Wenn sich Medien mit Hobby-Paparazzi einlassen

von Dominic Wuillemin

Leserreporter können wertvolle Informationen liefern, zu denen eine Redaktion keinen Zugang hat. Wenn sich die Bürger-Fotografen aber als Hobby-Papparazzi verstehen, ist vor der Veröffentlichung grosse Vorsicht angebracht. Ein Bild hat keinen Informationswert, nur weil es Blut, Blech oder Busen zeigt.


Im Gegensatz zu den Journalisten wissen die Leute auf der Strasse nicht, was sie tun dürfen und was nicht. Sie können zum Beispiel nicht einschätzen, ob Persönlichkeitsrechte von Angehörigen verletzt werden,

sagt der Deutsche Medienethiker Rüdiger Funiok gegenüber 20min.ch.

Grund für seine Aussagen ist ein Leservideo, dass eine schreckliche Szenerie zeigt. Ende März verunfallt ein Fahrzeug auf der Flucht vor der Polizei unter der Europabrücke in Zürich. Ein 16-jähriges Mädchen stirbt. Vier weitere Jugendliche werden teilweise schwer verletzt. Alleine die Schilderungen des Unfalls erschüttern.

Der Blick lockt Leserreporter mit viel Geld an. Bild: blick.ch

Doch bald darauf erreicht die Berichterstattung eine neue Dimension. Der Blick sowie TeleZüri veröffentlichen das eingangs erwähnte Video, welches ein Augenzeuge kurz nach dem Unfall gefilmt hat. Zu sehen ist der Fahrer, seine blutüberströmten Hände. Das Gesicht des 17-Jährigen ist zwar nicht erkennbar, man sieht aber wie er umher irrt, sagt, dass er keinen Ausweis habe und wie viele Personen sich noch im Fahrzeug befänden. Im Hintergrund hört man Schreie einer weiteren Person.

Während der Blick nach ein paar Stunden das Video nur noch mit Untertitel und ohne Ton zeigt, kann man es auf telezueri.ch immer noch in seiner ganzen schockierenden Form sehen.

Noch im Jahr 2007 wurde den Usern auf NZZ-Online erklärt, was ein Leserreporter sei. Heute wäre dies nicht mehr nötig. Zu allgegenwärtig sind die Artikel, welche auf Grund von Lesern und deren Informationen, Bilder und Videos zustande gekommen sind. In der Schweiz sind solche Berichte besonders häufig bei 20 Minuten und Blick und deren Onlineportalen zu finden. 20min.ch-Chefredaktor Hansi Voigt spricht gegenüber der Tageswoche von 70 bis 100 Zusendungen pro Tag. Bei Naturphänomenen seien es schnell Tausende von Einsendungen. Er hält aber fest:

Es ist ausserordentlich wichtig, dass wir verdeutlichen, was wir warum sichtbar machen. Würden wir schockierende Bilder publizieren, wir würden laufend mehr davon erhalten.

Die von Voigt angesprochenen Grundsätze gelten nicht für alle Medien, wie der Unfall bei der Europabrücke in Zürich zeigt. Die Tageswoche fordert auch deshalb, dass sich die Gesellschaft „mit einer Form der Medienkompetenz beschäftigen“ muss. Mit dem Argument:

dass immerhin jeder, der autofahren will, einen Nothelferkurs und jeder Hundekäufer einen Hundehaltungskurs besuchen muss.

Diesem Votum widerspricht Tageswoche-Leser Konstantin Escher in dem er die Gatekeeper-Rolle der Medien hervorhebt:

Die Medien haben eine Gatekeeper-Funktion, die haben die Aufgabe, Inhalte zu filtern, Inhalte nach Relevanz zu ordnen. Wenn Videos wie das hier diskutierte gezeigt werden, haben die MEDIEN versagt und nicht der Junge. Soll er doch so ein Video drehen und es auf sein Facebook-Profil stellen. 10 Leute hätten es gesehen, 2 hätten es geliked und 8 hätten ihn gefragt, ob er noch ganz dicht ist. So what? Es zu nutzen und Tausenden von Menschen zugänglich zu machen, das ist das Perverse, das Asoziale.

Und fordert weiter:

Die Medien, und zwar ALLE, müssen sich schnellstens mal wieder entspannen und auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Ihr müsst die Gesellschaft erziehen, nicht anders herum. Schiebt diese Verantwortung nicht von euch weg, indem ihr mehr Medienkompetenz fordert, das ist scheinheilig.

Klar ist, Medien werden im digitalen Zeitalter immer mehr mit dieser Problematik konfrontiert. Natürlich wäre es wünschenswert, würden Amateurreporter bevor sie auf den Abzug oder die Record-Taste drücken, ihr Tun auf ethische und moralische Aspekte prüfen. Aber solange die Medien Geld und ein Stückchen Ruhm für dieses Handeln bieten, wird diese Selbstreflexion nicht eintreffen. Deshalb ist es um so wichtiger, dass sich die Medien ihrer verantwortungsvollen Rolle bewusst sind und jedes von Leserreportern zugestellte Material vor der Veröffentlichung doppelt und dreifach prüfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.