Angebot an analysierenden und hintergründigen Texten wie auch viele Resultate und Tabellen.

Hat es für eine Agentur nicht oberste Priorität, schneller zu sein als die Online-Medien?

Wie gesagt, Geschwindigkeit ist nicht alles. Wir haben die viel grössere Verantwortung als all diese Medienportale. Wenn wir etwas melden, ist das sofort in allen Kanälen sichtbar und nicht mehr auszulöschen. Und wenn diese Meldung nicht stimmt, dann ist das für uns der absolute Horror. Wir melden etwas erst, wenn wir wissen, dass es tatsächlich stimmt. Vielleicht wird uns diese Tatsache manchmal als ‚langsam‘ ausgelegt.

Wie entscheidet die SI, welche Meldungen verbreitet werden?

Je populärer die Sportart ist, desto detaillierter und ausführlicher informieren wir. Bei kleineren Sportarten haben wir den Anspruch, alles zu melden, das einen Schweizer Kontext aufweist – das kann Curling sein, unter Umständen aber auch Boccia. Ich nenne ein Beispiel: Wenn in der DEL (Deutsche Eishockey-Liga, die Red.) ein Schweizer Trainer entlassen wird, dann melden wir das natürlich. Wenn in der Schweiz ein Deutscher ein Golfturnier gewinnt, dann melden wir das aber auch. Wir müssen aber je länger je mehr aufpassen, dass wir als Agentur nicht alles verbreiten, was herumfliegt. Es gibt Scharlatane und Revolverblätter, die irgendetwas behaupten, um ihre Auflage zu steigern. Da kommt jeden Tag so viel Schrott daher, wir müssen nicht auf alles aufspringen.

Schreibt ihr eigentlich manchmal dem Teletext ab?

(lacht) Abschreiben nicht, nein. Aber natürlich schauen wir neben vielen anderen Medienportalen auch im Teletext nach, was los ist. Es kann durchaus sein, dass eine Nachricht zuerst im Teletext kommt.

Die SI hat eine Monopolstellung in der Schweiz. Hättet ihr gerne etwas Konkurrenz?

(überlegt) Das ist schon schwierig. Wir können machen, was wir wollen, es heisst immer: ‚Ihr habt ja sowieso keine Konkurrenz, die Medien sind eh auf euch angewiesen‘. Diese Meinung kann man haben, das gebe ich zu, denn Konkurrenz ist tatsächlich nicht vorhanden.

Heisst es nicht vor allem im Sport, dass Konkurrenz die Leistung fördert?

Ich verlange, dass wir jeden Tag in der Annahme arbeiten, dass wir plötzlich Konkurrenz haben könnten. In Deutschland aber ist die Situation nicht besser: Dort gibt es zwei grosse Sportnachrichten-Agenturen, die SID und die DPA. Diese beiden Agenturen bekämpfen sich aber derart, dass die Sprache darunter leidet. Dort kommen die Texte zwar mit Spielschluss rein, sind aber standardisiert und immer gleich. Das ist unschön. Ich will nicht, dass wir pressieren, sondern dass wir einen Kompromiss finden zwischen Schnelligkeit und Qualität.

In jedem Spiel gibt es Gewinner und Verlierer. – Peter Lerch

Welche Fähigkeiten muss ein Journalist mitbringen, damit er bei der Sportinformation arbeiten kann?

Er muss gut schreiben können, aber vor allem braucht er ein umfassendes Sportwissen. Wir stellen nur Leute ein, die vorher einen rund dreistündigen Test durchlaufen haben. Früher war es noch anders, da haben wir die Leute aufgrund ihrer Berufserfahrung angestellt, doch damit haben wir manchmal schlechte Erfahrungen gemacht.

Was ist das schlimmste, was einer Agentur passieren kann?

Falschmeldungen. Und vor allem bei Todesfällen müssen wir sehr aufpassen. Wir hatten vor einigen Jahren einen Fall, da hat eine Journalistin aus dem Tessin angerufen und erzählt, dass Geo Mantegazza (Mäzen des HC Lugano, die Red.) bei einem Autounfall gestorben sei. Nach einer Stunde hat sich dann aber herausgestellt, dass die verunfallte Person jemand völlig anderes war. Zum Glück haben wir damals zugewartet…

Die SI ist auch der Objektivität verpflichtet…

Wenn wir einen Bericht über ein Fussball-Spiel schreiben, dann bieten wir die nackten Zahlen, die Fakten. Wir reichern den Text aber auch mit Wertungen an, denn in jedem Spiel gibt es Gewinner und Verlierer. Ist die Handschrift des neuen Trainers erkennbar? Seit wie vielen Spielen wartet dieser Stürmer auf ein Tor? War er ein Fehleinkauf? Das ist der grosse Unterschied zum politischen Journalismus: Die sportliche Berichterstattung ist niemals wertefrei, das geht nicht.

Peter Lerch, Jahrgang 1958, arbeitet seit mehr als 18 Jahren bei der Sportinformation in Zürich. Davor war er während 9 Jahren bei der Berner Zeitung in den Ressorts Sport und Stadt Bern tätig. Er studierte Germanistik, Latein und Griechisch und arbeitete in den Anfängen auch als Sekundarlehrer im Kanton Bern. Seinen Wohnort Olten hat er als Kompromiss ausgewählt zwischen seinem Arbeitsort Zürich und seinem Heimatort Bern. «Ich habe einen Traumberuf», sagt Lerch. «Ich bin schon seit meiner Kindheit sehr sportinteressiert, aber mich fasziniert auch die Umsetzung von Sprache. Beides kann ich in diesem Job vereinen.»

Tags: , , , ,

Category: Aktuell | RSS 2.0 | Give a Comment | trackback

No Comments

Kommentieren

label for=/a