Journalistische Gratwanderung zum „Fall Breivik“

von Fabienne Eichelberger

Kaum eine Redaktion ist in den letzten Tagen um die Diskussion herumgekommen, wie sie über den Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Breivik berichten soll. Die Medien haben unterschiedliche Strategien gewählt.

Während Schweizer Medien grösstenteils ihre Strategie stillschweigend in die Tat umsetzen und so berichten, wie sie es für angemessen halten, machten einige deutsche Medien die Resultate ihrer Diskussionen und den redaktionellen Prozess öffentlich. Eine spezielle Lösung hat die norwegische Boulevardzeitung „Dagbladet“ gefunden. Auf ihrer Online-Seite können die Leser einen Button angeklicken, woraufhin alle Artikel zum Attentat verborgen werden.

Was richtig und was falsch ist, soll an dieser Stelle nicht zur Debatte stehen und kann auch nicht abschliessend beantwortet werden. Sicher ist nur, dass die Berichterstattung für alle Journalisten eine Gratwanderung ist. Sie müssen sich der Frage stellen, ob mit ihren Artikeln eine furchtbare Ideologie verbreitet wird oder ob damit eine für den Leser wichtige Einordnung der Ereignisse vorgenommen werden kann.

Zum Dilemma wird der Fall für die Medienschaffenden, da Breiviks Absichten offensichtlich sind.

Er hat immer wieder betont, dass Journalisten wichtige Werkzeuge sind, um ihm eine Bühne zu bieten

erklärte Per Arne Kalbakk, Programmdirektor des norwegischen öffentlich-rechtlichen Senders NRK gegenüber dem Medienmagazin ZAPP.

Über Breivik zu berichten muss jedoch nicht gleichzeitig heissen, seine Ideologien ungefiltert der breiten Masse zugänglich zu machen. So schreibt die Zeit: „Früh haben wir uns entschlossen, seine Posen, die Triumphgesten, seine Fotos in Uniform nicht abzubilden.“ Dass nicht ganz auf die Berichterstattung verzichtet wird, begründet die Zeit wie folgt: „Menschenverachtende Ideologien verschwinden nicht, indem man sie totschweigt.“

Zu einem ähnlichen Schluss kam man bei der FAZ. Sie teilte ihren Lesern mit: „Auch in so einem Fall bleiben wir bei unseren Regeln und Gesetzen. Wäre ja noch schöner, wenn man Breivik zuliebe den Grundsatz der Öffentlichkeit von Strafverfahren hintergehen würde.“ Zuspruch findet die FAZ bei der Süddeutschen, die sich direkt auf diesen Artikel, respektive dessen Autor, Nils Minkmar, bezieht: „Er hat recht. Die richtige und genaue Auseinandersetzung mit dem Fall gehört zu unserem Beruf – eine Auseinandersetzung ohne etwas zuzuspitzen und ohne etwas zu verharmlosen.“

Dass die deutschen Medien ihren Lesern erklären, vor welchen Problemen sie im Fall Breivik stehen und wie sie gedenken, damit umzugehen, kommt in der Medienwelt gut an. Zahlreiche Male wurden die genannten Artikel über Facebook und Twitter verbreitet. Christof Moser, Redaktor beim Sonntag, bezeichnet das Vorgehen als vorbildlich:

Medienschaffende müssen ihren Lesern transparent machen, warum die Berichterstattung auch in diesem Fall wichtig ist. Damit werden erstens die Leser ernst genommen und zweitens die Wichtigkeit journalistischer Arbeit betont.

 

Auch Urs Holderegger, Leiter NZZ Online, beurteilt das Vorgehen der genannten deutschen Medien als gut. Er gehört zu den wenigen Schweizer Journalisten, die auf Twitter Stellung nahmen zum Prozess:

Auf Nachfrage gab Holderegger bekannt, dass redaktionsintern darüber diskutiert wurde, diese Haltung nicht nur der Twitter-Gemeinde, sondern allen Lesern transparent zu machen. Zwar sei schliesslich darauf verzichtet worden, möglicherweise folge aber noch ein Artikel, in dem der eigene Umgang mit solchen Themen behandelt werde.

Der bislang einzige Artikel eines Schweizer Mediums zur Berichterstattung über den Fall Breivik wurde am 22. April 2012 im Sonntag veröffentlicht. Geschrieben hat ihn Mosers Redaktionskollege Kurt-Emil Merki, der die Berichterstattung des SF im Vergleich mit der ARD und die des Blicks im Vergleich mit der Bild-Zeitung untersuchte. Dabei wurde thematisiert, dass der Prozess „ein Dilemma für die Medien“ darstelle, der redaktionsinterne Umgang damit wurde aber nicht angesprochen. Laut Merki aus dem Grund, dass der Prozess vor allem ein Thema für die Tagespresse und Online-Medien sei. Da für den Sonntag eine Prozess-Berichterstattung nicht zur Diskussion stand, galt es auch nicht, einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten, respektive diesen den Lesern zu erläutern.

Dass auch die anderen Schweizer Zeitungen ihre Haltungen und Strategien zur Berichterstattung nicht öffentlich gemacht haben, erklärt sich Merki mit der geringen Anzahl von Medienjournalisten. Da neben dem Sonntag nur noch die NZZ eine Medienseite führt, sei auch nicht zu erwarten, dass Schweizer Zeitungen ein Medienthema vertiefend analysieren.

Laut Christof Moser ist der Reflexionsgrad in Schweizer Medien allgemein kleiner als in Deutschland:

Kritik von Wissenschaft, Medienkritikern und Leserschaft wird in der Schweiz zu wenig ernst genommen.

Moser ist der Meinung, dass die kritische Begleitung und Überwachung der Justiz zu den wichtigsten Aufgaben des Journalismus gehöre. Er hält es für wichtig, dass der Leser auch mit unangenehmen Dingen konfrontiert wird, was er auch auf Twitter und Facebook zum Ausdruck brachte.

Mit seiner Frage löste Moser eine rege Diskussion aus. Während die einen der Meinung waren, dass auf eine Berichterstattung verzichtet werden soll, fanden andere, dass der Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten werden soll, den Prozess zu verfolgen.

Wie über den Prozess in Norwegen informiert werden soll, ist für Moser klar:

Die Regel ist relativ simpel: Keine Sensationslust, sondern nüchterne, einordnende Berichterstattung.

Die Lösung der norwegischen Zeitung „Dagbladet“ halten Merki, Moser und Holderegger für problematisch. Merki meint dazu:

Ich finde es ehrlicher, wenn sich eine Redaktion entweder für oder gegen die Berichterstattung entscheidet.

Dem „sowohl als auch“ hafte etwas hypokritisches an. Man signalisiere dem Leser, dass man den Prozess eigentlich ignorieren wolle, macht aber der Zielgruppe, welche die Informationen erwartet, gleichzeitig ein Angebot.

Holderegger, Redaktionsleiter NZZ Online, ist gleicher Meinung:

Entweder stehe ich als Redaktor oder als Medium dafür ein, eine Geschichte zu bringen, oder ich verzichte darauf.

Und auch Nils Minkmar, der Autor des FAZ-Artikels, scheint dies ähnlich zu sehen: „Es gibt keinen Filter, keinen Button und keine Wortwahl, die uns das Grauen erspart, das der rechtsradikale Täter bereitet hat. Eine klare und schonungslose Berichterstattung in Wort und Bild, die Präzision darin, das ist die wirksamste Waffe der Medien, ihre vornehmste Aufgabe und im Übrigen auch ihr Job.“

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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