So foutiert sich der „Blick“ um den Presserat

von Matthias Oppliger

Regelmässig rügt der Presserat die Berichterstattung des „Blick“. Das kümmert die Zeitung wenig. Sie schrieben für die Leser und nicht für den Presserat, sagt der Chefredaktor. Die Thematisierung der eigenen Fehltritte überlässt man der Konkurrenz.

In den letzten Wochen gab es zahlreiche Gelegenheiten, sich über die Berichterstattung der Ringier-Medien, namentlich der verschiedenen „Blick“-Titel, aufzuregen. Ein Blick in die Kommentarspalten, in die medienkritischen Blogs und in die Twitter-Timeline zeigt: Diese Fälle überschreiten nach einhelliger Meinung publizistische und medienethische Grenzen.

Nicht nur bei kritischen Worten wollte es im Herbst des letzten Jahres der Blogger Philipp Wampfler belassen. Er reichte gegen die „Blick“-Titel eine Beschwerde beim Presserat ein. Stein des Anstosses war die „Petarden-Trottel“-Kampagne. Am 8. Februar hiess der Presserat diese Beschwerde nun teilweise gut.

Verzicht auf Stellungnahme

Liest man den Entscheid durch, fällt auf, dass der „Blick“ auf eine Stellungnahme zu der eingereichten Beschwerde verzichtet. Dieses Recht des Beschwerdegegners, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, ist im Reglement des Presserates verankert und steht jedem zu. Was sagt das nun aber aus, wenn sich ein Medium nicht einmal zu einer derartigen Beschwerde äussern will? Gemäss Edi Estermann, Leiter Kommunikation bei Ringier, obliege die Entscheidung, ob Stellung genommen werden soll, der betroffenen Redaktion.

Erachtet die Chefredaktion eine Stellungnahme als nicht notwendig, nicht angebracht oder nicht zwingend, dann machen wir nicht von diesem Recht Gebrauch. Dies ist aber die Ausnahme und nicht die Regel.

Beim Presserat selbst macht man aber eine andere Erfahrung. Gemäss Martin Künzi, Fürsprecher des Presserates, sei inbesondere bei den „Blick“-Titeln in den letzten Jahren vermehrt auf die Stellungnahme verzichtet worden.

Problematischer als der Verzicht auf die Stellungnahme ist unserer Meinung nach aber das Nichtbefolgen der Abdruckpflicht.

Die „Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten“ sieht in der Präambel nämlich vor, dass zumindest eine kurze Zusammenfassung der Stellungnahmen des Presserates, die das eigene Medium betreffen, abgedruckt werden sollte. Und dies geschehe gerade beim Ringierverlag selten bis nie, sagt Künzi. Man sei aber daran, die Verlage – denn nicht nur Ringier tut sich schwer mit dieser Form der Selbstkritik – diesbezüglich zur Einsicht zu bewegen. Dies erfordere aber wohl noch eine grosse Sensibilisierungsarbeit, zeigt sich Künzi verhalten optimistisch.

Keine Zeilen für Selbstkritik

Sensibilisierung tut dringend Not, denn bei Ringier ist man der Auffassung, dass es ausreicht, wenn Presseratsentscheide von der Konkurrenz publiziert werden. Edi Estermann dazu:

Presserats-Entscheide im Zusammenhang mit Ringier werden von den Mitbewerbern jeweils umgehend aufgegriffen und thematisiert. Dies entbindet uns zwar nicht von der Verpflichtung, Entscheide zu publizieren, der Aufmerksamkeit ist dann aber doch meist Genüge getan.

Von einer beinahe abschätzigen Haltung gegenüber dem Presserat zeugt eine Aussage des „Blick“-Chefredaktors Ralph Grosse-Bley. Dieser liess sich in einem Ringier-internen Interview mit Mediensprecher Estermann folgendermassen zitieren:

Wir machen die Zeitung nicht für den Presserat und die Medien-Journalisten der Konkurrenz.

Philipp Cueni, unter anderem Chefredaktor bei EDITO+Klartext und Stiftungsratspräsident ad interim des Presserates, findet diese Aussage erstaunlich. Keine Redaktion schreibe ihre Texte für den Presserat. Aber die Medienschaffenden und Medienunternehmen hätten sich auf den berufsethischen Kodex des Presserates geeinigt, um einen fairen Journalismus anzustreben.

Im Hause Ringier fehlt es also zuweilen an Kooperationsbereitschaft und Anerkennung des Presserates. Sind Beschwerden gegen die „Blick“-Zeitungen demnach sinnlos? Cueni verneint. Eine Wirkung hätten Entscheide des Presserates trotzdem. Er sei überzeugt, dass sie im Hause Ringier zumindest intern zur Kenntnis genommen und diskutiert würden. Ausserdem, sagt Cueni,

geht es darum, über die Diskussion an Fällen Normen zu konkretisieren und die medienethische Sensibilisierung zu schärfen – für die Journalisten aller Medienhäuser.

Die Beziehung – wenn man überhaupt von einer solchen sprechen will – zwischen dem Presserat und Ringier ist also etwas einseitig ausgestaltet. Bleibt zu hoffen, dass die dringend nötige Schärfung des medienethischen Bewusstseins bei allen Medienhäusern und insbesondere bei Ringier trotzdem bald stattfindet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.