In den Zahlen steckt mehr

von Jerome Zech

Schweizer Medien berichten vor allem dann über die WEMF-Zahlen, wenn die eigenen Leserzahlen einen Sprung nach vor gemacht haben. Dabei böte die Studie mehr: Sie widerspiegelt im Halbjahrestakt die Befindlichkeit der Branche. Ausser von Fach- und Spezialmedien wird diese Vorlage aber nicht genutzt.


Die MACH Basic der AG für Schweizer Medienforschung (WEMF) gehört zu den wichtigsten Studien für die Schweizer Presselandschaft. Wie auf der WEMF-Website zu entnehmen ist, gilt die MACH Basic Studie als „Die offizielle Währungsstudie der Schweizer Presse“. Durch sie können sowohl die Werbewirtschaft wie auch die Verleger Informationen über die Nutzerschaft der verschiedenen Produkte gewinnen.

Die Mitte März publizierten Zahlen zeigten einmal mehr, dass die Printmedien weiterhin Leser verlieren. Obwohl der Grossteil der Medien über die WEMF-Zahlen berichtete, so fehlte es doch an analytischen und prognostischen Artikeln über dieses Thema. Es hat den Anschein, dass sie die ein weiteres Mal sinkenden Zahlen am liebsten unter den Teppich kehren würden.

Auf 20min.ch , SF.tv , oder Tageswoche.ch wurden am Tag der Veröffentlichung der Zahlen jeweils kurze Berichte publiziert. Auf NZZ.ch sah es grundsätzlich ähnlich aus, auch wenn Rainer Stadler ein wenig weiterging und versuchte, die Zahlen zusätzlich mit der Zuwanderung zu verknüpfen. Auf Tagesanzeiger.ch erschien – am 21. März – ein Bericht, der den Fokus auf die Zunahme der Leserschaft bei Gourmettiteln in der Schweizer Presselandschaft legt. Ansonsten wird bei TA/Newsnet nicht weiter auf die WEMF-Zahlen eingegangen. Aber nicht nur online, sondern auch in den Printprodukten sieht es so aus.

Erwähnenswert ist zudem, dass auf kleinreport.ch am 20. März von einer Stagnation der Leserzahlen berichtet wurde:

„Die grossen Tageszeitungen der Schweiz konnten ihre Leserschaft gemäss der Studie Mach Basic 2012-1 der Wemf in grossen Teilen halten.“

Einen Tag später war dann aber von einem

„Sinkflug bei den Leserzahlen“

die Rede. Es ist anzunehmen, dass die Zahlen erst am zweiten Tag genauer betrachtet wurden. Die Analyse der Zahlen fiel aber auch auf kleinreport.ch erstaunlich spärlich aus. Auf Persoenlich.com konnte man dagegen etwas ausführlicher nachlesen, wie Manfred Strobl, CEO der Omnicom Media Group die Zahlen interpretiert.

Ein leichtes Schmunzeln entlockte der Artikel auf blick.ch zu diesem Thema. Beim Lesen bekam man das Gefühl, dass nicht etwa die Redaktion, sondern die Marketingabteilung für den Bericht verantwortlich war. Sätze wie

„BLICK bleibt damit mit weitem Abstand die meistverkaufte Tageszeitung der Schweiz“ oder „Wir danken Ihnen für das Vertrauen“

zum Schluss des Artikels klingen doch ein wenig seltsam.

Schliesslich gibt es nur ein einziges Medium, das die WEMF-Zahlen genauer unter die Lupe nahm: Auf onlinereports.ch erschienen zwei grössere Artikel (Artikel 1 / Artikel 2) zu diesem Thema. Beide beschränken sich im Grossen und Ganzen auf die Situation in der Nordwestschweiz. Sie enthalten aber sowohl Analysen:

„Nach den ersten Turbulenzen um die „Basler Zeitung“ haben sich die Leserzahlen bereits wieder stabilisiert. (…) Doch die Ruhe ist trügerisch. (…) Eine mögliche Erklärung: Die im Herbst 2010 gekündigten Abos liefen erst nach und nach aus. Zudem wurde die BaZ in dieser Zeit umso intensiver gelesen und ihr Kurs beobachtet, und Somms provokante Leitartikel wurden breit diskutiert.“ (Artikel 1)

und Prognosen, beispielsweise zum Verhältnis zwischen der Tamedia AG und der BaZ:

„ Die Zürcher können mit der „20 Minuten“-Auflage Druck von der BaZ wegnehmen – ihn aber auch jederzeit wieder erhöhen. Frei nach dem Motto: Und bist du nicht kooperationswillig, dann erhöhe ich die Auflage.“ (Artikel 2)

Bis auf onlinereports.ch hat sich also kein Medium dafür entschieden, ausführlicher über die Zahlen zu berichten. Die Medien bemängeln zwar oft, dass die Medienwissenschaft keine Ahnung von der Praxis hätte und daher oft unangebrachte Kritik anbringe. Dennoch lassen sie Elementares wie die Veröffentlichung der neuesten WEMF-Zahlen unkommentiert. Um sich dann wieder zu mokieren, wenn beispielsweise Kurt Imhof im Jahrbuch „Qualität der Medien“ seine Interpretation der rückgängigen Zahlen veröffentlicht?

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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