Ach ja, da war mal was

von Fabian Baumann

Immer mal wieder entflammen Diskussionen darüber, ob ein gezeigtes Bild gegen medienethische Grundsätze verstosse. Dieses Frühjahr gab das Car-Unglück im Wallis viel zu reden. 

Die Kritik über die Berichterstattung des «Blick» zum Carunfall und insbesondere die Publikation von Fotos der beim Unglück getöteten Kinder war heftig, hielt jedoch nicht lange an. «Blick» Chefredaktor Ralph Grosse-Bley widersprach im März jeglicher Kritik mit den Worten:

Wir haben Emmas Geschichte, die der Vater der Welt erzählen wollte, gedruckt. Wir würden es wieder tun, um die Tragödie, bei der 22 Kinder starben, begreifbar zu machen.

Grosse-Bleys Stellungnahme erhielt auf Twitter eine letzte Replik. Danach wurde es still.

Wie es scheint, ist die gesamte Kritik in den Weiten des Internets verhallt. Wer sich nicht von Berufes wegen mit Medien befasst, erinnert sich wohl nicht mehr an die aufgeregte Debatte. Wie so oft echauffiert sich eine kleine Gruppe medienaffiner Personen, zumeist selber Journalistinnen und Journalisten,  kurz und heftig über ein Thema, um es danach wieder zu vergessen. Als weiteres Beispiel mag auch die «Weltwoche» dienen, welche mit dem Roma-Cover Anfang April eine kurze aber heftige Kontroverse ausgelöst hatte.

Wie es scheint, ist das erweiterte Publikum jedoch weitgehend vom medienkritischen Diskurs ausgeschlossen. Das könnte auch erklären, weshalb bis heute keine Beschwerde beim Schweizer Presserat gegen die kritisierte «Blick»-Berichterstattung einging. Wie Martin Künzi vom Sekretariat des Presserats auf Anfrage mitteilt, wird das Presseratsplenum Mitte Juni darüber entscheiden, ob der Presserat die Berichterstattung von «Blick» und anderen Medien zum Carunfall von sich aus aufgreift. Dass Kritik so schnell verpufft ist bedenklich, denn solcher Art Berichterstattung ist schon lange keine Seltenheit mehr, wie Kollege Matthias Oppliger in diesem Blog bereits treffend bemerkt hatte. Dass das Medium aus dem Hause Rignier sich um Kritik des Presserats und um medienethische Grundsätze zuweilen wenig kümmert, ist reichlich dokumentiert. Matthias Oppliger schliesst mit den Worten:

Bleibt zu hoffen, dass die dringend nötige Schärfung des medienethischen Bewusstseins bei allen Medienhäusern und insbesondere bei Ringier trotzdem bald stattfindet.

Rollen wir kurz  auf. Am 13. März verunfallte im Wallis ein Reisecar aus Belgien. Beim Unglück starben 28 Menschen, darunter 22 Kinder.  24 weitere Kinder wurden verletzt. Beim «Blick» setzte man auf Betroffenheitsjournalismus erster Güte und besuchte den Vater eines beim Unfall getöteten Mädchens in Belgien. Dazu wurde eine Artikel veröffentlicht, der ein Foto des Mädchens zusammen mit seinen Kolleginnen, die beim Unglück ebenfalls ums Leben kamen, zeigt. Entgegen zuvor publizierten Artikeln waren die Gesichter der Mädchen weder verpixelt worden noch sonst unkenntlich gemacht.

Die NZZ zitierte darauf die flämische Medienministerin Ingrid Lieten mit den Worten:

Das geht viel zu weit.

Deutlichere Worte gebrauchte der Journalist Lukas Egli, welcher die Berichterstattung auf Twitter als «Arschloch-Journalismus» bezeichnete und dafür über 40 mal Retweetet wurde. Ging der «Blick» hier also tatsächlich zu weit? Der Presserat schreibt zu der Erklärung der Rechte und Pflichten von Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Bildern und Fotos:

Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.

Darüber hinaus besagt Richtlinie 7.3 der Erklärung zu den Richtlinien und Pflichten, dass gerade Kinder bei einer Berichterstattung besonders zu schützen sind. Im Zusammenhang mit der Blick-Berichterstattung kommt auch Richtlinie 7.8 zur Anwendung, welche den Umgang mit Trauernden regelt. Die Richtlinie besagt, dass bei einer Publikation von Bildern das öffentliche Interesse abgewogen werden müsse, gegen:

  • die Gefahr, die Privatsphäre der abgebildete(n) Person(en) und/oder die Sensibilität der Betrachter zu verletzen;
  • das Recht auf Totenruhe des/der Abgebildeten.

Sowohl beim Besuch des wohl unter Schock stehenden und trauernden Vaters, als auch bei der Publikation der Fotos der Mädchen wurden diese zwei Richtlinien tangiert. Ob dagegen verstossen wurde, wird der Presserat im Juni eventuell genauer prüfen. Doch selbst wenn der Presserat eine Verletzung der Richtlinien feststellen sollte, kommt dem Gremium oft nicht die nötige Beachtung zu Teil. Bleibt also nichts anderes übrig als abzuwarten, zu welchem Urteil der Presserat im Juni kommen wird.

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